„Hast du schon wieder Geld an deine Mutter überwiesen, ohne auch nur ein Wort mit mir zu wechseln?“ fuhr Andreas sie an und stürmte in die Küche

Diese mitleidlose Ungerechtigkeit bricht mir das Herz
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— Hast du schon wieder Geld an deine Mutter überwiesen, ohne auch nur ein Wort mit mir zu wechseln? — fuhr Andreas Hermann sie an und stürmte in die Küche, als betrete er keinen Wohnraum, sondern eine Anhörung wegen familiären Fehlverhaltens.

Sophia Mayer drehte sich nicht sofort um. Sie stand am Herd, rührte in der Suppe, beobachtete, wie Dillblättchen träge ihre Kreise zogen, und dachte bei sich, wie erstaunlich es doch ist, dass für Turnschuhe im Wert von zweihundert Euro das Geld wie von selbst auftaucht, während bei der Stromrechnung ihrer Mutter plötzlich Grundsatzdebatten über familiäre Zuständigkeiten beginnen.

— Ich habe nichts aus deinem Portemonnaie genommen, — erwiderte sie ruhig und stellte die Hitze niedriger. — Ich habe von meinem Konto überwiesen. Mama fehlte Geld für die Nebenkosten.

— Von deinem Konto? — Andreas lehnte sich mit einem schiefen Lächeln an den Türrahmen. — Wir sind hier eine Ehe. Seit wann gibt es da „dein“ und „mein“?

— Interessant, — sagte Sophia und wandte sich mit dem Kochlöffel in der Hand zu ihm um. — Wenn es um meine Mutter geht, sind wir plötzlich zwei getrennte Wirtschaftseinheiten: Jeder kümmert sich um seine Eltern. Aber wenn es dir passt, heißt es sofort: Alles gehört uns beiden.

— Verdrehe mir nicht die Worte, — brummte er und öffnete den Kühlschrank. — Wir hatten doch vereinbart, größere Ausgaben gemeinsam zu besprechen.

— Dreieinhalbtausend Euro sind keine Großinvestition. Das entspricht ungefähr deinen zwei Geschäftsessen und einem „Ich war so kaputt, ich hab mir was gegönnt“.

— Fang jetzt nicht an, meine Frikadellen zu bilanzieren, — schnappte Andreas und schlug die Kühlschranktür zu. — Ich arbeite schließlich.

— Und ich häkle Spitzen aus reiner Leidenschaft? — gab sie trocken zurück. — Ich arbeite genauso. Und zwar nicht weniger.

— Entscheidungen trifft man in einer Ehe zusammen.

— Wunderbar. Dann lass uns doch gemeinsam daran denken, wie du im Winter entschieden hast, als ich dich bat, Mama beim Gas zu unterstützen. Du standest genau dort, im gleichen Türrahmen, in deinem T‑Shirt mit der Aufschrift „Legend“, und sagtest: „Sophia, bitte nimm es mir nicht übel, aber ich finanziere keine fremden Verwandten.“

Andreas presste die Lippen aufeinander.

— Das war aus dem Zusammenhang gerissen.

— Nein, das war fast wortgetreu. Und du hast noch ergänzt, dass sie sich sonst daran gewöhnen würden. Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis, besonders für ungefragte Lebensweisheiten.

Sie stellte den Topf vom Herd. In der kleinen Einzimmerwohnung wurde es stickig — vom Dampf, von der Enge, vom immer gleichen Streit, der sich im Kreis drehte.

— Deine Mutter ist nicht „sie“, — sagte er gepresst. — Eltern sind Eltern. Aber man muss unterscheiden zwischen Hilfe und einem Fass ohne Boden.

— Ja, — nickte Sophia langsam. — Ich beginne auch zu erkennen, wo genau das Loch ist.

Er sah sie an, verstand die Spitze, tat jedoch so, als sei sie an ihm vorbeigegangen. Selektives Hören war eine seiner stärksten Begabungen.

— Wir zahlen noch den Kredit für den Kühlschrank ab, — begann er im Tonfall eines Nachrichtenmoderators. — Internet, Strom, Benzin, Lebensmittel. Und du überweist einfach, ohne…

— Ich sage es dir doch jetzt.

— Nachdem das Geld schon weg ist!

— Vorher hättest du mir eine vierzigminütige Präsentation gehalten, mit Diagrammen und einer Analyse meines Charakters.

— Weil du nicht planen kannst! — seine Stimme wurde lauter. — Du handelst aus dem Bauch heraus. Deine Mutter ruft an, und du fühlst dich sofort zur Weltrettung berufen.

— Nein, Andreas. Ich bringe es nur nicht fertig, so zu tun, als müsse ein nahestehender Mensch allein zurechtkommen, während wir darüber diskutieren, ob wir wirklich einen Fernseher brauchen, der eine halbe Wand bedeckt.

Er stellte sein Glas hart auf den Tisch.

— Den Fernseher haben wir gemeinsam ausgesucht.

— Du hast ihn durchgesetzt, — korrigierte sie mit einem schmalen Lächeln. — Das ist ein Unterschied.

Er winkte ab.

— Schluss jetzt. Ich will keinen Streit. Wenn du deiner Mutter helfen willst, dann bitte von deinem eigenen Geld. Von dem, was dir persönlich gehört. Damit hinterher niemand sagt, uns fehle etwas.

Sophia musterte ihn beinahe neugierig. Drei Jahre Ehe, und noch immer sprach er wie ein externer Controller für Gefühle.

— Gut, — sagte sie leise. — Von meinem eigenen also.

— Siehst du, geht doch, — atmete er erleichtert auf.

Er verschwand ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Sophia blieb in der Küche zurück. Draußen fiel feiner Märznieselregen. Auf dem Fensterbrett stand eine Tasse mit vertrocknetem Basilikum, den sie längst hatte umtopfen wollen. In der Spüle lag ein einzelner Teller. Es roch nach Suppe, angebratenen Zwiebeln und einer Müdigkeit, die sich langsam ausbreitete.

„Von meinem eigenen Geld“, dachte sie. Für manche ist das Gewissen offenbar wie ein Schrank aus Pressspan: Solange die Tür zu bleibt, wirkt alles ordentlich. Öffnet man sie, sieht man sofort, wie wacklig die Bretter sind.

Eine Woche später bat ihr Vorgesetzter sie in sein Büro. Kein Anlass für Panik, eher diese nüchterne Art von Anspannung, bei der man im Kopf durchgeht, welche E-Mail man vergessen haben könnte.

Der Chef hingegen wirkte ausgesprochen zufrieden. Er bot ihr sogar Tee an — in ihrer Firma fast schon eine Liebeserklärung.

— Frau Mayer, — begann er und legte die Hände zusammen, — die Stelle der Abteilungsleitung wird frei. Wir haben intern geschaut. Ich möchte sie Ihnen anbieten.

Sophia blinzelte.

— Mir?

— Ihnen. Sie haben ein Talent im Umgang mit Kunden, halten Termine ein und begegnen Menschen respektvoll. Das ist selten genug.

— Und… das Gehalt?

Er nannte die Summe.

Für einen Moment glaubte sie, sich verhört zu haben. Vielleicht war das der Quartalsbetrag? Nein, monatlich.

— Meinen Sie das ernst?

— Leider ja. Überlegen Sie es sich bis Freitag.

Sie brauchte keine fünf Minuten. Auf dem Flur ging sie ins Bad, schloss sich in einer Kabine ein und starrte einfach auf die Wand. Nicht, weil sie weinte — dazu bestand kein Anlass. Es war dieses leise, erwachsene Glück, das nicht zum Hüpfen verleitet, sondern zum Rechnen: keine Sorge mehr von Monatsanfang zu Monatsende. Schulden tilgen. Endlich vernünftige Stiefel kaufen. Ihrer Mutter helfen, ohne innerlich zusammenzuzucken. Vielleicht sogar wieder frei atmen.

Am Abend erzählte sie es Andreas.

— Wie viel? — fragte er noch einmal, und in seinen Augen funkelte es, als sei er selbst befördert worden.

Sie wiederholte die Zahl.

— Sophia! — Er lachte, hob sie hoch und drehte sich mit ihr im Kreis. — Endlich! Ich hab doch immer gesagt, die wissen gar nicht, was sie an dir haben! Jetzt fängt das richtige Leben an!

— Zuerst begleichen wir den Kredit, — sagte sie lächelnd und hielt sich an seinen Schultern fest. — Und legen etwas zurück.

— Klar, klar, — stimmte er hastig zu. — Aber wir dürfen uns auch etwas gönnen. Wir leben doch wie auf Durchreise. Das Sofa quietscht wie eine alte Straßenbahn, der Fernseher zeigt Bilder wie aus den Neunzigern, und die Waschmaschine heult, dass selbst Finn Huber aus dem dritten Stock vermutlich Mitleid hat.

— Finn Huber hat immer Mitleid, — murmelte Sophia.

— Und Urlaub! — fuhr Andreas fort, während er bereits auf seinem Handy scrollte. — Wenigstens ein paar Tage. Vielleicht an die Ostsee, vielleicht nach Südtirol. Hauptsache weg von diesem Hausflur.

— Erst die Schulden, — wiederholte sie, diesmal milder.

— Jawohl, Frau Finanzministerin.

Die ersten Monate fühlten sich tatsächlich leichter an. Sophia überwies ihrer Mutter Geld für Strom und Heizung, ohne dass sich der alte Druck in der Brust meldete. Sie kaufte gute Lebensmittel, nicht nur das, was im Angebot war. Lachs, der nach Fisch schmeckte, Käse mit Aroma statt Gummi. Andreas war zufrieden wie ein Kater in einer Molkerei.

Eines Abends breitete er vor ihr sein Handy und einen Prospekt auf dem Tisch aus.

— Schau dir das an. Ein Ecksofa. Grau, unempfindlich, mit Stauraum. Das ist doch kein Luxus, das ist eine Investition.

Sie hob die Augenbrauen.

— Eine Investition in unser bequemes Herumsitzen? — fragte sie.

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