— Meinen Sie das gerade wirklich ernst, Elisabeth Meier, oder veranstalten Sie freitags neuerdings Familienkabarett? — Thomas Gross schleuderte den weißen Umschlag derart heftig auf den Küchentisch, dass die danebenliegenden Rechnungen über die Wachstuchdecke rutschten.
Laura zuckte zusammen. Der Umschlag sprang auf, kippte um und blieb neben der Zuckerdose mit dem abgesplitterten Deckel liegen. Fünftausend Euro. Für manche ein Trinkgeld — für sie eine Woche ohne panisches Kopfrechnen an der Supermarktkasse.
— Was ist passiert? — fragte sie vorsichtig, obwohl sein Gesicht bereits verriet, dass alles schiefgelaufen war, was nur schieflaufen konnte — und noch etwas obendrauf.
Thomas ließ sich auf den Hocker fallen, als hätte man ihm die Beine weggezogen.
— Was passiert ist? Meine Mutter ist passiert. Sie feiert sechzig. Ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung, offenbar. Der ältere Sohn, Matthias — strahlender Musterschwiegersohn, beinahe Minister, nur ohne Ressort. Und ich? Laut ihr „Anhängsel mit Armen“, das „sein Leben lang falsch abgebogen ist“. Und weißt du, wer mich angeblich auf diesen Irrweg gebracht hat? Du.

Ohne ein Wort stellte Laura ihm ein Glas Wasser hin.
— Was genau hat sie gesagt?
— Wort für Wort? Gern. „Der Große weiß noch, was Respekt ist, der Kleine blamiert mich nur. Matthias hat eine Frau mit Format — und du? Eine mit Dauer-Rabattkarte vom Discounter.“ Klingt nett, oder? Und dann ging’s richtig los: „Kein ordentliches Zuhause, kein Auto, keine Perspektive.“ Ich stand da wie ein Schuljunge beim Verhör im Bürgeramt.
Laura presste die Lippen zusammen. Nicht die Beleidigungen trafen sie am meisten — sondern wie selbstverständlich man ihn kleinmachte. Als gehörte das bei ihnen zur Familientradition.
— Vielleicht meinte sie es—
— Bitte nicht, — schnitt er ihr das Wort ab. — Kein „Sie ist eben schwierig“. Das ist kein schwieriger Charakter. Das ist die Gewohnheit, mit Menschen zu reden, als wären sie schmutziges Geschirr.
Sie setzte sich ihm gegenüber.
— Ich will sie nicht verteidigen. Aber morgen ist ihr Geburtstag. Wenn du nicht erscheinst, startet der zweite Akt. Dann folgen Anrufe, Vorwürfe, und Nicole verteilt in der Verwandtschaft die Version, dass wir das Geschenk geknausert und die Mutter brüskiert haben.
— Wen haben wir eigentlich noch nicht enttäuscht? Die Nachbarn? Das Finanzamt? — Er lachte bitter. — Ich will da nicht hin. Keine Minute.
— Dann bleib. Ich fahre nach der Arbeit vorbei, gebe den Umschlag ab, gratuliere und gehe wieder. Ohne Essen, ohne Reden, ohne diese Hochglanz-Show ihres perfekten Lebens.
Er sah sie an.
— Wozu?
— Damit es erledigt ist. Formalität abhaken.
— Formal ist unser Kühlschrank fast leer, — murmelte er. — Diese fünftausend waren für deine Schuhe und die Nebenkosten gedacht.
— Ich weiß.
— Und trotzdem spielen wir wieder „anständige Leute“ für Menschen, die uns nicht mal als solche sehen?
Laura schwieg einen Moment. Der Wasserkocher summte leise. Draußen im grauen Märzhof hustete ein alter Wagen beim Starten wie ein beleidigter Traktor.
— Ich muss es selbst sehen, — sagte sie schließlich. — Mit eigenen Augen. Nicht nur durch deine Worte.
— Was genau?
— Ob es reicht. Ob ich nicht länger stillhalten will.
Er musterte sie lange, nahm einen Schluck Wasser und lächelte schief.
— Mach, was du für richtig hältst. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
— Werde ich nicht.
— Und wenn Nicole wieder ihre zuckersüße Giftmischung verteilt, bleib nicht stumm.
— Hm.
— Nein, ernsthaft. Du lächelst immer, wenn man dich angreift.
— Das ist ein Schutzmechanismus.
— Ein miserabler. Wie ein Virenscanner, der dem Virus die Tür aufhält.
Sie musste trotz allem schmunzeln.
— Sehr poetisch.
— Romantik im Sparmodus.
Am nächsten Tag bat sie im Büro darum, eine Stunde früher gehen zu dürfen. Die leitende Mitarbeiterin verzog missbilligend den Mund, ließ sie aber ziehen — das Wort „Jubiläum“ hatte für sie beinahe sakralen Klang.
Ein feiner, kalter Nieselregen hing in der Luft. Am Kiosk an der Haltestelle blieb Laura stehen.
— Etwas Anständiges, bitte, aber ohne Mondpreise, — sagte sie zur Verkäuferin.
— Sie beschreiben gerade mein ganzes Leben, — seufzte die Frau und deutete auf Chrysanthemen. — Halten lange, sehen gut aus, stellen keine Ansprüche.
— So ein Temperament hätte ich auch gern.
— Das haben nur Blumen und manche Kassiererinnen, — meinte die Verkäuferin trocken.
Laura kaufte den Strauß und stieg in den Bus. Jemand telefonierte lautstark über Badezimmerfliesen, ein Jugendlicher zerkaute Cracker, als würde er Ziegel zerbröseln. Alles wie immer — nur ihr Magen fühlte sich an, als hätte jemand einen Knoten hineingezogen.
Vor dem Haus ihrer Schwiegermutter standen mehrere Autos. Der schwarze SUV von Nicole und Matthias glänzte, als gehöre er in eine Werbung für ein Leben, das nie ihres gewesen war. Im Treppenhaus roch es nach Parfüm, Braten und gebratenen Zwiebeln. Hinter der Wohnungstür klirrte Gelächter.
Laura drückte auf die Klingel.
Drinnen wurde es für einen Moment still. Dann öffnete sich die Tür. Elisabeth Meier stand im Rahmen — dunkelblaues Kleid, perfektes Haar, makelloses Make-up, Haltung wie eine Gastgeberin auf einem Empfang für Reiche mit schlechten Manieren.
Ihr Blick glitt über Laura — und kühlte merklich ab.
— Ach. Du.
— Guten Abend, Elisabeth Meier. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
— Und Thomas? Hat er plötzlich keine Beine mehr? Oder kein Gewissen?
— Er ist nicht gekommen. Ich gratuliere in unser beider Namen.
— Also habe ich meinen Sohn nicht einmal an meinem eigenen Sechzigsten verdient, — rief sie laut genug in die Wohnung hinein, damit es auch wirklich jeder hörte. — Wie rührend.
Nicole erschien sofort im Flur, ein Weinglas in der Hand. Perfekte Frisur, funkelnde Ohrringe, ein Kleid, das vermutlich so viel kostete wie Lauras zwei Monatsgehälter — und ein Lächeln scharf genug, um Glas zu schneiden.
— Laura! Wir dachten schon, ihr spart euch sogar den Besuch.
— Nicole, — erwiderte Laura knapp.
— Komm doch rein. Im Wohnzimmer ist alles besetzt. In der Küche steht noch ein Hocker. Nur das warme Essen ist leider schon verteilt — hier gilt Selbstbedienung.
— Ich bleibe nicht lange. Ich wollte nur gratulieren und das Geschenk übergeben.
Elisabeth nahm den Strauß zwischen zwei Fingern, als prüfe sie zweifelhafte Unterlagen.
— Frieda, stell das irgendwo ab. Aber bitte nicht in die große Vase, dort stehen die richtigen Blumen.
Laura spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
— Vielen Dank, das ist sehr aufmerksam.
— Ehrlichkeit ist selten, — erwiderte Elisabeth kühl. — Und heute ist mein Tag. Also — was habt ihr für mich?
Sie streckte die Hand aus.
— Vielleicht darf ich erst eintreten? — fragte Laura ruhig.
— Für was? Du hast doch selbst gesagt — nur kurz.
