„Überschreib das Ferienhaus auf meine Sandra. Du hast es ohnehin nicht verdient.“ sagte Liam kalt und ließ Theresa an der Spüle erstarren

Diese schamlose Ungerechtigkeit bricht mir das Herz.
Geschichten

Darin lag der Autoschlüssel. Der Schlüssel zu seinem Wagen, an dem noch immer jener Anhänger baumelte, den sie ihm selbst zu Silvester geschenkt hatte. Theresa nahm ihn heraus und warf ihn Liam zu.

Er griff danach, mehr aus Reflex als aus Überzeugung. Fast wäre ihm das Bündel aus den Fingern gerutscht.

»Pack deine Sachen, Liam.«

»Theresa, was soll das jetzt werden?«

Verwirrt drehte er den Schlüssel in der Hand. Sein Blick sprang zwischen dem Metall und ihrem Gesicht hin und her.

»Welches Auto? Wohin soll ich denn bitte fahren? Es ist mitten in der Nacht! Ich fahre nirgendwohin!«

»Doch. Zu Sandra«, sagte Theresa hart. »Sie hat zwar nur eine Dreizimmerwohnung und drei Jungs. Aber ihr seid doch Familie. Ihr haltet doch so fest zusammen. Dann rückt ihr eben ein bisschen enger zusammen, wie sich das unter Verwandten gehört. Eine Klimaanlage gibt es dort nicht, aber langweilig wird es sicher nicht. Und dein heiß geliebter Kühlschrank steht da ja auch.«

Sie zog aus dem oberen Fach des Schranks eine Sporttasche hervor und ließ sie ihm vor die Füße fallen.

»Jetzt steigerst du dich aber völlig hinein!«, versuchte Liam plötzlich zurückzurudern.

Er hatte begriffen, dass seine Drohkulisse nicht funktionierte. Seine Stimme verlor den befehlenden Ton und wurde beinahe flehentlich.

»Ich habe doch nur einen Vorschlag gemacht! Wenn du ihr das Haus nicht schenken willst, gut, dann lassen wir sie eben nur ein paar Monate dort wohnen … Wir haben uns gestritten, na und? Das passiert doch jedem mal. Theresa, hör auf mit diesem Unsinn!«

»Schluss. Dieses Gespräch ist beendet«, schnitt sie ihm das Wort ab.

Sie schrie nicht. Sie zählte ihm nicht auf, was sich über Jahre angesammelt hatte. Nicht die unbezahlten Rechnungen, nicht seine Bequemlichkeit, nicht seine ewige Selbstverständlichkeit. Auf einmal war da nicht einmal mehr Wut. Nur eine tiefe, lähmende Langeweile. Dieser Mann langweilte sie bis ins Mark.

Vierzig Minuten später klickte das Schloss.

Liam war gegangen. Natürlich nicht leise. Im Treppenhaus beschwerte er sich lautstark über die Ungerechtigkeit der Welt, verfluchte die Habgier der Frauen und kündigte an, Theresa werde eines Tages noch auf Knien zu ihm zurückgekrochen kommen.

Dabei hatte er es trotzdem nicht vergessen, aus der Küche das angebrochene Glas Letscho mitzunehmen.

Theresa drehte den Riegel vor. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken gegen die kühle Metalltür. Hinter der Wand murmelte der Fernseher des Nachbarn. In der Wohnung breitete sich eine ungewohnte Stille aus. Niemand verlangte Tee. Niemand jammerte über Müdigkeit nach der Arbeit. Niemand lag ihr mit Ansprüchen in den Ohren.

Und plötzlich wurde ihr leicht ums Herz.

Zu Beginn des Sommers pflanzte Theresa entlang des Zauns neue Kletterrosen. Jedes Wochenende fuhr sie hinaus ins Häuschen und blieb dort so lange wie möglich. Sie hörte den Vögeln zu, grub in der Erde, trank morgens ihren Kaffee auf der kleinen Terrasse und genoss es, sich vor niemandem rechtfertigen zu müssen.

Die Scheidung hatte sie bereits eingereicht. Für Liam gab es nichts aufzuteilen.

Eines Tages kam die Nachbarin vom angrenzenden Grundstück, Frau Dorothea, wegen ein paar Tomatensetzlingen vorbei. Wie immer brachte sie nicht nur leere Töpfe mit, sondern auch frische Neuigkeiten.

Sie erzählte, sie habe Liam in der Stadt gesehen. Er habe zerknittert ausgesehen, schlecht gelaunt und ungepflegt.

Angeblich wohnte er noch immer bei seiner geliebten Schwester. Schlafen müsse er auf einem Klappstuhl in der engen Küche. In die Zimmer ließen ihn die inzwischen groß gewordenen Neffen nicht hinein; dort hätten sie ihre eigenen Regeln. Zwei Frauen unter einem Dach seien schon schwierig genug, meinte Dorothea. Aber ein erwachsener Bruder, der Bequemlichkeit gewohnt sei, zusammen mit drei Jungen in einer kleinen Wohnung — das sei eine Katastrophe.

Sandra habe bereits gemeinsame Bekannte angerufen. Laut habe sie sich beklagt, Liam esse ihren Kindern alles weg und beteilige sich nicht einmal an den Nebenkosten. Sie verlange, Theresa solle ihn gefälligst wieder zurücknehmen.

Theresa goss die frisch gesetzten Blumen mit der Kanne. Dann hob sie das Gesicht der warmen Junisonne entgegen und lächelte.

Die Rosen würden in diesem Jahr besonders üppig blühen.

LebensKlüber