„Lena, es sind doch nur fünfzehn Personen“ sagte er gönnerhaft

Diese gönnerhafte Anspruchshaltung ist verletzend und beschämend.
Geschichten

Am Abend klingelte mein Handy. Auf dem Display erschien der Name meiner Schwiegermutter – Johanna Hermann. Schon beim ersten gedehnten „Liebes, meine Gute“ in ihrem Tonfall hatte ich das Gefühl, mein Blutzucker schieße in gefährliche Höhen. Zwei weitere dieser zuckersüßen Anreden, und ich hätte vorsorglich einen Arzttermin buchen können. Ihre Stimme floss honigweich durch die Leitung, jede Silbe geschniegelt und geschniegelt höflich, als wollte sie mir keinen Auftrag erteilen, sondern einen Orden verleihen. Und doch klickte unter dieser Sirupschicht unüberhörbar das vertraute Uhrwerk: jene elegante Falle aus Stahl, die freundlich lächelt, während man freiwillig hineintritt.

„Lena, mein Schatz! Matthias hat erzählt, dass wir am Samstag zu euch kommen dürfen. Ich finde es so wunderbar, dass du dich familiär einbringen möchtest. Ich habe dir ein Rezept weitergeleitet, wirklich nichts Kompliziertes …“

„Guten Abend, Johanna Hermann“, unterbrach ich sie ruhig, aber bestimmt. „Matthias hat Sie eingeladen, also erwartet er Sie auch. Ich selbst bin am Samstag leider übers Wochenende verreist.“

Am anderen Ende herrschte erst Stille, dann ein empörtes Schnaufen. Der Honig verdampfte schlagartig, übrig blieb blanke Empörung.

„Wie kannst du es wagen, in diesem Ton mit mir zu sprechen?!“ Ihre Stimme klirrte nun wie Glas. „Mein Sohn sorgt dafür, dass es dir an nichts fehlt! Ein bisschen Dankbarkeit wäre wohl nicht zu viel verlangt. Matthias hätte problemlos eine fügsamere Frau finden können!“

Verwandtschaftliche Verpflichtungen sind eine merkwürdige Währung: Einer nimmt den Kredit auf, ein anderer soll ihn abstottern. Doch bei mir verfingen solche Manöver schon lange nicht mehr.

„Erstens, Johanna Hermann“, erwiderte ich deutlich artikulierend, „wohnen wir in meiner Eigentumswohnung, die ich schon vor der Ehe hatte. Und zweitens lässt sich Respekt nicht bezahlen. Man verdient ihn durch angemessenes Verhalten. Besprechen Sie Menü und Gästeliste bitte mit Ihrem Sohn. Einen schönen Abend noch.“

Ich beendete das Gespräch. Matthias, der jedes Wort mitgehört hatte, funkelte mich an, als könne er mich allein mit Blicken in Asche verwandeln.

„Das ist ungeheuerlich! Du hast meine Mutter beleidigt!“, erklärte er in der Pose eines gekränkten Herrschers. „Am Samstag um vierzehn Uhr stehen die Gäste hier vor der Tür. Und auf dem Tisch wird Essen stehen. Punkt!“

Ich atmete langsam ein, spürte, wie sich in mir eine Antwort formte, und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber