„Als Vater?“ fragte Lina fassungslos, als Markus ihr die gemeinsamen Feiertage verweigerte

Solche kalte Gleichgültigkeit ist beschämend und ungerecht.
Geschichten

„Hast du dir die Kontoauszüge überhaupt angesehen?“, hatte Julia zuvor gefragt. „Das war keine Apotheke, Lina. Das war ein Juwelier.“

Lina erinnerte sich nur zu gut an die Push-Nachricht der Bank, die vor zwei Wochen auf Markus’ Tablet aufgeploppt war. Er hatte vergessen, sich auszuloggen. Die Summe war alles andere als gering gewesen. Auf ihre Nachfrage hin hatte er ruhig erklärt, es handle sich um eine Anzahlung für die Versicherung einer neuen Warenlieferung.

„Ich will keine eifersüchtige Furie sein“, hatte Lina leise erwidert.

„Dann sei wenigstens ehrlich zu dir selbst“, hatte Julia scharf entgegnet. „Wenn du das jetzt schluckst, steht sie bald hier mit gepackten Koffern, und du darfst dir einen Platz auf der Fußmatte suchen.“

Nachdem ihre Freundin gegangen war, durchmaß Lina ruhelos die Wohnung. Die Zweifel, die sie monatelang in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verbannt hatte, drängten sich nun mit Macht nach vorn. Plötzlich ergab alles ein Muster. Markus legte sein Handy grundsätzlich mit dem Display nach unten ab. Auf harmlose Fragen, wie der Nachmittag mit Hannah gewesen sei, reagierte er gereizt oder ausweichend. Und dieser Duft an seinen Hemden – kein Hauch von Babypuder, sondern ein schweres, süßliches Parfum, das nichts mit Kinderzimmern zu tun hatte.

In ihr wuchs keine explosive Wut, kein Drang zu schreien. Es war etwas Dunkleres, Zähes – die bittere Kränkung darüber, für naiv gehalten zu werden. Für bequem. Für berechenbar.

Sie griff zum Telefon, legte es jedoch gleich wieder weg. Ein Anruf würde nichts bringen. Lina wusste, wo sich das Büro seiner Firma befand. Und sie wusste auch, dass für heute angeblich nur eine kurze Besprechung vor der morgigen Geschäftsreise angesetzt war. Gestern Abend jedoch war er überraschend „zur dringenden Vorbereitung von Unterlagen“ aufgebrochen. Offenbar hatte diese Vorbereitung ganz woanders stattgefunden.

Sie wechselte die Kleidung. Keine bequemen Jeans, kein weiter Pullover, wie sie sie bei der Arbeit im Atelier trug. Stattdessen ein schlichtes, figurbetontes Kleid, das Haltung ausstrahlte. Dann bestellte sie ein Taxi.

Im Büro empfing sie eine junge Sekretärin mit unsicherem Blick. Markus Köhler sei bereits am frühen Nachmittag gegangen.

„Nach Hause?“, fragte Lina ruhig.

„Nein“, antwortete die Frau zögernd. „Er sprach von einem Termin. Etwas Wichtiges. Privates.“

Die Adresse von Victoria Gross war Lina bekannt. Markus hatte nie einen Hehl daraus gemacht, sie zu besuchen. „Ich fahre zu meiner Tochter, ich habe nichts zu verbergen“, hatte er stets betont – fast demonstrativ ehrlich. Das Haus lag in einer exklusiven Wohnanlage am anderen Ende der Stadt.

Während das Taxi durch die Straßen glitt, wurde Lina klar, dass sie keinen Streit suchte. Sie wollte Gewissheit. Selbst wenn sie hässlich war.

Die Tür ließ auf sich warten. In der Stunde, die Lina unterwegs gewesen war, hatte sich ihre anfängliche Unsicherheit in etwas Hartes verwandelt – wie zu Eis gefrorene Entschlossenheit. Sie drückte erneut auf die Klingel, diesmal länger.

Ein leises Klicken, dann öffnete sich die Tür.

Victoria stand im Rahmen. Nicht in Jogginghose oder mit einem Küchentuch über der Schulter. Kein Bild einer aufopfernden Mutter. Sie trug einen kurzen, bordeauxfarbenen Seidenmantel, der kaum mehr als eine Andeutung von Kleidung war. Darunter schimmerte nackte Haut. Ihr Haar war zerzaust, die Lippen glänzten frisch.

„Oh“, sagte sie mit einem Anflug gespielter Überraschung. „Lina? Mit Besuch haben wir nicht gerechnet. Hannah schläft.“

„Ich bin nicht wegen Hannah hier“, erwiderte Lina. Ihre Stimme klang fremd, dumpf.

Aus dem Flur, genauer gesagt aus dem Badezimmer, trat Markus. Um seine Hüften war lediglich ein Handtuch geschlungen. Seine Haare waren noch feucht, auf seiner Brust zeichnete sich ein rötlicher Kratzer ab. Er rieb sich das Gesicht trocken und summte vor sich hin.

Als er Lina bemerkte, erstarrte er. Das Handtuch in seiner Hand sank langsam herab.

„Lina?“, stammelte er. „Was… was machst du hier? Ich habe dir doch gesagt—“

Victoria lehnte sich lässig an den Türrahmen und zupfte demonstrativ an ihrem Morgenmantel, sodass er ein Stück weiter aufklaffte und ihr Bein freigab.

„Markus, klär das bitte mit deiner… Ehefrau“, sagte sie betont ruhig. „Wir waren gerade noch mitten im Gespräch über die Behandlung unserer Tochter.“

Die Dreistigkeit dieses Satzes traf Lina wie ein Schlag. Sie blickte den Mann an, den sie für verlässlich gehalten hatte. Den sie verteidigt, unterstützt, aufgebaut hatte. Und nun stand da ein Fremder – ertappt, halb nackt, und doch noch bemüht, die Kontrolle zu behalten.

Markus fing sich erstaunlich schnell, trat einen Schritt vor und versuchte, Autorität auszustrahlen.

„Bist du mir etwa nachspioniert?“, fuhr er sie an. „Hast du den Verstand verloren? Ich habe dir klar gesagt, du sollst zu Hause bleiben!“

Lina schrie nicht. Sie machte keine Szene, griff niemanden an. Stattdessen ließ sie ihren Blick langsam über beide schweifen, als würde sie jedes Detail dieses erbärmlichen Schauspiels abspeichern. In ihrem Inneren hörte sie förmlich ein leises Klicken – wie das Zuschlagen einer Tür.

Für immer.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber