— …irgendwie bläulich aussehe.
— Deine Mutter hat ihn vor einer Woche gesehen. Und blau ist er ganz sicher nicht. Was hat das gekostet?
Lukas kratzte sich am Hinterkopf und starrte demonstrativ zum Kleiderhaken hinüber.
— Was spielt das für eine Rolle, Dasha? Es ist ein Geschenk.
— Lukas. Wie viel?
— Fünfundvierzig Euro pro Dose, — brachte er widerwillig hervor. — Insgesamt siebenhundertzwanzig. Sie hat es von ihrem Sparkonto genommen.
Mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Siebenhundertzwanzig Euro. Wir drehten jeden Cent zweimal um, damit wir einen Teil der Hypothek früher abbezahlen konnten. Ich flickte Emils Strampler selbst, weil es mir leidtat, neue zu kaufen, aus denen er nach ein paar Tagen ohnehin herausgewachsen wäre. Und Claudia Hartmann hatte einfach einen ganzen Monatsbetrag für Pulver ausgegeben, das wir nicht einmal brauchten.
— Morgen bringst du das zurück, — sagte ich und stieß eine der Tüten mit dem Fuß an.
— Dasha, stell dich nicht so an, — Lukas wurde lauter. — Meine Mutter hat es gut gemeint. Sie hat die Hälfte von dem ausgegeben, was sie zurückgelegt hatte. Sie sagt, für ihren einzigen Enkel sei ihr nichts zu schade.
— Sie hat es nicht für ihren Enkel getan. Sondern um mir zu beweisen, dass ich eine schlechte Mutter bin und mein Milch nichts taugt.
— Du machst aus allem ein Drama! — fuhr Lukas auf. — Dann gib Emil eben einmal am Tag diese Nahrung. Abends zum Beispiel. Dann übernehme ich ihn, du kannst schlafen, und wenn Claudia kommt und sieht, dass eine Dose offen ist, beruhigt sie sich. Ist es so schwer, einmal nachzugeben?
— Mein Kind ist kein Beruhigungsmittel für deine Mutter, — sagte ich kalt.
Ich packte die Dosen wieder in die Tüten und schleppte alles in die Abstellkammer. In dieser Nacht lagen Lukas und ich Rücken an Rücken im Bett.
Am Freitagmorgen, kaum war die Wohnungstür hinter meinem Mann ins Schloss gefallen, bestellte ich ein Taxi. Ich wuchtete alle sechzehn Dosen in den Kofferraum eines gelben Skoda und nannte dem Fahrer die Adresse meiner Schwiegermutter.
In Claudia Hartmanns Wohnung roch es nach angebratenen Zwiebeln und Tomatenmark. Sie bereitete Kohlrouladen vor. Auf dem alten Linoleumboden in der Küche hatte sich eine kleine Pfütze gebildet, Wasser, das aus dem Hackfleisch gelaufen war.
Ohne ein Wort trug ich die Tüten hinein und stellte sie neben den Kühlschrank.
— Claudia Hartmann, nehmen Sie das zurück. Mein Sohn ist kein Flaschenkind. Er braucht es nicht.
Meine Schwiegermutter erstarrte, ein Kohlblatt in der Hand. Rote Flecken krochen über ihr Gesicht.
— Du undankbares Biest, — presste sie hervor. — Ich kratze mein letztes Geld zusammen, damit der Junge nicht krank wird, und du schleuderst mir die Tüten vor die Füße!
— Wovon krank? Emil ist gesund. Sie wollen ihm nur die Muttermilch wegnehmen, weil Ihnen das Stillen widerlich ist.
Sie pfefferte das Kohlblatt in die Schüssel mit der Fleischmasse. Tomatensaft spritzte über die Arbeitsplatte.
— Weil du hohl bist! — brüllte sie, und ihre Stimme kippte in ein Kreischen. — Ihr Milchheiligen seid doch alle gleich! Spielt euch auf wie Heldinnen. Na und, sie stillt! Sitzt da, die Beine breit, das Hemd offen! Pfui, einem wird schlecht beim Hinsehen.
— Wenn Ihnen schlecht wird, dann kommen Sie einfach nicht in mein Zimmer.
— Glaubst du etwa, nur weil bei dir alles läuft, bleibt dein Mann für immer bei dir? — Claudia Hartmann trat plötzlich dicht an mich heran und umklammerte ein Küchentuch. Ihre Finger zitterten, die Knöchel traten weiß hervor, so fest krallte sie sich in den Frotteestoff. — Meiner hat das auch gedacht. Und ich habe Lukas einundneunzig bekommen.
Ich sagte nichts mehr. Meine Schwiegermutter atmete schwer; unter dem geblümten Bademantel hob und senkte sich ihre Brust.
