„Grüß bitte Sebastian Roth von mir.“ sagte er beiläufig im Büro, während Laura ahnungslos und erschöpft zurückblieb

Diese heimliche Lüge fühlte sich schrecklich verräterisch an.
Geschichten

Statt sich wieder an ihre Unterlagen zu setzen, verharrte Laura noch einen Moment mit dem Telefon in der Hand. Da drang plötzlich eine Stimme aus dem Lautsprecher – scharf, unverkennbar. Es war Dorothea Wolf.

„Sebastian, bist du endlich fertig mit deinem Geplänkel mit dieser reichen Göre?“ fauchte sie hörbar genervt.

Laura erstarrte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Meinten sie wirklich sie? Ihre Finger begannen zu zittern, während sie das Handy krampfhaft umklammerte.

„Ja, Mutter“, antwortete Sebastian mit einem schweren Seufzer. „Sie hat schon wieder von Geschenken angefangen. Sie muss uns ständig unter die Nase reiben, wie viel Geld sie hat.“

„Diese Großzügigkeit hängt mir zum Hals heraus“, setzte Dorothea nach. „Immer dieses Helfen und Unterstützen – dabei fühle ich mich neben ihr wie eine Bettlerin. Sie genießt doch ihre Überlegenheit.“

Laura sank kraftlos auf den Stuhl. Ihre Knie gaben nach, als hätten sie ihre Funktion verloren. Die Menschen, die sie als ihre Familie betrachtete, sprachen mit unverhohlener Verachtung über sie.

„Aber bald ist Schluss damit“, murmelte Sebastian leise. „Ich habe doch mit dem Anwalt gesprochen. Es gibt Wege, sie dazu zu bringen, mir ihr Vermögen zu überschreiben.“

„Und wie stellst du dir das vor?“ Dorotheas Stimme klang plötzlich interessiert.

„Ich lege ihr Dokumente vor, angeblich harmlose Formalitäten“, erklärte er kühl. „Sie unterschreibt alles, ohne nachzufragen. Schritt für Schritt übertrage ich mir ihr Eigentum.“

Laura presste die Hand auf den Mund, um keinen Laut von sich zu geben. Vier Jahre hatte sie diesen Mann geliebt – und er plante seelenruhig, sie auszunehmen.

„Und danach?“ fragte Dorothea erwartungsvoll.

„Zuerst holen wir so viel Geld wie möglich für irgendwelche familiären Notfälle heraus“, fuhr Sebastian fort. „Dann reiche ich die Scheidung ein und sorge dafür, dass ich auch aus ihren privaten Konten meinen Anteil bekomme.“

„So kenne ich meinen Sohn“, lobte Dorothea zufrieden. „Wir könnten auch behaupten, ich sei schwer krank. Eine teure Behandlung im Ausland – das zieht immer.“

„Perfekt“, stimmte Sebastian zu. „Nach der Scheidung leben wir sorgenfrei, und Laura steht mit leeren Händen da.“

Mit einer mechanischen Bewegung beendete Laura endlich das Gespräch. Eine eisige Starre legte sich über sie. Tränen liefen ihr über die Wangen, doch hinter dem Schmerz formte sich etwas Neues – Klarheit. Entschlossenheit.

Die zwei Menschen, denen sie am meisten vertraut hatte, schmiedeten Pläne, um sie auszurauben. Für sie war sie nichts weiter als eine Einnahmequelle.

Sie wischte sich das Gesicht trocken. Nein. Sie würde sich nicht länger täuschen lassen.

Am Abend kam Sebastian ungewöhnlich gut gelaunt nach Hause. Er pfiff eine fröhliche Melodie, während er im Flur seinen Mantel ablegte.

„Mein Sonnenschein, ich bin da!“, rief er. „Na, hast du dir das Grundstück für meine Mutter angesehen?“

Ohne ein Wort legte Laura eine Mappe auf den Küchentisch. Obenauf lag ein Schriftstück, dessen Überschrift unmissverständlich war.

„Was soll das sein?“ Sebastian griff danach, überflog die ersten Zeilen – und verlor augenblicklich die Farbe im Gesicht.

„Genau das, was du und deine Mutter verdient habt“, erwiderte Laura ruhig.

„Wovon redest du überhaupt?“ Er versuchte zu lachen, doch seine Stimme klang brüchig. „Ist das irgendein schlechter Scherz?“

Laura sah ihn lange an, kühl und unbewegt.

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