„Bitte sehr“, sagte ich ruhig und zuckte mit den Schultern. „Die Küche gehört dir.“
Matthias quittierte das nur mit einem spöttischen Schnauben. Für ihn stand fest, dass ich bluffte. In seiner Vorstellung war es schlicht undenkbar, dass eine Ehefrau den Besuch der hochgeschätzten Verwandtschaft ignorieren und einen leeren Esstisch riskieren würde. Er war überzeugt, spätestens am Freitagabend würden mir die Nerven durchgehen und ich hektisch anfangen, Kartoffelsalat zu rühren und Braten vorzubereiten.
Doch am Freitag geschah… nichts dergleichen.
Ich packte in aller Seelenruhe eine kleine Reisetasche. Am Samstagmorgen, als der selbsternannte Hausherr noch tief und fest schlief, bestellte ich mir ein Taxi und fuhr für zwei Tage in ein Wellnesshotel außerhalb der Stadt. Mein Handy stellte ich konsequent auf lautlos.
Die einzige Verbindung zur Wohnung waren die versteckten Kameras im Wohnzimmer und im Flur, die wir vor einigen Wochen installiert hatten, um unseren Kater Felix Möller im Blick zu behalten.
Mit einer Tasse Kräutertee in der Hand ließ ich mich auf einer Liege nieder und öffnete die Überwachungs-App. Besser als jede Samstagabendshow.
Gegen Mittag tauchte Matthias endlich auf dem Bildschirm auf. Verschlafen schlurfte er in den Flur, offenbar in Erwartung von Bratenduft und geschäftigem Klappern aus der Küche – stattdessen empfing ihn gespenstische Stille. Felix Möller saß seelenruhig auf dem leeren Küchentisch und putzte sich demonstrativ die Pfote.
Zuerst runzelte Matthias die Stirn, dann begann er hektisch durch die Räume zu laufen. Er riss den Kühlschrank auf – gähnende Leere. Kontrollierte den Backofen – kalt. Schließlich entdeckte er meinen Zettel auf der Theke: „Bin übers Wochenende verreist. Die Schürze hängt am Haken. Viel Erfolg.“
Sein selbstsicheres Auftreten zerbröselte in Sekunden. Panisch griff er zum Telefon, gestikulierte wild – vermutlich versuchte er, irgendeinen Cateringservice zu erreichen. Doch für ein Festessen für fünfzehn Personen, zwei Stunden vor Beginn und an einem Samstag, fand sich offensichtlich kein Retter.
Punkt vierzehn Uhr klingelte es.
Johanna Hermann schwebte im eleganten Kostüm in die Wohnung, dicht gefolgt von Tanten, Onkeln und Cousins. Lachend legten sie Mäntel ab und steuerten erwartungsvoll auf das Wohnzimmer zu.
Dort erwartete sie allerdings kein festlich gedeckter Tisch, sondern blankes Holz, ein irritierter Kater – und ein hochroter, schweißnasser Matthias, der hinter seinem Rücken hastig eine angebrannte Pfanne mit halbgaren Fertiggerichten zu verbergen versuchte.
