„Die Schlüssel“, sagte sie ruhig.
„Wie bitte?“ Markus Köhler blinzelte irritiert.
„Gib mir sofort die Wohnungsschlüssel.“
Er starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Jetzt fahr erst mal nach Hause. Wir reden später in Ruhe“, murmelte er und griff nach ihrem Arm, um sie beiseitezuziehen.
Lina entzog sich ihm so abrupt, dass seine Hand ins Leere griff.
„Ich meine es ernst. Die Schlüssel. Andernfalls rufe ich die Polizei und melde fremde Personen in meiner Wohnung. Du bist dort nicht gemeldet.“
Ein hässliches Lachen entwich ihm. Mit einem Fluch stapfte er zur Kommode im Flur von Victoria Gross’ Apartment, riss seine Umhängetasche auf, zog den Schlüsselbund heraus und schleuderte ihn vor Linas Füße.
„Bitte sehr. Und jetzt hör auf mit deinem Theater.“
Ohne ein weiteres Wort bückte sie sich, hob die Schlüssel auf und ging zum Aufzug. Hinter ihr vermischten sich Victorias zischende Vorwürfe mit Markus’ gereizten Rechtfertigungen.
In ihrer eigenen Wohnung funktionierte Lina wie eine Maschine. Präzise, kontrolliert, ohne innezuhalten. Vom oberen Regal holte sie die großen karierten Taschen, die man sonst nur für Umzüge hervorholte. Dann öffnete sie Markus’ Kleiderschrank.
Anzüge, Hemden, Freizeitjacken – alles landete unsortiert in den Taschen. Seine teuren Lederschuhe folgten, die Sammlung von Krawatten, selbst die Espressomaschine, die er sich „nur für sich“ angeschafft hatte und die sie kaum berühren durfte.
Die Wohnung gehörte ihrem Großvater, einem renommierten Architekten, dessen Handschrift viele Gebäude der Stadt prägte. Inzwischen lebte er pflegebedürftig bei Linas Mutter am Stadtrand. Markus hatte sich hier jedoch stets als Hausherr aufgeführt. Er hatte renoviert, Möbel entsorgt, alles nach seinem Geschmack gestaltet – und irgendwann begonnen, das Ganze als sein Eigentum zu betrachten.
Zwei Stunden später hämmerte es an der Tür. Mit seinem eigenen Schlüssel konnte er nicht mehr hinein.
Lina öffnete. Markus stand davor, geschniegelt, aber noch immer zerzaust vom Morgen. In seinem Blick lagen Wut und Fassungslosigkeit.
„Was sollte diese Szene vor Victoria?“, fuhr er sie an und trat ungefragt ein. „Du hast mich lächerlich gemacht!“
Mitten im Satz stoppte er. Sein Blick fiel auf die gestapelten Taschen im Flur.
„Was ist das?“
„Deine Sachen. Alle. Nimm sie mit.“
Ein scharfes, ungläubiges Lachen kam über seine Lippen. „Du setzt mich vor die Tür? Wegen einer kleinen Affäre? Lina, übertreib nicht. Ja, es ist passiert. Ein Ausrutscher. So sind Männer eben. Victoria weiß, wie man…“ Er machte eine vielsagende Handbewegung. „Aber ich lebe doch mit dir. Du bist verlässlich, gemütlich, ruhig. Das andere war nur Ablenkung.“
„Ablenkung?“, wiederholte sie leise. „Du hast mir verboten, meine Mutter zu besuchen. Du hast mich an Feiertagen hier festgehalten. Du hast über deine Tochter gelogen, um zu verschwinden. Und du nennst das Ablenkung?“
Er stieß eine der Taschen mit dem Fuß an und ging ins Wohnzimmer. „Erspar mir das Pathos. Die Wohnung mag deinem Großvater gehören, aber ich habe das Geld in die Renovierung gesteckt. Wenn ich gehe, will ich meinen Anteil zurück. Und außerdem – wer braucht dich schon? Mit deinen gepressten Blümchen und getrockneten Zweigen? Ohne mich würdest du kaum über die Runden kommen. Du bist langweilig, Lina. Farblos. Victoria ist Feuer. Du bist Stillstand. Ich habe das akzeptiert, weil es bequem war. Und jetzt spielst du plötzlich die Starke?“
Kein Wort der Reue. Keine Spur von Einsicht. Nur Vorwürfe und Selbstgefälligkeit.
„Geh“, sagte sie ruhig. „Einfach geh.“
„Ich gehe ja“, knurrte er und packte zwei Taschen. „Du wirst schon merken, dass man allein nicht weit kommt. Und wenn du anrufst, überlege ich mir, ob ich dich zurücknehme.“
Er schleppte alles auf den Flur. Kurz darauf summte der Aufzug und brachte ihn nach unten.
Lina schloss die Tür ab. Tränen kamen nicht. Stattdessen breitete sich eine ungewohnte Leere in ihr aus – und darunter, kaum wahrnehmbar, ein klarer, heller Ton von Freiheit.
Der erste Mai begrüßte sie mit Sonne. Kein Weckerklingeln riss sie aus dem Schlaf, sondern ein Lichtstrahl auf ihrem Gesicht. Sie fühlte sich ausgeruht. Die Stille in der Wohnung wirkte nicht bedrohlich, sondern rein.
„Es ist Feiertag“, murmelte sie. „Und ich feiere.“
Sie beschloss, sich den Frühling nicht nehmen zu lassen. Mehl, Eier, Sahne – mit ruhigen Bewegungen bereitete sie ihren Lieblingskuchen zu: einen Honigkuchen, den Markus stets als „altmodisch“ verspottet hatte, während er gekaufte Torten bevorzugte. Bald erfüllte warmer Duft nach Honig und Teig die Räume.
Aus dem Balkon holte sie Zweige der blühenden Apfelbäume, die sie vor zwei Tagen gepflückt und versteckt hatte, damit Markus sie nicht als „Unordnung“ bezeichnete. Nun stellte sie sie in eine Vase auf den Tisch.
Dann legte sie Musik auf. Alten Jazz, den ihr Großvater geliebt hatte.
Gegen zwei Uhr nachmittags klingelte es. Hartnäckig. Fordernd.
Lina trat an die Tür und blickte durch den Spion.
Draußen stand Markus.
