Die Luft im Raum stand förmlich still.
„Und wo ist Lena? Und wo bitteschön soll hier das Festessen sein?“ Johanna Hermann ließ ihren Blick kühl durch das Wohnzimmer schweifen, als könne sich das versprochene Bankett doch noch materialisieren.
Matthias Huber räusperte sich und starrte auf den Boden. „Sie… sie ist weggefahren“, brachte er stockend hervor.
Ein aufgeregtes Murmeln ging durch die Verwandtschaft. Eine Tante verschränkte die Arme und bemerkte spitz: „Matthias, am Telefon klang das noch ganz anders. Du wolltest doch alles im Griff haben! Wir dachten, du führst hier das Regiment – und nicht einmal Brot steht auf dem Tisch.“
Etwa eine Stunde später klingelte es erneut. Ein Fahrer von einem rund um die Uhr geöffneten Imbiss lieferte die „Rettung“: drei zerdrückte Kartons mit lauwarmer Pizza fragwürdiger Herkunft und zwei Plastikschalen mit traurig aussehenden Sushi-Rollen. Für dieses Notprogramm opferte Matthias einen beträchtlichen Teil seiner privaten Rücklagen.
Die Gäste pickten lustlos mit Einweggabeln in dem inzwischen erkalteten Essen herum. Dabei sparten sie nicht mit offener Kritik. Johanna Hermann saß steif auf ihrem Stuhl, das Gesicht dunkelrot vor Scham. Ihr geplanter Triumphzug vor ihren Schwestern war in ein peinliches Desaster gekippt. Mir machte sie keinerlei Vorwürfe mehr – sämtliche Vorhaltungen trafen nun den selbsternannten „Organisator“.
„So eine Blamage habe ich noch nie erlebt“, erklärte eine der Tanten lautstark und schob ihren Stuhl zurück. „Komm, wir gehen. Offenbar war hier niemand wirklich auf Besuch eingestellt.“
Gegen Abend leerte sich die Wohnung vollständig. Matthias blieb allein auf dem Sofa zurück, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen vergraben. Felix Möller schmiegte sich schnurrend an sein Bein, als wollte er Trost spenden.
Ich kam erst am Sonntagabend zurück – erholt, ausgeschlafen und innerlich ruhig. Die Wohnung war ungewöhnlich still. Matthias schwieg. Keine Vorträge mehr über „Pflichten“, keine Belehrungen. Auch Johanna Hermann meldete sich nicht – weder an diesem Tag noch in den folgenden Wochen. Die Grenzen waren klar gezogen worden, sichtbar für alle und endgültig.
Liebe Frauen, übernehmt niemals die Verantwortung für Versprechen, die andere leichtfertig aussprechen. Lasst erwachsene Menschen selbst geradestehen für ihr großspuriges Auftreten. Sobald ihr euch weigert, das bequeme Zahnrad im Getriebe fremder Eitelkeiten zu sein, beginnt diese Maschinerie zu stottern. Und plötzlich entdeckt ihr Gegenüber Respekt für eure Zeit. Man muss nur den Mut haben, rechtzeitig „Nein“ zu sagen – und dann mit gutem Gewissen seiner Wege zu gehen.
