„Hast du schon wieder Geld an deine Mutter überwiesen, ohne auch nur ein Wort mit mir zu wechseln?“ fuhr Andreas sie an und stürmte in die Küche

Diese mitleidlose Ungerechtigkeit bricht mir das Herz
Geschichten

— In unsere Lebensqualität, — entgegnete Andreas Hermann mit dem Tonfall eines Mannes, der soeben eine volkswirtschaftliche Grundsatzrede hält. — Übrigens: Studien belegen bestimmt, dass Paare mit einem ordentlichen Sofa seltener streiten.

Sophia Mayer verschränkte die Arme.

— Dann hätten wir längst auf einem vergoldeten Thron sitzen müssen.

— Jetzt lenk nicht ab. — Er wischte weiter über den Bildschirm. — Und hier, schau: ein Fernseher. Reduziert. Nur noch heute.

— „Nur noch heute“ ist bei Rabatten ein Dauerzustand, Andreas. Das gehört zum Geschäftsmodell.

— Wir können doch nicht weiter leben wie entfernte Verwandte mit Kaffeekasse, wenn wir das längst nicht mehr sind.

Sie sah ihn an, sagte nichts. Vielleicht, weil auch sie genug davon hatte, sich ständig kleiner zu machen als nötig. Sie wollte nicht mehr jeden Euro dreimal drehen, bevor sie ihn ausgab. Ein wenig Weite im Kopf, ein Hauch von Großzügigkeit im Alltag — das klang verlockend. Also kam zuerst das Sofa. Dann der Fernseher. Danach eine neue Waschmaschine. Und schließlich noch ein paar Dinge aus der Kategorie: „Wenn wir schon dabei sind.“

Und genau an diesem Punkt begann der eigentliche Teil der Geschichte.

Ein paar Wochen später lag Andreas ausgestreckt auf dem neuen Ecksofa, scrollte träge durch Nachrichten und sagte in diesem beiläufigen Ton, mit dem man gefährliche Themen tarnt:

— Übrigens hat meine Mutter angerufen.

— Aha, — antwortete Sophia aus der Küche. — Und?

— Nichts Dramatisches. Sie meinte nur, die Preise ziehen schon wieder an. Im Supermarkt fühlt sich inzwischen jede volle Tüte an wie ein Kreditvertrag.

— Überraschung, — erwiderte Sophia trocken und trocknete sich die Hände ab. — Ich habe neulich auch überlegt, ob ich für ein Paket Nudeln eine Bonitätsprüfung brauche.

Er lächelte kurz, wurde dann wieder ernst.

— Und die Nebenkosten sind gestiegen. Insgesamt ist es gerade nicht leicht für sie.

Sophia lehnte sich an den Türrahmen.

— Worauf willst du hinaus?

— Auf gar nichts. Ich erzähle nur.

— Wenn du „nur erzählst“, verschwindet danach meistens Geld von unserem Konto.

— Ach komm, — sagte er mit gespielter Empörung. — Ich teile einfach meine Gedanken. Vielleicht könnte man ihr ein bisschen unter die Arme greifen.

— Wer „man“?

— Meine Mutter natürlich.

— Deine Mutter also.

— Wie viele habe ich denn? — murmelte er.

— Nur zur Klarstellung. Du kannst sie unterstützen. Du gehst arbeiten.

Er legte das Handy weg und setzte sich auf.

— Sophia, mein Gehalt ist niedriger als deins.

— Und meine Geduld ist kürzer als früher. Was folgt daraus?

— Du übertreibst wieder.

— Nein. Du eröffnest gerade eine Diskussion, die wir vor Jahren schon abgeschlossen haben. Dein Grundsatz lautete damals: Jeder kümmert sich selbst um seine Eltern.

— Damals war die Situation eine andere.

— Stimmt. Damals ging es nicht um deine Mutter.

Sein Gesicht verhärtete sich.

— Warum musst du das gleich als Vorwurf formulieren? Ich rede doch ganz normal.

— Ich antworte ebenfalls ganz normal. Deine Mutter ist dein Verantwortungsbereich. Meine ist meiner.

— Aber du hast momentan mehr Spielraum.

— Mag sein, — sagte sie ruhig. — Und über meinen Spielraum entscheide ich.

Er schwieg. An diesem Abend ließ er das Thema fallen. Doch nicht dauerhaft. Er begann, es in kleinen Dosen zu servieren — regelmäßig, unaufdringlich, fast medizinisch dosiert.

Beim Frühstück:
— Mama ist heute wieder zu Fuß zum Markt gelaufen, um das Busgeld zu sparen.

Auf dem Heimweg:
— Die Stromrechnung meiner Mutter war so hoch, man könnte sie einrahmen.

Abends:
— Ihr Wasserhahn tropft, und der Installateur wollte ein Honorar, als würde er eine Oper dirigieren.

Sophia hörte zu, sagte wenig. Nicht aus Unwissenheit, sondern weil sie das Muster erkannte. Ihr Mann führte keinen offenen Angriff — er arbeitete mit Watte.

An einem Samstag stand Maria Böhm vor der Tür. Sie trug einen Mantel in einem warmen Kakaoton, hatte eine Tüte mit selbstgebackenen Taschen dabei und diesen Blick, der gleichzeitig bescheiden und bedeutungsvoll war — der Blick einer Frau, die nie direkt um etwas bittet, aber eine Atmosphäre schafft, in der man sich schuldig fühlt, wenn man nicht anbietet.

— Sophia, mein Schatz, wie schön dich zu sehen, — sang sie beinahe, als sie eintrat. — Ach, wie gemütlich ihr es habt. Ist das das neue Sofa? Sehr geschmackvoll. Man lebt hier ja richtig gut.

— Möchten Sie Tee? — fragte Sophia und stellte den Wasserkocher an.

— Aber selbstverständlich. Ohne Tee fühle ich mich inzwischen wie ein Politiker ohne Versprechen — theoretisch möglich, praktisch unglaubwürdig.

Andreas lachte auffallend laut.

Zunächst blieb das Gespräch harmlos. Man sprach über die Nachbarin, die sich mit der Hausverwaltung streitet. Über Tomatenpreise, die inzwischen klingen, als hätten sie ein Studium abgeschlossen. Über den Sohn einer Bekannten, der mit siebenundvierzig beschloss, „Coach für Fülle“ zu werden, während er noch immer bei seiner Mutter wohnt.

Dann stellte Maria Böhm ihre Tasse mit einem leisen Klirren ab und seufzte.

— Es ist wirklich nicht einfach derzeit. Alles wird teurer. Die Miete steigt, die Lebensmittel auch — nur die Rente wächst ausschließlich in den Nachrichten. Man weiß manchmal gar nicht, wo man zuerst sparen soll.

— Das stimmt wohl, — sagte Sophia neutral.

— Ich sage zu Andreas immer: Mach dir keine Sorgen um mich. Ihr seid jung, habt Pläne, Verpflichtungen. Ich komme schon zurecht. Aber es ist schon manchmal… schwierig. Da sitzt man und überlegt: Kaufe ich heute Hähnchen oder Waschmittel? Beides braucht man ja.

— Mama, bitte, — murmelte Andreas, doch seine Stimme klang eher wie eine Ermunterung.

— Ach, ich beschwere mich doch gar nicht, — sagte sie schnell. — Nur neulich musste ich den Küchenwasserhahn austauschen lassen. Der Handwerker nannte eine Summe, da dachte ich kurz, vielleicht lasse ich es einfach weiter tropfen. Das Geräusch hat ja auch etwas Meditatives.

Sophia rührte langsam ihren Zucker um.

— Konnte Andreas nicht helfen?

— Er hilft mir doch schon genug, — antwortete Maria Böhm eilig. — Aber ich will ihn nicht wegen jeder Kleinigkeit beanspruchen. Ein Mann soll abends nach Hause kommen und sich ausruhen, nicht von Rohr zu Rohr eilen.

— Das ist eine sehr rücksichtsvolle Haltung Männern gegenüber, — bemerkte Sophia. — Selten geworden.

Die Schwiegermutter lächelte milde.

— Man muss Männer heutzutage schonen. Sie reagieren empfindlich. Ein falsches Wort, und sie leiden heldenhaft.

Andreas schmunzelte. Dann, fast nebenbei:

— Übrigens, bei Mama gab es auch noch eine Nachzahlung bei den Nebenkosten.

— Wie spannend, — sagte Sophia ruhig. — Hoffentlich ohne juristisches Nachspiel.

— Nein, nur… eine beträchtliche Summe.

— Das kommt vor.

Eine Pause entstand. Eine dieser Pausen, in denen selbst das Klirren des Löffels übertrieben laut wirkt.

— Sophia, — begann Maria Böhm sanft, während sie mit den Fingern über den Tassenrand strich, — Andreas hat erzählt, dass es beruflich gut bei dir läuft. Beförderung, höheres Gehalt. Ich freue mich sehr für dich. Heutzutage sollte eine Frau unabhängig sein. Früher hieß es: Bleib zu Hause, koche Suppe. Aber die Zeiten ändern sich.

— Da haben Sie recht, — nickte Sophia.

— Genau. Und wenn eine Frau klug ist, denkt sie nicht nur an sich, sondern an die Familie, an das Zuhause, an die Älteren.

Sophia hob den Blick.

— Sehr weise Worte.

— Familie bedeutet doch, — fuhr Maria Böhm mit fester Stimme fort, — dass man nicht in „deins“ und „meins“ trennt. Dass man alles teilt: Freude, Verantwortung, Unterstützung.

Andreas studierte plötzlich intensiv den Inhalt seiner Tasse.

Sophia legte den Löffel ab.

— Darf ich etwas fragen, Maria Böhm?

— Natürlich, Liebes.

— Als meine Mutter vor drei Jahren Schwierigkeiten hatte, ihre Nebenkosten zu begleichen, und ich Andreas bat, ihr aus unserem gemeinsamen Budget zu helfen, sagte er, jeder Erwachsene trage die Verantwortung für seine eigenen Eltern. War das ebenfalls Teil dieser Familienphilosophie? Oder hat sie sich parallel zu meinem Gehalt weiterentwickelt?

Die Stille im Raum war so dicht, dass man sie hätte schneiden können.

Maria Böhm blinzelte.

— Ich weiß doch nicht, was ihr damals genau besprochen habt…

— Ich weiß es sehr genau, — erwiderte Sophia ruhig. — Deshalb bitte ich darum, auf große Worte über „alles gemeinsam“ zu verzichten. Sie klingen schön, funktionieren aber erstaunlich selektiv.

— Sophia, — presste Andreas hervor, — das geht zu weit.

— Nein. Es ist das erste Mal, dass ich es nicht weit genug gehen lasse.

Die Schwiegermutter straffte die Schultern und setzte eine verletzte Würde auf.

— Vielleicht hätte ich gar nichts sagen sollen. Ich wollte keinen Streit verursachen. Ich gehöre zu einer Generation, die sich schämt zu bitten.

— Sie bitten nicht, — sagte Sophia sachlich. — Sie steuern auf eine Schlussfolgerung zu. Das ist raffinierter.

— Also wirklich! — fuhr Andreas auf.

— Wirklich, — antwortete sie. — Ich habe inzwischen gelernt, Zwischentöne zu hören.

Maria Böhm stand auf.

— Dann gehe ich wohl besser. Ich möchte nicht bleiben, wo ich offensichtlich unerwünscht bin.

— Wie Sie wünschen, — sagte Sophia ruhig.

— Sophia! — rief Andreas scharf.

— Was denn? — Sie wandte sich ihm zu. — Ich habe niemanden beleidigt. Ich habe nur nicht so getan, als hätte ich nicht verstanden, worauf dieses Gespräch hinauslief.

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