„Seit zehn Tagen sind Sie hier“, fuhr ich fort, ohne die Stimme zu heben. „In dieser Zeit habe ich allein für Lebensmittel 22.000 Euro ausgegeben. Nur für Essen. Wasser, Strom und meine Arbeitszeit sind da noch nicht eingerechnet – Stunden, in denen ich koche, statt Aufträge abzuarbeiten. Wenn das so weiterläuft, landen wir am Monatsende bei fast 70.000 Euro. Wollen wir die Kosten gemeinsam tragen?“
Es war so still, dass man das Tropfen des Wasserhahns hören konnte.
Helena Braun lief dunkelrot an. „Sag mal – verlangst du ernsthaft Geld von der Familie?“
„Ich bitte um eine faire Aufteilung der Ausgaben. Sebastian und ich verdienen nicht genug, um sechs Erwachsene dauerhaft zu versorgen.“
„Sebastian, hörst du das?“ Sie wandte sich empört an ihren Sohn. „Sie zieht uns das Geld aus der Tasche!“
Er hob beschwichtigend die Hand. „Johanna, muss das vor allen sein?“
„Wann denn sonst? Unter vier Augen hörst du mich doch nicht.“
Maximilian Mayer schob seinen Teller von sich. „Jetzt übertreibst du aber, Johanna. Wir sind zu Besuch. Seit wann kostet ein Besuch Eintritt?“
„Ein Besuch dauert ein Wochenende“, entgegnete ich. „Vier Wochen nennt man Wohnen.“
Mila Sommer hob langsam den Blick. Für einen Moment meinte ich, in ihren Augen etwas wie Mitgefühl zu erkennen.
Das Essen endete wortlos. Ich stand allein in der Küche und spülte – vierunddreißig Teile, ich zählte mit. Niemand fragte, ob er helfen könne. Niemand sprach noch einmal über Geld.
In der Nacht blieb Sebastian fern. Vom Fenster aus sah ich ihn später im Auto sitzen. Offenbar schlief er wieder dort.
Am zwölften Morgen riss mich Helenas Stimme um halb sieben aus dem Schlaf.
„Johanna! Der Borschtsch muss aufgesetzt werden! Ich esse um zwölf!“
Es war Samstag. Mein einziger freier Tag ohne dringende Berichte.
Ich starrte an die Decke. Hinter der Wand hustete Maximilian. Raschelnde Plastiktüten – Mila. Markus Hermann schaltete den Fernseher ein, viel zu laut, weil sein Gehör nachgelassen hatte.
Sebastian kam aus dem Flur, es roch nach kaltem Auto. „Steh bitte auf. Mama wartet.“
Ich setzte mich auf. Betrachtete seine breiten Schultern, die sich sofort senkten, als aus der Küche erneut Helenas Stimme erklang.
„Hast du mich eigentlich gefragt, bevor du sie eingeladen hast?“, fragte ich leise.
„Nicht schon wieder, Johanna.“
„Doch. Du hast vier Menschen für einen Monat in unsere Wohnung geholt. Ohne mich zu informieren. Ohne zu fragen, ob ich Termine habe, Arbeit, Pläne. Du sagtest nur: ‚Sie kommen am Samstag.‘ Das war alles.“
Er rieb sich die Nasenwurzel – diese Geste kannte ich seit sieben Jahren.
„Es ist Familie. Was hätte ich tun sollen? Absagen?“
„Mir hast du auch nichts abgesagt. Du hast mich schlicht übergangen.“
„Und was willst du jetzt? Sie rauswerfen?“
Ich antwortete nicht. Stand auf, ging in die Küche und setzte den Borschtsch an. Vier Stunden Arbeit – Rote Bete schneiden, Kohl hobeln, Brühe köcheln lassen. Helena saß auf einem Hocker daneben und überwachte jede Bewegung.
„Zu wenig Salz.“
Ich gab etwas dazu.
„Immer noch zu wenig.“
Noch eine Prise.
„Und die Rote Bete machst du jedes Mal falsch.“
Zwölf Tage. Jeweils etwa vier Stunden am Herd. Achtundvierzig Stunden – mehr als eine volle Arbeitswoche. Und noch achtzehn Tage lagen vor mir.
Nach dem Essen bat Helena ihren Sohn auf den Balkon. Beim Abwasch hörte ich jedes Wort durch das gekippte Fenster.
„Sie passt nicht zu dir, Sebastian. Kühl. Geizig. Rechnet alles in Geld auf. Du hättest etwas Besseres verdient.“
Ich drehte den Wasserhahn zu. Der Teller in meiner Hand war glitschig vom Spülmittel. Sorgfältig stellte ich ihn ins Abtropfgestell.
Dann trocknete ich mir die Hände, ging ins Schlafzimmer, klappte den Laptop auf und suchte nach Last-Minute-Reisen.
Türkei. Antalya. Abflug übermorgen. Achtundzwanzig Tage, Drei-Sterne-Hotel, All-inclusive. 44.000 Euro. Auf meiner Karte waren 48.000.
Ich klickte auf „Buchen“. Meine Hände zitterten nicht. Zum ersten Mal seit fast zwei Wochen.
Am Morgen des vierzehnten Tages stand ich um fünf Uhr auf. Es war noch dunkel und vollkommen still.
Ich packte meinen kleinen Koffer – Sommerkleider, Badeanzug, Sandalen, Sonnencreme, Ladegerät, Reisepass. Handgepäckgröße; ich hatte ihn vor drei Jahren extra gekauft, um nichts aufgeben zu müssen.
Auf dem Küchentisch ließ ich einen Zettel zurück, groß und deutlich geschrieben.
„Willkommen! Eure Gastgeberin macht Urlaub. Für einen Monat. Im Gefrierfach liegen Hähnchen und Pelmeni. Borschtsch braucht vier Stunden – das Rezept kennt Helena Braun. Erholt euch gut!“
Daneben legte ich die Ersatzschlüssel.
Das Taxi wartete bereits vor dem Haus. Der Fahrer verstaute meinen Koffer.
„Zum Flughafen Köln/Bonn?“
„Ja.“
Ich schnallte mich auf dem Rücksitz an und blickte noch einmal zu unseren dunklen Fenstern hinauf. Niemand hatte etwas bemerkt.
Als der Wagen anfuhr, lehnte ich den Kopf zurück und atmete tief durch. Erst da merkte ich, wie flach ich in den letzten zwölf Tagen geatmet hatte. Meine Schultern sanken, der Druck im Nacken ließ nach.
Um 7:42 Uhr vibrierte mein Handy. Ich saß schon am Gate. Sebastian.
Ich drückte weg. Er rief erneut an. Wieder lehnte ich ab.
Eine Nachricht erschien: „Wo bist du?!“
Ich schrieb: „Am Flughafen. Ich fliege für einen Monat in Urlaub. Genau wie deine Familie – ohne Ankündigung. Lies den Zettel.“
Dreiundzwanzig Sekunden vergingen.
Dann
