„Laura zieht morgen hier ein“, verkündete Moritz selbstgefällig — Johanna legt die Gabel langsam nieder und sieht ihn kühl an

Diese selbstgerechte Gewissheit war unerträglich und widerlich.
Geschichten

Johanna griff nach ihrer Gabel und spießte mit demonstrativem Appetit eine Gurkenscheibe auf.

»Dann laden wir eben beide ein«, sagte sie, als spräche sie über die selbstverständlichste Sache der Welt. »Das dritte Zimmer steht ohnehin leer. Wir stellen zwei Betten hinein, eins an jede Wand. Das wird lustig. Wie bei einer richtigen italienischen Großfamilie. Also, beschlossen?«

Moritz schob seinen Teller mit dem halb gegessenen Hähnchen langsam von sich weg. Der Hunger war ihm vergangen, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Er starrte seine Frau an und begriff mit wachsendem Entsetzen, dass sie weder scherzte noch bluffte. In ihren Augen glomm dieses kalte, begeisterte Feuer eines Feldherrn, der eine besonders reizvolle Schlacht vor sich sieht. Noch klammerte er sich an die Hoffnung, es handle sich um irgendeine absurde Laune, die wieder verfliegen würde. Was er nicht wusste: Der teuflische Plan stammte gar nicht von Johanna selbst, sondern war vor kaum einer Stunde in einem Telefonat mit ihrer genialen Mutter geboren worden. Und er befand sich bereits in der Umsetzung.

Zwei Tage später gehörte ihnen ihre Dreizimmerwohnung faktisch nicht mehr. Sie hatte sich in ein Manövergelände verwandelt, in eine neutrale Zone, auf der zwei feindliche Mächte ihre Fahnen hissten.

Ulrike traf als Erste ein. Genau genommen kam sie nicht herein, sie rollte in den Flur wie eine Bowlingkugel, und hinter ihr schleppte sich Moritz ab, beladen mit zwei riesigen karierten Taschen und einem alten, aber tadellos gepflegten Lederkoffer auf Rollen.

»So, nehmt eure Untermieterin in Empfang!«, verkündete Ulrike schon auf der Schwelle. Dabei ließ sie den Blick einer Hausherrin durch die Wohnung wandern, prüfend, messend, urteilend. »Moritz, den Koffer sofort ins Zimmer. Die Taschen in die Küche, da sind Lebensmittel drin, das darf nicht warm werden. Johanna, was ist denn das für Staub in der Ecke? Da müsste man mal drübergehen.«

Sie handelte entschlossen, ohne Pausen, ohne die leiseste Unsicherheit, und füllte mit ihrer bloßen Anwesenheit jeden freien Zentimeter. Ihre Energie erinnerte an eine Naturkatastrophe: laut, umfassend, unaufhaltsam und völlig gleichgültig gegenüber Einwänden. Kaum hatte sie die Schuhe ausgezogen, stand sie bereits in der Küche, riss den Kühlschrank auf, schüttelte missbilligend den Kopf über die halb leeren Fächer und begann, ihre mitgebrachten Hausmannskost-Vorräte auszupacken. Johannas elegantes Glas mit Oliven wurde dabei kommentarlos in die hinterste Ecke verbannt. Ulrike fragte nicht, ob es recht sei. Sie führte ihre Ordnung ein, und diese Ordnung war in ihren Augen die einzig vernünftige, weshalb jede Diskussion darüber überflüssig war.

Eine Stunde später klingelte es erneut.

Andrea erschien beinahe geräuschlos im Türrahmen. Sie trug einen geschmackvollen Mantel und hielt eine kleine, feine Handtasche in der Hand. Sie war das vollkommene Gegenbild zu Ulrike. Sie kam nicht wie ein Sturm herein, sondern wie langsam steigendes Wasser: Man bemerkte es erst, wenn es einem schon bis zu den Knien stand.

»Guten Abend«, sagte sie weich und bot Johanna die gepuderte Wange zum Kuss dar. »Moritz, mein Junge. Ich sehe, ihr habt bereits Besuch.«

Ihr Blick glitt durch den Flur und blieb an Ulrike hängen, die gerade mit einem feuchten Lappen in der Hand aus der Küche auftauchte.

»Ulrike«, stellte Moritz die beiden Mütter vor und spürte gleichzeitig, wie ihm kalter Schweiß den Rücken hinunterlief.

»Andrea«, erwiderte Johannas Mutter mit einem höflichen, aber frostigen Lächeln.

Das erste Blut floss noch am selben Abend. Nach dem Essen, das im Wesentlichen aus den von Ulrike mitgebrachten Frikadellen bestanden hatte, zog die Gesellschaft ins Wohnzimmer um.

Ulrike ließ sich, als sei es ihr angestammter Platz, in Moritz’ Lieblingssessel fallen und nahm ohne zu zögern die Fernbedienung an sich. Punkt neun begann ihre Lieblingsserie, eine tränenreiche Geschichte über schwere Frauenschicksale.

»Gleich fangen die ›Trümmer des Glücks‹ an«, erklärte sie und schaltete mit entschiedener Geste um.

Andrea hob kaum merklich die Augenbrauen.

»Wäre es vielleicht möglich, auf den Kulturkanal zu wechseln? Heute wird aus der Wiener Staatsoper übertragen. Ein wenig Nahrung für die Seele täte doch gut, statt immer nur dieses ganze…«

Sie sprach das Wort »dieses« nicht einmal zu Ende, doch es hing im Raum wie ein Urteil über billige Massenware. Ulrike drehte langsam den Kopf. Ihr nach dem Abendessen noch rosiges Gesicht verdunkelte sich wie der Himmel vor einem Gewitter.

»Ich war den ganzen Tag auf den Beinen«, sagte sie schwer. »Ich habe gepackt, geschleppt, gekocht. Jetzt bin ich müde. Ich möchte meine Serie sehen und mich erholen.«

»Erholen kann man sich auch mit geschlossenen Augen«, entgegnete Andrea, ohne ihre samtige Höflichkeit aufzugeben. »Gute Musik dagegen beruhigt nachweislich die Nerven. Moritz, du hast doch sicher nichts dagegen, wenn wir Mozart hören?«

Moritz kam sich vor wie eine Zielscheibe, auf die zwei Scharfschützen gleichzeitig angelegt hatten.

»Mütter, bitte«, sagte er matt. »Ihr benehmt euch ja wie Kinder. Wir können doch einfach die Nachrichten einschalten. Das wäre ein Kompromiss.«

Aber für Kompromisse war es zu spät. Es ging längst nicht mehr um einen Fernsehsender. Es ging um Herrschaft. Johanna saß am anderen Ende des Sofas, beobachtete die Szene schweigend und verbarg nur halb ein schmales, fast unsichtbares Lächeln.

Am nächsten Morgen erreichte der Krieg eine neue Eskalationsstufe. Die Schlacht um das Badezimmer begann um sieben Uhr. Ulrike besetzte es als Erste und blieb erstaunlich lange darin. Hinter der Tür rauschte ununterbrochen Wasser, dazu sang sie mit kräftiger Stimme alte Volkslieder. Andrea wartete mit unbewegtem Gesichtsausdruck, bis sie an der Reihe war, und schloss sich danach ihrerseits für ebenso lange Zeit ein. Bei ihr herrschte jedoch absolute, beinahe grabtiefe Stille, was auf eine ganz andere Art noch nervenaufreibender war. Moritz, der ohnehin schon zu spät zur Arbeit kam, war schließlich gezwungen, sich in der Küche die Zähne zu putzen.

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