Sebastian zog die Stirn in Falten, als müsse er sich mühsam erinnern.
— Ich… ich habe doch nur gemeint, du hättest sagen können, dass dort Fotografen sein würden.
Sophie musterte ihn schweigend.
— Und als ich mein Atelier eröffnet habe? Was hast du damals gesagt?
Er wich ihrem Blick aus.
— Ich wollte dich lediglich warnen. Du übernimmst dich ständig, das war alles.
— Nein. Du hast behauptet, ich würde es bereuen, nicht auf dich gehört zu haben. Sebastian, kein einziges Mal — verstehst du? Nicht ein einziges Mal — kam von dir der Satz: „Ich bin stolz auf dich.“
Er fuhr sich nervös durch die Haare.
— Du weißt doch selbst, wie das ist… — Seine Stimme verlor an Festigkeit, dann platzte es aus ihm heraus: — Für einen Mann ist es schwer, wenn seine Frau erfolgreicher ist! Das widerspricht doch jeder Ordnung! Der Mann sollte das Oberhaupt sein, derjenige, der das Geld verdient und die Familie schützt. Und du… du stellst mich bloß!
Sophie lehnte sich langsam zurück. Endlich lag alles offen auf dem Tisch.
— Weißt du, was ich gerade empfinde? Erleichterung, — sagte sie ruhig. — Jetzt verstehe ich dich. Du brauchst eine Frau, die sich in das Weltbild deiner Familie einfügt. Eine, die schweigend kocht und deine Hemden bügelt. Aber ich bin nicht diese Frau. Und ich werde es auch niemals sein.
Er sah sie an, als stünde eine Fremde vor ihm.
Sophie erhob sich, trat ans Fenster und blickte in den Garten, der im Zwielicht lag.
— Deine Eltern wohnen momentan in meinem Haus. Sie werden ihre Sachen packen und gehen. Ob Hotel oder Mietwohnung — das ist ihre Entscheidung, nicht mehr meine. Nach den Feiertagen reiche ich die Scheidung ein.
— Du kannst meine Eltern doch nicht einfach vor die Tür setzen! Sie sind alt!
— Doch, das kann ich. Dieses Haus gehörte meiner Großmutter. Ich habe es von meinem eigenen Geld restauriert. Also entscheide ich, wer hier lebt.
Sebastian sprang auf.
— Es ist auch mein Zuhause!
— Wir haben keinen Ehevertrag. Sämtliche Rechnungen und Verträge laufen auf meinen Namen. Mach es nicht komplizierter, als es ohnehin schon ist. Ihr habt drei Stunden.
Magdalena Schubert erfuhr es von ihrem Sohn. Ohne anzuklopfen stürmte sie ins Arbeitszimmer.
— Wie kannst du es wagen? Wir kommen zu Besuch und du wirfst uns hinaus?!
Sophie legte sachlich Dokumente in einen Ordner.
— Sie sind ohne Einladung erschienen. Ich habe Ihrem Aufenthalt nicht zugestimmt.
— Unverschämtes, undankbares Mädchen! Ich wusste immer, dass du meinem Sohn nicht ebenbürtig bist!
— Da haben Sie recht, Frau Schubert. Ich passe nicht in Ihre Familie — und sie nicht zu mir. Und wissen Sie was? Ich bin nicht verpflichtet, mich passend zu machen.
Die Schwiegermutter lief rot an.
— Das wirst du bereuen! Kein anständiger Mann will eine karrierebesessene Frau! Du wirst allein in diesem überteuerten Haus sitzen!
— Vielleicht. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun.
Zwei Stunden später war das Haus still. Sophie ging von Raum zu Raum, öffnete die Fenster und ließ kalte Winterluft herein. Im Schlafzimmer hingen noch einige von Sebastians Hemden. Sie legte sie ordentlich in eine Tüte und stellte sie neben die Haustür.
Am Abend erschien eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Sophie, hier ist Mia Friedrich, Sebastians Schwester. Mutter hat mir verboten, dich zu kontaktieren, aber ich muss es trotzdem tun. Du hast recht. In unserer Familie werden alle gebrochen. Frauen sollen unsichtbar sein, Männer herrschen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten und bin in eine andere Stadt gezogen. Du bist die Erste, die sich Sebastian widersetzt hat. Ich wünsche dir von Herzen Freiheit.“
Sophie las die Worte zweimal. Dann schenkte sie sich ein Glas Wein ein und hob es still in die Luft — auf Mia, auf sich selbst und auf jede Frau, die den Mut findet, „Nein“ zu sagen.
Draußen begann es zu schneien. Vor ihr lag ein neues Jahr. Vielleicht sogar ein neues Leben. Und diesmal würde es ganz und gar ihr eigenes sein.
