„Sollen sie doch kommen.“ sagte Laura mit ruhigem, entschlossenem Lächeln

Unverschämt, rücksichtslos — und trotzdem mutig entschieden.
Geschichten

„Und man sieht sogar das Meer! Kinder, kommt schnell her, schaut euch das an!“

Mit lautem Getrappel stürmten die drei hinaus auf die Veranda. Sabine Meier verschwand derweil zielstrebig in der Küche und öffnete eine Schranktür nach der anderen, als müsse sie eine Bestandsaufnahme machen. Noah Lehmann stellte seine große Kühltasche neben der Wand ab, bat um ein Glas Wasser und lehnte sich dagegen. Milo Engel hatte bereits eine Steckdose entdeckt, sein Ladekabel eingestöpselt – und war im nächsten Moment nur noch als schweigender Körper mit leuchtendem Display wahrnehmbar.

Als der erste Lärmpegel etwas absank, wandte sich Laura Sommer an ihre Cousine.

„Sandra, es gibt da etwas, das du wissen solltest“, begann sie ruhig. „Die Wohnung hier gehört uns nicht. Wir haben sie gemietet. Der Eigentümer verlangt zehntausend Euro pro Tag.“

Stille. Eine gedehnte, spürbare.

„Wie bitte?“ Sandra drehte sich langsam um.

„Zehntausend. Für das gesamte Apartment. Das ist der übliche Preis hier im Juli. Kannst du auf jedem Portal nachlesen.“

„Aber ihr wohnt doch hier.“

„Ja. Und wir bezahlen für unseren Aufenthalt. Euch hat allerdings niemand eingeladen.“

Sandra öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Ihr Blick glitt zu Noah, der sein Wasserglas musterte, als hätte er so etwas noch nie gesehen. Dann sah sie zurück zu Laura.

„Gut“, sagte sie schließlich. In ihrer Stimme lag jener Ton, den Laura nach zwölf Jahren mühelos erkannte: oberflächliche Nachgiebigkeit, darunter die feste Überzeugung, dass sich am Ende schon alles irgendwie von selbst regeln würde. „Drei Tage. Dann fahren wir wieder. Die Kinder wollten das Meer sehen. Das verstehst du doch.“

„Natürlich“, erwiderte Laura.

Die folgenden drei Tage verliefen exakt so, wie sie es erwartet hatte. Bereits am ersten Morgen räumte Sabine die komplette Küche um: Teller stapelten sich neu sortiert, Tassen standen plötzlich ineinandergeschoben, Gewürze verschwanden in einer hinteren Ecke. Die Kinder liefen mit nassen Füßen durch sämtliche Räume, hinterließen Abdrücke auf dem Sofa und ließen Handtücher von der Balkonbrüstung auf den darunterliegenden Stock fallen. Milo belegte das bequemste Sofa für sich, ließ Musik über seinen Handylautsprecher laufen und kam nicht ein einziges Mal auf die Idee, irgendwo mit anzupacken. Sandra öffnete den Kühlschrank mit der Selbstverständlichkeit einer Gastgeberin, als hätte sie selbst eingekauft.

Felix Walter griff sich nach dem Morgenkaffee meist wortlos ein Handtuch und ging an den Strand. Laura arbeitete währenddessen remote, den Laptop auf den Knien, Kopfhörer auf den Ohren, am Rand der Veranda sitzend. Sie beobachtete das Geschehen mit einer ruhigen Sachlichkeit – wie jemand, der eine Uhr im Blick behält: ohne Hast, ohne Nervosität, im Wissen, dass der Zeiger seinen Weg von allein vollendet.

Am vierten Morgen, als Sandra gerade dabei war, mit den Kindern aufzubrechen, trat Laura aus dem Schlafzimmer und legte ein ausgedrucktes Blatt Papier auf den Esstisch.

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