„Anna sei mit ihren Aufgaben überfordert“, sagte Lukas mit sichtlichem Vergnügen und entfachte das Tuscheln im Großraumbüro

Diese erbärmliche Ungerechtigkeit zerriss ihr Herz.
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Die Luft im Großraumbüro stand förmlich still. Sie wirkte so dicht, dass man meinte, sie mit der Hand zerteilen zu können. Zwar summte die Klimaanlage ununterbrochen, doch gegen die unsichtbare Spannung zwischen den Schreibtischen kam sie nicht an. Für alle anderen war es lediglich ein gewöhnlicher Donnerstag, ein Tag wie jeder andere. Für Anna Weiß jedoch fühlte es sich an wie ein Endpunkt.

Sie saß vor ihrem Bildschirm, die Fingerspitzen kalt, während sie mechanisch über die Tastatur glitt. Jeder Anschlag hallte in ihr nach wie ein dumpfer Schlag gegen die Rippen. Sie wusste, dass etwas geschehen würde. Dieses Wissen lag schwer in ihr, als hätte jede einzelne Zelle ihres Körpers die Vorahnung bereits akzeptiert.

Elisabeth Bergmann, die Leiterin der Abteilung, schritt langsam durch die Reihen. Das harte Klacken ihrer Absätze durchschnitt die Stille mit beinahe demonstrativer Regelmäßigkeit. Ihr prüfender Blick glitt über die Rücken der Mitarbeiter hinweg, verweilte hier und da – und Anna hatte ständig das Gefühl, im Fadenkreuz zu stehen. Dieser Blick war kein bloßes Beobachten, er war ein Zielen.

Die vergangenen Monate hatten Anna zermürbt. Alles hatte harmlos begonnen: Dateien, die plötzlich verschwunden waren. Wichtige E-Mails, die nie ankamen. Nebenbei geäußerte Bemerkungen, freundlich formuliert, aber scharf wie Glassplitter. Anfangs hatte sie an Zufälle geglaubt.

Doch aus Zufällen wurde Methode. Das Tuscheln hinter ihrem Rücken wurde lauter, offener. Spitzen Bemerkungen wurden nicht mehr versteckt, sondern mit einem Lächeln serviert. Lukas Sommer, der geschwätzigste im Team, streute mit sichtlichem Vergnügen Gerüchte, Anna sei mit ihren Aufgaben überfordert. Dominik Neumann, stets bemüht, der Vorgesetzten zu gefallen, griff jede noch so subtile Kritik von Elisabeth Bergmann begierig auf und nickte bedeutungsvoll dazu. Selbst Julia Hartmann, mit der Anna früher morgens Kaffee getrunken hatte, senkte inzwischen den Blick und schwieg, wenn ihr Name in Meetings fiel.

Anna war für dieses Spiel das ideale Opfer. Sie hielt sich aus privaten Diskussionen heraus, beteiligte sich nicht an Klatsch und blieb auch den abendlichen Zusammenkünften fern, bei denen Loyalitäten geschmiedet wurden. Ihre Priorität war ihre Arbeit. Ihre Projekte lieferten Ergebnisse, ihre Zahlen waren stichhaltig. Vielleicht war genau das ihr größtes Vergehen. Elisabeth Bergmann duldete keinen Schatten neben sich, keinen Funken, der heller hätte leuchten können als ihr eigener.

Der heutige Schlag traf sie mit voller Wucht. Die Präsentation für einen bedeutenden Geschäftspartner, an der Anna wochenlang gefeilt hatte, war sabotiert worden. Über Nacht hatte jemand sämtliche finalen Folien durch veraltete Entwürfe ersetzt – voller Fehler und unfertiger Zahlen. Sie bemerkte es erst wenige Minuten vor Beginn der Besprechung. Es blieb keine Zeit, irgendetwas zu retten.

„Anna, wollen Sie uns erklären, was das hier darstellen soll?“ Die Stimme von Elisabeth Bergmann war kühl wie Eis. Mit verschränkten Armen stand sie neben ihr. „Das ist eine Blamage für die gesamte Abteilung.“

„Gestern war alles überprüft und vollständig“, setzte Anna an. „Jemand muss—“

„Jemand?“ Ein kurzes, spöttisches Lachen. „Übernehmen Sie Verantwortung. Das ist unprofessionell. Sie haben uns im entscheidenden Moment im Stich gelassen.“

Hinter einem Monitor war ein unterdrücktes Kichern zu hören – Lukas. Dominik nickte eifrig. Anna spürte, wie Hitze in ihr Gesicht stieg. Sie wusste, jede weitere Erklärung würde nur gegen sie verwendet werden.

Am späten Nachmittag wurde sie ins Büro der Abteilungsleiterin gebeten. Elisabeth Bergmann saß hinter ihrem massiven Schreibtisch, die Miene glatt, beinahe zufrieden. Neben ihr ein Mitarbeiter aus der Personalabteilung, reglos wie eine Statue.

„Anna, wir sehen uns gezwungen, das Arbeitsverhältnis zu beenden“, begann Elisabeth ohne Umschweife. „Der heutige Vorfall war ausschlaggebend. Unsere Standards lassen keinen Spielraum für derartige Fehler.“

Die Worte klangen formell und einstudiert, doch in ihren Augen lag unverhohlene Genugtuung. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Anna setzte schweigend ihre Unterschrift unter die vorbereiteten Dokumente. Die Demütigung saß so tief, dass selbst Tränen ausblieben.

Als sie das Büro verließ und an den Schreibtischen ihrer Kollegen vorbeiging, taten alle so, als seien sie vollkommen vertieft in ihre Arbeit, doch sie spürte ihre triumphierenden Blicke im Rücken.

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