Der junge Praktikant Finn Meier war bereits halb von seinem Stuhl aufgesprungen, doch Sophie Lorenz hielt ihn mit einer knappen Handbewegung zurück. Bedächtig erhob sie sich selbst, sammelte die vom Tisch gerollten Stifte ein und legte sie ordentlich zurück. Ihre Stimme klang beherrscht, beinahe kühl.
— Verlass bitte mein Atelier, Sebastian. Wir reden heute Abend zu Hause.
— Du glaubst wohl, du kannst mir Anweisungen erteilen?
— Das hier ist mein Arbeitsplatz. Geh jetzt. Andernfalls sehe ich mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen.
Ein finsterer Blick traf sie, voller verletztem Stolz. Dann wirbelte er herum und knallte die Tür so heftig ins Schloss, dass die Fensterscheiben klirrten. Zurück blieb eine dichte, unangenehme Stille.
— Frau Lorenz… vielleicht sollten Sie sich für heute freinehmen? — fragte Finn vorsichtig.
— Nein. — Sie setzte sich wieder an ihre Entwürfe, auch wenn ihre Finger leicht zitterten. — Wir liegen ohnehin schon knapp im Zeitplan.
Am Abend jedoch fuhr sie kurz nach Hause, um wärmere Kleidung zu holen. Der Dezember zeigte sich in diesem Jahr unerbittlich frostig. Sie hoffte, ungesehen hinein- und wieder hinauszugelangen. Doch als sie die Treppe hinaufstieg, drangen Stimmen aus dem Wohnzimmer zu ihr. Die Tür stand einen Spalt offen, und Magdalena Schuberts schneidender Ton war deutlich zu hören.
— Ich habe es dir unzählige Male gesagt: Mit so einer Frau wirst du nicht glücklich. Sie ist zu unabhängig, zu ehrgeizig. Hör doch, wie sie mit dir spricht! Du musst ihr endlich klarmachen, wer hier das Sagen hat, bevor es zu spät ist.
— Mutter, sie steht einfach unter großem Druck wegen der Arbeit…
— Arbeit! — Magdalena schnaubte verächtlich. — Eine vernünftige Ehefrau stellt nicht ihre Karriere über die Familie. Dein Vater wusste immer, dass ihn daheim ein warmes Essen, Ordnung und Ruhe erwarten. Und dich? Ein leeres Haus und eine Frau, die sich auf eine Stufe mit ihrem Mann stellt!
— Die Zeiten ändern sich, Mutter.
— Zeiten mögen sich ändern, aber Männer bleiben Männer! Du bist unzufrieden, mein Sohn, das sehe ich doch. Ihre Erfolge setzen dich unter Druck. Neben ihr fühlst du dich klein. Das ist doch keine gesunde Ehe!
Sophie wartete. Sie wartete darauf, dass Sebastian widersprach, dass er sie verteidigte, dass er wenigstens ein Wort zu ihren Gunsten sagte. Doch aus dem Wohnzimmer kam nichts. Nur Schweigen. Ein langes, schweres Schweigen, das mehr verriet als jede Zustimmung.
Schließlich hörte sie ihn leise sagen: — Vielleicht hast du recht, Mutter. Früher war alles anders. Aber jetzt… ihre Firma, die ständigen Projekte. Sie ist nicht mehr dieselbe.
— Sie war immer so, sie hat es nur besser versteckt! Lass dich scheiden, solange noch keine Kinder da sind. Du findest eine anständige junge Frau, die ihren Platz kennt.
Lautlos stieg Sophie die Treppe wieder hinunter und trat hinaus in die eisige Nacht. Die kalte Luft brannte in ihrer Lunge, doch sie half, die aufsteigenden Tränen zu bändigen. Im Auto blieb sie lange sitzen und starrte auf die Fenster des Hauses — jenes Hauses, das sie eigenhändig renoviert und vor dem Verfall bewahrt hatte.
In dem Moment, als Sebastian geschwiegen hatte, starben ihre letzten Zweifel. Er hatte sie nicht verteidigt. Er hatte zugestimmt. Und damit eine Grenze überschritten.
Zwei Tage später kehrte sie nach einer erfolgreichen Präsentation des Vierzig-Millionen-Euro-Projekts zurück. Magdalena würdigte sie keines Blickes, und Sebastian erwartete sie bereits im Flur.
— Endlich. Wir müssen reden.
Sie gingen ins Arbeitszimmer — in jenen Raum, in dem Sophie unzählige Nächte über Plänen und Skizzen verbracht hatte. Sebastian setzte sich demonstrativ auf ihren Stuhl. Früher hätte sie diese Geste vielleicht übersehen, heute erkannte sie sie als das, was sie war: ein stiller Machtanspruch.
— Ich nehme an, du bist inzwischen zur Vernunft gekommen und bereit, dich bei meiner Mutter zu entschuldigen.
Sophie ließ sich ihm gegenüber nieder und betrachtete ihn aufmerksam. Überraschenderweise verspürte sie keinen Zorn. Nur Müdigkeit — und eine fast schmerzhafte Klarheit.
— Sebastian, sag mir ehrlich: Hast du dich jemals über meine Erfolge gefreut? Oder waren sie für dich immer nur eine Bedrohung?
— Was für eine absurde Frage!
— Beantworte sie. Als ich die Auszeichnung für die Restaurierung des denkmalgeschützten Gebäudes entgegennahm, was hast du in diesem Moment wirklich empfunden?
