„Kann mir mal jemand erklären, ob hier überhaupt noch Menschen wohnen, oder komme ich jeden Abend in ein leeres Loch zurück?!“ rief Daniel wütend, stampfte herein und schleuderte seinen Stiefel gegen das Schuhregal

Diese unerträgliche Selbstsucht ist zutiefst zerstörerisch.
Geschichten

Er stand einer Frau gegenüber, die er nicht mehr kannte – aufrecht, gesammelt, mit einer Selbstsicherheit, die ihm fremd war.

„Ich bring dich schon wieder zur Vernunft“, zischte Daniel Roth, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Mit einem wütenden Schritt kam er näher und ließ die schwere Hand zum Schlag hochfahren.

Hannah Weiß schrie nicht. Sie wich nicht zurück, hob auch nicht schützend die Arme. Ihr Körper reagierte schneller als jeder Gedanke. Jahre auf der Tatami hatten Bewegungen in ihr verankert, die nun wie von selbst abliefen. Statt zurückzuweichen, trat sie einen halben Schritt vor – genau in die Angriffslinie hinein.

Ihre Finger schlossen sich blitzschnell um sein Handgelenk, noch bevor seine Faust ihr Gesicht erreichen konnte. Eine kontrollierte Drehung, eine Gewichtsverlagerung, ein kaum sichtbarer Fußhaken – sie nutzte seine eigene Wucht gegen ihn.

Ein einziger, präziser Ablauf.

Mit einem dumpfen Krachen landete Daniel auf dem mit Linoleum ausgelegten Küchenboden.

Die Luft entwich ihm pfeifend aus den Lungen. Benommen blinzelte er und starrte fassungslos zur Decke, die plötzlich direkt vor seinen Augen schwebte. Sein rechter Arm war schmerzhaft hinter den Rücken gezwungen, das Gelenk brannte, als würde es in Flammen stehen. Über ihm stand seine Frau.

Die angeblich bequeme, angepasste Hannah.

Er versuchte, sich mit roher Kraft aufzubäumen, doch der Griff hielt eisern. Obwohl sie einen halben Kopf kleiner war, fixierte sie ihn ohne sichtbare Anstrengung.

„Lass…“, keuchte er, jeder Versuch einer Bewegung wurde mit einem stechenden Schmerz quittiert.

Doch das eigentlich Unerträgliche geschah, als sein Blick zur Tür glitt.

Im Rahmen stand Noah Huber. Vom Geräusch des Aufpralls angelockt, hatte er die Tür einen Spalt geöffnet und blickte nun reglos auf seinen am Boden liegenden Vater. Daniel wartete verzweifelt auf das vertraute Bild von Angst oder Verwirrung im Gesicht des Vierzehnjährigen. Doch dort war nichts dergleichen zu sehen. Stattdessen lag in den Augen des Jungen eine kühle, beinahe erwachsene Verachtung.

Langsam zog Noah sein Smartphone aus der Tasche, aktivierte die Kamera und richtete sie direkt auf ihn.

„Was soll das?“ hauchte Daniel, während ihm kalter Schweiß den Rücken hinablief.

„Ich filme“, antwortete Noah ruhig. „Wie der große, unantastbare Abteilungsleiter auf dem Küchenboden liegt. Ein falsches Wort gegen Mama, eine einzige Drohung – und das Video geht sofort an deinen Chef. Und an Oma. Dann können sich alle selbst ein Bild machen.“

Für Daniel, der seine Außenwirkung wie einen Schatz hütete und sich vor seinen Vorgesetzten förmlich verbog, trafen diese Worte empfindlicher als jeder körperliche Schmerz. Dieser soziale Druck zielte genau auf seine größte Schwachstelle.

„Junge… übertreib nicht“, stammelte er plötzlich kleinlaut. „Steck das Handy weg. Wir regeln das unter uns.“

Noch immer auf der Seite liegend, riss er die freie linke Hand nach vorn, versuchte Noah am Hosenbein zu packen und ihm das Telefon zu entreißen.

Hannah reagierte augenblicklich. Ihr Griff wurde noch unerbittlicher, sie verstärkte den Hebel und drückte seinen verdrehten Arm entschlossen weiter nach unten.

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