— Und was genau?
— Die Wahrheit.
Sie klappten den Laptop auf und setzten sich nebeneinander an den Tisch. Kein Satz wurde hastig getippt. Sie strichen, ergänzten, suchten nach Worten, die fest, aber nicht grausam klangen.
„Liebe Familie, liebe Freunde,
wir haben euch lieb. Wirklich. Aber dieses Haus gehört zu unserem Leben. Zehn Jahre lang haben wir dafür gespart, verzichtet und geplant. Es ist unser Rückzugsort. Ein Platz für uns beide, für unsere Ruhe, unsere Ehe, unseren Alltag außerhalb des Lärms.
Wir freuen uns, wenn ihr uns besucht. Als Gäste. Nach Absprache. Für eine begrenzte Zeit. Höchstens drei Tage.
Wer länger am Meer Urlaub machen möchte, kann sich gern eine Unterkunft mieten. Wir helfen bei der Suche, wenn ihr möchtet. Aber wohnen könnt ihr dann nicht bei uns.
Das ist keine Herzlosigkeit. Das sind Grenzen. Jede Familie braucht einen eigenen Raum, in dem sie atmen kann.
Wir wollen niemanden verletzen. Wir möchten nur unser eigenes Leben führen. In unserem eigenen Haus.
In Liebe
Sabine und Thomas“
Sie schickten die Nachricht ab. Danach legten sie beide Handys weg, schalteten sie aus und gingen zum Wasser.
Das Meer war warm und weich, als hätte es nur auf sie gewartet. Sie schwammen nackt, genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatten. Sie lachten, spritzten sich nass, küssten einander zwischen den Wellen. Ihr Meer. Ihr Strand. Ihr Leben.
Der August verging beinahe unwirklich. Still, leicht, glücklich. Sie standen auf, wenn ihnen danach war. Frühstückten auf der Veranda. Lagen mit Büchern in der Hängematte. Sprangen zwei-, dreimal am Tag ins Wasser. Abends kochten sie zusammen, tranken Wein, während die Sonne versank, und liebten sich später unter dem weiten Sternenhimmel.
Nach und nach wurde auch das Haus wieder zu dem, was es sein sollte. Sie schrubbten die Wände, setzten die zerbrochene Vase zusammen und behielten sie als Erinnerung. Kaputte Dinge wanderten in den Müll. Für das Sofa kauften sie neue Kissen, im Schlafzimmer hängten sie endlich Vorhänge auf.
Die Verwandtschaft schmollte. Sabines Mutter rief einmal pro Woche an, um zu weinen und Vorwürfe zu machen. Paula schickte giftige Nachrichten. Einige andere meldeten sich überhaupt nicht mehr.
— Bereust du es? — fragte Thomas am letzten Morgen im August.
Sie saßen am Strand und sahen dem Sonnenaufgang entgegen. Sabine schüttelte langsam den Kopf.
— Nein. Weißt du, was mir klar geworden ist? Wir leben ständig für irgendwen. Für Eltern, für Verwandte, für Erwartungen, für das, was angeblich richtig ist. Nur für uns selbst bleibt nie etwas übrig.
— Und jetzt?
— Jetzt bleibt hier etwas für uns. Wenigstens hier. Wenigstens zwei Monate im Jahr.
— Und die übrigen zehn?
— Die werden sein wie immer. Arbeit, Stadt, Termine, Hektik. Aber wir haben diesen Ort. Unseren. Nur unseren.
Am Horizont stieg die Sonne aus dem Wasser. Goldene Streifen liefen über die Wellen, und irgendwo schrien Möwen.
— Fahren wir nach Hause? — fragte Thomas leise.
Sabine lächelte.
— Wir sind doch zu Hause.
Und genau so war es. Sie waren angekommen. In ihrem Haus am Meer. Nicht gekauft, damit Gäste es füllen. Nicht für die Verwandtschaft. Nicht, um irgendwem etwas zu beweisen. Sondern für sich. Für den Traum, den sie sich endlich erlaubt hatten.
Sollten die anderen beleidigt sein. Sollten sie sie für egoistisch halten. Sollten sie es nicht begreifen. Das Wichtigste hatten Sabine und Thomas selbst verstanden: Man darf für sich leben. Wenigstens manchmal. Wenigstens im eigenen Haus.
Am Meer. Dort, wo es still war. Wo niemand störte. Wo nur sie beide waren — und ihr Traum, der Wirklichkeit geworden war.
