Die unangenehmen Tatsachen ließ Liam schlicht an sich abprallen. Stattdessen stapfte er durch die Küche, fuchtelte mit den Armen und steigerte sich immer weiter hinein.
»Fünfzehn Jahre habe ich mit dir vergeudet! Meine besten Jahre! Meine Gesundheit habe ich bei der Arbeit ruiniert! Und du klammerst dich an ein Stück Grund, als hinge dein Leben daran! Für die eigenen Neffen ist es dir zu schade! Herzlos bist du, nichts weiter!«
Er spulte einen abgenutzten Vorwurf nach dem anderen ab. Es war das alte Muster: Druck aufbauen, Schuldgefühle wecken, sie zum Nachgeben bringen. Genau so hatte er es unzählige Male zuvor gemacht.
Früher wäre Theresa zusammengezuckt. Sie hätte sich erklärt, beschwichtigt, die Wogen geglättet. Hätte bewiesen, dass sie keine schlechte Ehefrau war, dass ihr seine Familie nicht gleichgültig war. Doch diesmal sah sie nur in sein gerötetes Gesicht und spürte nichts als eine schwere, dumpfe Müdigkeit. Plötzlich tat ihr jede Minute leid, jede Kraft, die sie jahrelang darauf verwendet hatte, diesen erwachsenen Jungen zu umsorgen.
Da vibrierte Liams Handy auf dem Küchentisch. Das Display leuchtete auf. Ein Name erschien: »Sandra«.
Liam verstummte mitten im Satz. Hastig griff er nach dem Telefon und nahm den Anruf an. In seiner Eile berührte er jedoch versehentlich das Symbol für den Lautsprecher.
»Na, Brüderchen?«, schallte sofort Sandras muntere Stimme durch die ganze Küche. »Ich warte mir hier schon die Beine in den Bauch. Hast du mit deiner gesprochen? Wann können wir die Schlüssel holen? Ich habe es den Jungs schon zugesagt, die packen bereits ihre Sachen. Und sag ihr, sie soll den Kühlschrank dalassen. Unser alter taugt nichts mehr, und bei ihr steht doch ein ordentlicher.«
Liam stach fast panisch auf den Bildschirm ein, bis der Lautsprecher verstummte. Dann presste er das Handy ans Ohr.
»Sandra, ich rufe dich gleich zurück. Wir… klären hier gerade noch ein paar Einzelheiten. Später, ja?«
Er beendete das Gespräch und legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch. Danach räusperte er sich verlegen.
»Siehst du? Die Leute bereiten sich schon vor. Man kann jetzt nicht einfach so tun, als ginge einen das nichts an, Theresa. Ein bisschen Menschlichkeit muss doch sein.«
Dann warf er plötzlich seinen letzten Trumpf auf den Tisch.
»Wenn du das Haus nicht überschreibst, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, warum wir überhaupt noch zusammenleben!«
Er sah sie an, als hätte er gerade gewonnen. Offenbar erwartete er, dass sie erschrak. Dass das Wort Trennung sie aus der Fassung brachte. Dass sie ihm um den Hals fiel, sich entschuldigte und anfing, ihn anzuflehen.
Theresa stützte sich mit einer Hand an der Arbeitsplatte ab und hielt seinem Blick stand.
»Danke, Liam«, sagte sie ruhig.
Er blinzelte. Sein ganzer anklagender Schwung fiel in sich zusammen, als wäre die Luft aus ihm entwichen.
»Was? Wofür denn danke?«, fragte er misstrauisch.
»Dafür, dass du es gerade ausgesprochen hast. Und dafür, dass du das Haus verlangt hast.«
Ihre Stimme blieb gleichmäßig. Kein Schreien, kein Zittern.
»Ich habe nämlich die ganze Zeit gezweifelt. Ich dachte, vielleicht übertreibe ich. Vielleicht machst du nur eine schwere Phase durch. Stress im Job, Probleme, was auch immer. Ich dachte, ich müsste geduldiger sein. Aber du hast mir gerade alles sehr verständlich vor Augen geführt.«
»Wovon redest du überhaupt?«
In Liams Stimme war die frühere Sicherheit verschwunden. Stattdessen klang plötzlich etwas Hysterisches mit.
»Davon, dass Leibeigenschaft seit langer Zeit abgeschafft ist. Und dass ich nicht länger vorhabe, dich zu versorgen, während du die Schwierigkeiten deiner Schwester auf meine Kosten löst.«
Theresa wandte sich ab und ging in den Flur.
Liam trottete hinter ihr her. Seine Hausschuhe schlurften schwer über das Laminat. Noch immer schien er nicht begreifen zu können, dass sein scheinbar perfekter Plan gerade Risse bekam.
Theresa öffnete die schmale Kommode neben dem Spiegel.
