„Wenn du ihn auch nur anfasst, breche ich dir noch hier und jetzt den Arm“, sagte Hannah Weiß leise. Ihre Stimme war kaum erhoben, doch sie klang so hart wie Stahl. „Hand runter.“
Daniel Roth presste zischend die Luft zwischen den Zähnen hervor, doch er gehorchte. Der stechende Schmerz hatte ihm endgültig die Illusion von Kontrolle genommen. Trotzdem suchte sein verletzter Stolz verzweifelt nach einem letzten Angriffspunkt.
„Das werdet ihr bereuen!“, fauchte er und starrte auf die Fliesen. „Ich sorge dafür, dass ihr keinen Cent mehr seht. Ihr landet auf der Straße! Die Wohnung gehört meiner Mutter, schon vergessen? Morgen fliegt ihr hier raus!“
Hannah lockerte den Griff gerade so weit, dass er sich unbeholfen auf den Rücken drehen konnte. Ein schmales, fast mitleidloses Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Die Wohnung wurde während unserer Ehe gekauft, Daniel. Und ein erheblicher Teil kam aus dem Verkauf des Hauses meiner Großmutter. Sämtliche Belege liegen bei mir. Seit einem halben Jahr lasse ich mich von einem erfahrenen Anwalt beraten – Zugewinnausgleich, Vermögensaufteilung, das komplette Programm. Niemand wird hier hinausgeworfen. Deine Sachen passen in eine Reisetasche, oder brauchst du Müllsäcke?“
Der alte Kühlschrank brummte monoton, als wollte er das Ende einer Ära begleiten. Daniels kleine Welt, in der er sich als unangefochtener Herrscher gefühlt hatte, zerfiel lautlos in Staub. Von seiner eingebildeten Macht blieb nichts als bittere Niederlage.
„Pack deine Sachen“, sagte Hannah ruhig und trat einen Schritt zurück, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Du hast eine Stunde.“
Mühsam stemmte er sich hoch und klammerte sich an die Tischkante. Er vermied jeden Blickkontakt. Die giftige Überheblichkeit war verschwunden; übrig blieb ein gekrümmter, gebrochener Mann. Wortlos schleppte er sich ins Schlafzimmer zum Kleiderschrank.
Vierzig Minuten später rumpelten die Rollen einer überfüllten Reisetasche durch den Flur. Daniel zog seine Schuhe an, warf sich die Jacke über und blieb an der Tür stehen. Nervös ließ er den Schlüsselbund in seiner Hand kreisen. Offenbar suchte er nach einem letzten, verletzenden Satz. Er holte tief Luft, griff nach der Klinke und wollte die Tür mit demonstrativem Krach zuschlagen – ein letzter, armseliger Versuch, Stärke zu zeigen.
Doch Hannah trat gelassen näher und legte ihre Hand fest gegen das Holz, sodass er keinen Schwung holen konnte.
„Die Schlüssel legst du auf die Kommode“, sagte sie sachlich.
Er schluckte, warf das Bund achtlos auf die Ablage und trat hinaus ins Treppenhaus. Ohne Hast schloss Hannah die Tür hinter ihm und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss. Kein Knall, kein Drama – nur ein leises, endgültiges Klicken.
Langsam ging sie zurück in die Küche. Die Anspannung war von ihr abgefallen und hatte einer angenehmen Schwere in den Muskeln Platz gemacht. Sie stellte den Wasserkocher auf die Herdplatte und nahm zwei große Keramiktassen aus dem Schrank.
Sie und Noah Huber setzten sich an den Tisch. Das aufkochende Wasser rauschte beruhigend, als würde es den Raum mit neuer Wärme füllen. Keiner von beiden sagte etwas. Sie saßen einfach nebeneinander, hielten ihre Tassen mit dampfendem Minztee in den Händen und lauschten dem fernen Summen der Abendstadt hinter dem Fenster.
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Luft in ihrer Wohnung leicht an – frei, ruhig und ohne Angst.
