— Wozu denn? Du hast doch selbst betont, dass es nur ein kurzer Besuch sein sollte.
Aus dem Wohnzimmer rief eine Männerstimme:
— Elisabeth, wer steht da draußen?
— Ach, nur unsere Nebenstelle der Familie! — antwortete sie spöttisch. — Sie bringen offenbar eine finanzielle Zuwendung.
Im Flur kicherte jemand unverhohlen.
Nicole Kraus nahm einen Schluck Wein, legte den Kopf schräg und sagte mit gespielter Milde:
— Laura, nimm’s bitte nicht persönlich. Es ist einfach eng heute. Wenn viele Gäste da sind, muss man eben ein bisschen nach… Rangordnung setzen. Du verstehst schon. Hat nichts mit dir zu tun.
— Rangordnung? — wiederholte Laura ruhig.
— Nicht im beruflichen Sinn, — säuselte Nicole. — Eher so: innerer Kreis, äußerer Kreis. Du bist doch eine erwachsene Frau, solche Feinheiten sollte man einordnen können.
— Feinheiten. Ein praktisches Wort, wenn man Beleidigungen elegant verpacken möchte.
Elisabeth Meier blühte förmlich auf.
— Aha, jetzt zeigt sich also die Stimme. Laura, bitte kein Temperament. Du und Thomas, ihr könnt euch so etwas schlicht nicht leisten. Ihr habt es ohnehin nicht leicht. Wenn du schon herkommst, dann benehmt euch wenigstens zurückhaltend.
Langsam öffnete Laura ihre Handtasche und tastete nach dem Umschlag. Ihr Herz klopfte dumpf, schwer vor unterdrückter Wut.
— Uns geht es gut.
— Wirklich? — Elisabeth hob eine Augenbraue. — „Gut“ heißt also, mit vierzig noch U-Bahn fahren und eine Wohnung am Stadtrand mieten? Komm, bitte. Matthias hat mir einen neuen Fernseher geschenkt, eine Reise bezahlt, wollte sogar ein Restaurant buchen. Ich habe abgewunken — zu Hause ist es gemütlicher. Aber euer Beitrag… ich wage kaum, ihn mir vorzustellen.
— Keine Sorge, — entgegnete Laura leise. — Es ist nicht ansteckend.
Nicole prustete los, tat jedoch sofort so, als hätte sie sich verschluckt.
— Laura, nun übertreib nicht. Elisabeth sorgt sich einfach um Thomas. Sie ist schließlich seine Mutter.
— Wenn das Sorge ist, möchte ich nicht erleben, wie bei Ihnen Zuneigung aussieht.
Elisabeth streckte die Hand noch weiter aus.
— Schluss jetzt. Gib mir den Umschlag und dann kannst du gehen. Drinnen wird gefeiert, wir brauchen hier kein Drama im Flur.
Laura sah auf diese ausgestreckte Hand mit den schweren Ringen, auf die perfekt lackierten Nägel, auf Nicoles zufriedenes Lächeln. Hinter der offenen Tür saßen die Verwandten am Tisch und taten so, als hörten sie nichts — dabei verpasste keiner auch nur ein Wort.
In ihr klickte etwas. Kein großes, kein dramatisches Geräusch. Eher wie ein Lichtschalter.
— Sie haben recht, — sagte sie unerwartet gefasst. — Ihre Stimmung werde ich nicht verderben.
Doch statt den Umschlag herauszunehmen, schloss sie die Tasche wieder.
Das Geräusch des Reißverschlusses durchschnitt die Luft wie ein scharfes Signal. Für einen Moment schien sogar das Stimmengewirr aus dem Wohnzimmer leiser zu werden.
Elisabeth blinzelte.
— Was soll das?
— Vorsichtsmaßnahme, — erwiderte Laura. — Geld möchte mit Respekt behandelt werden. Und wo man mich an der Schwelle stehen lässt und nach „Status“ einordnet, da erkenne ich keinen Respekt.
— Bist du noch bei Sinnen? — zischte die Schwiegermutter. — Das ist mein Geschenk!
— Ein Geschenk überreicht man freiwillig. Man reißt es nicht an sich wie eine Strafgebühr.
— Ein Sohn ist seiner Mutter verpflichtet!
— Vielleicht. Aber Sie sind nicht verpflichtet, seine Frau herabzusetzen. Dennoch tun Sie es mit bemerkenswerter Konsequenz.
Nicole trat einen Schritt näher.
— Laura, das ist wirklich unangemessen. Elisabeth ist keine junge Frau mehr. Sie braucht keinen Streit.
— Dann hören Sie doch auf, jedes Mal einen zu provozieren, sobald Sie mich sehen.
— Niemand provoziert hier irgendwen, — entgegnete Nicole mit eisigem Lächeln. — Man sollte Gastfreundschaft nur nicht mit der Pflicht verwechseln, jede Überempfindlichkeit zu ertragen.
— Wo haben Sie das gelernt? In einem Seminar für elegante Boshaftigkeit mit Auszeichnung?
Aus dem Wohnzimmer drang ein unterdrücktes Lachen. Irgendjemand hatte die Fassung verloren.
Elisabeth lief rot an.
— Wie kannst du es wagen, in meinem Haus so mit mir zu sprechen!
— Und wie können Sie es wagen, jahrelang so mit meinem Mann zu sprechen? — Zum ersten Mal hob Laura die Stimme. — Glauben Sie, er erzählt mir nichts? Glauben Sie, ich sehe nicht, wie er nach jedem Ihrer Anrufe herumläuft, als wäre er überfahren worden? Von zwei Söhnen haben Sie einen zum Vorzeigeobjekt erklärt und den anderen zum ewigen Schuldigen. Und wundern sich, dass er heute nicht hier ist?
— Er ist nicht hier, weil er schwach ist! — schnitt Elisabeth ihr das Wort ab. — Matthias würde so etwas nie tun.
— Natürlich nicht. Matthias kommt einmal im Monat mit seinem glänzenden Auto, überreicht etwas Großes, damit alle staunen, und fährt wieder. Und danach ruft man Thomas an, wenn der Wasserhahn tropft oder jemand beim Amt anstehen muss.
Stille legte sich über den Flur.
Nicole verengte die Augen.
— Pass auf, was du sagst.
— Vielleicht solltest du eher auf deinen Gesichtsausdruck achten. Du schaust, als hätte man dir einen Rabatt gestrichen.
— Ich tue sehr viel für diese Familie.
— Vor allem sorgst du für die passende Kulisse.
Elisabeth trat dicht an Laura heran.
— Verschwinde. Und lass dich hier nicht mehr blicken.
— Sehr gern, — nickte Laura. — Das ist tatsächlich eine erfreuliche Perspektive.
— Aber das Geld bleibt hier!
— Nein. Thomas hat es nicht verdient, dass man ihn mit seinem eigenen Beitrag demütigt.
— Ich werde es ihm erzählen!
— Tun Sie das. Und erwähnen Sie dabei ruhig, wie Sie seine Frau zu Ihrem Jubiläum empfangen haben: wie einen Paketboten auf dem Treppenabsatz.
In diesem Moment erschien Matthias Engel im Türrahmen — groß, geschniegelt, in einem teuren Hemd und mit jenem Gesichtsausdruck, den Männer aufsetzen, wenn sie sich nicht einmischen möchten und dennoch auf keinen Fall schlecht dastehen wollen.
— Was ist hier los?
Laura wandte sich ihm zu.
— Ach, da ist ja der Hauptsponsor des Familienunternehmens. Ganz einfach: Ich kam, um zu gratulieren, und man erklärte mir, mein Niveau reiche nicht einmal für einen ordentlichen Schritt über die Schwelle.
Matthias warf seiner Mutter, dann Nicole einen missbilligenden Blick zu.
— Mama, muss das direkt an der Tür sein?
— Habe ich etwa gelogen? — empörte sich Elisabeth. — Ich habe nur die Wahrheit gesagt.
— Ihre Wahrheiten fühlen sich immer wie Ohrfeigen an, — entgegnete Laura.
Matthias seufzte schwer.
— Laura, bitte keine Szene. Gib das Geschenk ab, gratuliere, und dann gehen wir auseinander.
— Warum sollte ich so tun, als sei alles in Ordnung?
— Weil heute gefeiert wird.
— Ein hervorragendes Argument. Also darf man am Geburtstag ungestraft unhöflich sein?
Nicole schnaubte leise.
— Übertreib es nicht.
— Und du hör auf, mir Vorschriften zu machen. Von dir habe ich genug.
Matthias blickte auf die Tasche.
— Wie viel ist denn drin?
— Das geht dich nichts an.
— Laura…
— Weißt du, was absurd ist? In dieser Familie wird das Einkommen des jüngeren Bruders behandelt, als wäre es ein Gemeinschaftsfonds. Wenn es um Geschenke geht — Thomas muss zahlen. Wenn Dokumente erledigt werden müssen — Thomas fährt. Wenn etwas repariert oder organisiert werden soll — wieder Thomas. Doch Anerkennung bekommt nur, wer das größere Auto besitzt und eine Frau im Seidenkleid präsentiert. Und wo war deine Geradlinigkeit, als deine Frau jedes Mal aus mir das Anhängsel der Armut gemacht hat?
