„Als Vater?“ fragte Lina fassungslos, als Markus ihr die gemeinsamen Feiertage verweigerte

Solche kalte Gleichgültigkeit ist beschämend und ungerecht.
Geschichten

— Markus, willst du mir ernsthaft erklären, dass ich die gesamten Feiertage im Mai allein verbringe und die Tapete anstarre? — Lina Hartmann sprach leise, beinahe beherrscht. Sie gab sich Mühe, jede schrille Nuance aus ihrer Stimme zu verbannen, denn genau diese hatte Markus Köhler in letzter Zeit so demonstrativ gereizt. Am Fenster stehend, ohne wirklich hinauszusehen, fixierte sie seinen breiten Rücken.

— Lina, fang bitte nicht wieder damit an, — erwiderte er, ohne sich umzudrehen. Sorgfältig sortierte er Unterlagen in seinen dunklen Lederkoffer. — Hannah hat einen heftigen Allergieschub. Sie braucht frische Luft, Ruhe, Natur. Und ihren Vater. Victoria hat außerhalb der Stadt ein Haus gemietet. Ich werde einfach da sein. Als Vater.

— Als Vater? — Lina trat näher. — Und weshalb kann ich nicht mitkommen? Ich würde mich im Hintergrund halten, im Wald spazieren gehen, während ihr Zeit miteinander verbringt. Wir sind doch immerhin verheiratet.

Mit einem abrupten Ruck klappte Markus den Koffer zu. Das Geräusch klang hart und endgültig. Nun drehte er sich zu ihr um. In seinem Gesicht lag dieser müde, gönnerhafte Ausdruck, der Lina jedes Mal innerlich zusammenzucken ließ. Er sah sie an wie ein trotziges Kind, das vor dem Abendessen nach Süßigkeiten verlangt.

— Victoria ist dagegen. Sie meint, deine Anwesenheit würde Hannah emotional belasten. Die Allergie ist psychosomatisch, Lina. Jeder Stress kann einen neuen Schub auslösen. Möchtest du wirklich die Verantwortung übernehmen, wenn meine Tochter wieder Ausschlag bekommt?

— Natürlich nicht, aber… — Sie stockte. Die Argumentation war plump, doch sie verfehlte ihre Wirkung nicht. — Markus, es sind zehn Tage. Ich dachte, wir fahren zu meinen Eltern aufs Land. Opa hat schon gefragt…

— Dein Großvater wird es verkraften, — schnitt er ihr das Wort ab. — Und zu deiner Mutter fährst du ebenfalls nicht.

— Wie bitte? — Ihre Verwunderung war echt.

— Weil ich es so will. Ich brauche nicht, dass du dort sitzt und dich von den ständigen Klagen deiner Mutter weiter hineinsteigerst. Bleib hier, beschäftige dich mit deinen Pflanzenabdrücken. Sieh es als Auszeit. Ich komme zurück, sobald die Feiertage vorbei sind. Betrachte es als Geschenk: völlige Freiheit vom Alltag.

Er trat zu ihr, drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange — eher wie einen Stempel auf ein Formular als eine zärtliche Geste — und griff nach seinem Mantel. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Lina blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Der Duft seines Aftershaves hing noch in der Luft, vermischt mit dem Geruch von Leder. Markus arbeitete als Verhandlungsführer in einem großen Logistikunternehmen, organisierte Lieferungen seltener Edelhölzer für exklusive Yachtbauer. Sein Erscheinungsbild war für ihn ein Werkzeug, genauso wichtig wie seine gewandte Rhetorik.

Langsam ließ sie sich auf das Sofa sinken. In ihrem Kopf wiederholte sich ein einziger Satz: Er ist nur ein fürsorglicher Vater. Er liebt seine Tochter. Ich muss Verständnis zeigen. Sie redete sich ein, dass ihre Unruhe unbegründet sei, dass Misstrauen nur aus Unsicherheit und Egoismus wachse. Victoria gehörte zur Vergangenheit. Sie, Lina, war die Gegenwart. Markus hatte sie geheiratet. Das musste doch etwas bedeuten. Also musste sie Geduld haben. Einfach abwarten.

Die folgenden drei Tage zogen sich wie durch zähen Nebel. Lina versuchte, sich in Arbeit zu flüchten. In einem der großzügigen Zimmer der Wohnung hatte sie ihr Atelier eingerichtet. Überall standen Formen, Säcke mit Gips, Bündel getrockneter Gräser und Blüten. Sie fertigte botanische Reliefs an — detailreiche Abdrücke echter Pflanzen, eingefroren in weißem Stein. Diese Kunst verlangte Konzentration, beinahe meditative Ruhe. Doch ihre Hände waren unruhig. Der Ton wirkte widerspenstig, der Gips erstarrte entweder zu schnell oder blieb als graue, klumpige Masse zurück.

Als Julia Gross spontan auf einen Kaffee vorbeikam, hörte sie sich Linas Bericht mit weit aufgerissenen Augen an.

— Lina, das meinst du doch nicht ernst? Er verbietet dir, deine Mutter zu besuchen?

— Er sagt, ich würde mich dort nur verrückt machen lassen…

— Ach, und hier findest du plötzlich inneren Frieden? — Julia tippte sich vielsagend an die Schläfe. — Wach auf. Dein Mann verbringt sämtliche Feiertage bei seiner Exfrau, und du sollst brav zu Hause bleiben. Allergie? Wogegen denn — gegen deine Existenz?

— Bitte… Victoria ist immerhin die Mutter seines Kindes.

— Victoria ist eine Strategin. Vor zwei Jahren hat sie ihn mit einem Koffer vor die Tür gesetzt, weil sie jemanden mit angeblich besseren Perspektiven gefunden hatte. Und jetzt? Jetzt ist dieser Hoffnungsträger verschwunden, Markus hat Karriere gemacht, fährt ein neues Auto, tritt geschniegelt auf — nicht zuletzt dank deiner Unterstützung — und plötzlich erinnert sie sich daran, dass Hannah einen Vater hat. Lina, er fährt seit Wochen zu ihr, angeblich um Medikamente vorbeizubringen…

Und genau dieser Gedanke begann sich in Linas Kopf festzusetzen und ließ sich nicht mehr so leicht vertreiben.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber