Im Hintergrund hörte ich Kinder kreischen, irgendwo bellte ein Hund.
„Frohes neues Jahr“, sagte er. „Du hattest recht. Ich habe völlig unterschätzt, wie viel Arbeit das ist.“
„Dir auch ein frohes neues Jahr“, antwortete ich.
Er schwieg kurz, dann fügte er hinzu: „Aber Mama und Tante Rosa haben sich wieder vertragen.“
Finn drehte das Handy. Auf dem Bildschirm sah ich zwei ältere Frauen nebeneinandersitzen, ihre Hände ineinandergelegt. Ich musste lächeln. Es war ein echter, bedeutender Augenblick. Nur machte er dadurch nicht rückwirkend richtig, auf welche Weise man versucht hatte, mir die Verantwortung dafür aufzubürden.
Am dritten Januar kam ich zurück. Das Haus sah besser aus, als ich befürchtet hatte. Der Müll war eingesammelt, das Geschirr gespült, die Bettwäsche in Säcke gestopft. Nicht so, wie ich es gemacht hätte, aber auch nicht verwüstet. Finn lag angezogen auf dem Sofa und schlief. Auf dem Küchentisch fand ich eine Kostenaufstellung und einen Zettel von Katharina: „Beim nächsten Mal mieten wir einen Saal.“
Am Abend redeten Finn und ich lange. Er gab zu, dass er seine Mutter nicht wegen der Versöhnung der Schwestern hatte gewähren lassen; davon hatte er selbst erst spät erfahren. In Wahrheit hatte ihm gefallen, dass die Verwandtschaft unser Haus bewunderte. Er mochte die Rolle des Mannes, der alle aufnehmen konnte. Die Arbeit, die nötig war, um dieses Bild aufrechtzuerhalten, hatte er ganz selbstverständlich an mich weitergereicht, weil in seiner Familie Frauen genau das taten.
„Als du weg warst, wollte ich zuerst beweisen, dass ich das problemlos schaffe“, sagte er. „Dann habe ich begriffen, dass das kein Fest ist, sondern ein Projekt. Und dass ich dich ohne deine Zustimmung zur Projektleiterin gemacht habe.“
Auch ich sagte ihm ehrlich, dass ich nicht nur wegen der Gäste gefahren war. Ich war es leid, immer die Letzte zu sein, deren Wünsche überhaupt noch berücksichtigt wurden, nachdem allen anderen bereits Bequemlichkeit versprochen worden war. Hätte Finn seiner Mutter sofort ein klares Nein gesagt oder einen echten Plan mit Catering und Hotel vorgeschlagen, hätten wir vielleicht gemeinsam anders entschieden.
Katharina entschuldigte sich nie direkt. Eine Woche später schickte sie mir Fotos von den beiden Schwestern und schrieb: „Schade, dass du nicht dabei warst.“ Ich antwortete: „Für mich nicht. Aber ich freue mich, dass ihr euch versöhnt habt.“ Danach schwieg sie zwei Tage. Dann fragte sie, wo man für Christians Jubiläum am besten einen Saal mieten könne. Für sie kam das beinahe einem Eingeständnis gleich, dass es nun eine neue Grenze gab.
Das nächste Silvester planten wir bereits im Oktober. Vier Möglichkeiten, ein Budget, eine Aufgabenliste und eine feste Regel: Eine Einladung galt erst dann als ausgesprochen, wenn beide Gastgeber zugestimmt hatten. Katharina entschied sich für ein Restaurant, Tante Rosa nahm sich ein Hotelzimmer in der Nähe. Ich erklärte mich bereit, einen Salat zu machen — weil ich Lust dazu hatte, nicht weil mein Name schon ungefragt in irgendeiner Tabelle stand.
Manche Verwandte nennen jenes Silvester bis heute „Johannas Flucht“. Sollen sie. Aus ihrer Sicht ließ ich die Familie in einem schwierigen Moment allein. Für mich war es das erste Mal, dass ich nicht die Entscheidung anderer rettete, indem ich meine eigene Erholung opferte.
Ich glaube nicht, dass man für jedes aufgedrängte Familienfest gleich ein Ticket in ein anderes Land braucht. Aber manchmal sehen Menschen den Umfang unsichtbarer Arbeit erst dann, wenn die Person fehlt, die sie sonst zuverlässig erledigt. Ohne Vortrag, ohne neue Liste, ohne Rettungsaktion in letzter Minute. Man erscheint einfach nicht zu einem Posten, auf den man ohne jedes Gespräch gesetzt wurde.
