Sabines Stimme kippte, wurde scharf und laut.
— Du hast mich doch genau so erzogen: bequem für alle! Immer freundlich sein, es jedem recht machen, den Mund halten, schlucken, aushalten! Aber damit ist jetzt Schluss!
— Hysterisch bist du! — Tante Nicole schwankte einen Schritt zurück und schüttelte empört den Kopf. — So sieht es also aus, wenn Leute plötzlich zu etwas kommen. Kaum ein Haus gekauft, schon haltet ihr euch für etwas Besseres!
— Ja! — fuhr Thomas dazwischen. — Ganz genau, wir bilden uns etwas ein! Stellt euch das vor: Wir wollen tatsächlich in UNSEREM Haus wohnen. Allein! Ausschlafen, bis wir keine Lust mehr haben. Auf der Terrasse frühstücken. Nackt ins Meer laufen. Miteinander schlafen, wo immer es uns passt. In UNSEREM eigenen Haus!
Die Kinder kicherten los. Paula presste ihnen hastig die Hände auf die Ohren.
— Vor den Kindern! Muss das sein?
— Ich habe die Kinder nicht hergebeten! — rief Thomas. — Ich habe überhaupt niemanden eingeladen!
Jakob zuckte nur mit den Schultern.
— Na gut. Dann fahre ich eben zu Elias. Der hat auch ein Haus am Meer. Und ehrlich gesagt ein schöneres als eures.
— Dann fahr!
Für einen Moment sagte niemand etwas. Alle starrten Sabine und Thomas an. Die beiden standen dicht nebeneinander, die Finger ineinander verschränkt.
— Ihr setzt uns also vor die Tür? — zischte Sabines Mutter.
Sabine hob das Kinn.
— Wir bitten euch, unser Haus zu verlassen.
— Das merke ich mir. Oh, das vergesse ich euch nicht! Von mir braucht ihr nie wieder Hilfe zu erwarten!
— Erwarten wir auch nicht.
Paula raffte die Sachen der Kinder zusammen.
— Kommt. Wo man nicht erwünscht ist, bleibt man nicht.
— Paula, mach kein Theater, — sagte Sabine müde. — Es geht nur darum, dass es Grenzen gibt.
— In einer Familie gibt es keine Grenzen!
— Doch. Und ihr habt sie überschritten.
Bis zum Abend war das Haus leer. Sie gingen beleidigt, knallten Türen, drohten damit, sich alles „gut zu merken“. Sabines Mutter weinte und klagte laut über ihre undankbare Tochter. Paula schwor, ihr das niemals zu verzeihen. Jakob verschwand einfach, ohne sich zu verabschieden. Tante Nicole rief mit ihrem Begleiter ein Taxi und nahm für den Weg noch schnell eine Flasche Wein mit.
Sabine und Thomas blieben auf der Terrasse zurück. Drinnen sah es aus wie nach einem Sturm: schmutziges Geschirr, verstreute Kleidung, Flecken auf den Polstern, Kinderzeichnungen an den Wänden. Und doch war da zum ersten Mal Ruhe. Das Haus gehörte wieder ihnen. Nur das Meer rauschte.
— Glaubst du, wir haben richtig gehandelt? — fragte Sabine leise.
— Keine Ahnung, — antwortete Thomas. — Aber anders hätte ich es nicht mehr ausgehalten.
— Mama wird mir das nie verzeihen.
— Doch. Irgendwann. Wohin soll sie denn mit ihrem Groll?
— Und Paula?
— Paula auch. Spätestens wenn sie selbst einmal für ein eigenes Zuhause gespart hat, wird sie es begreifen.
Sie schwiegen. Die Sonne sank langsam ins Wasser und färbte die Wellen rosarot.
— Weißt du, was weh tut? — Sabine lehnte den Kopf an seine Schulter. — Wir wollten dieses Haus doch teilen. Gäste einladen. Feste feiern. Schöne Tage mit anderen verbringen.
— Einladen, ja. Aber eben auf Einladung. Für ein Wochenende. Nicht als Dauerlager für die halbe Verwandtschaft.
— Vielleicht sind wir wirklich egoistisch.
— Vielleicht. Na und? Wir dürfen es sein. Das ist unser Haus. Unser Traum.
Sabines Handy vibrierte ununterbrochen. Schließlich nahm sie es in die Hand und sah auf den Bildschirm. Nachrichten von ihrer Mutter, von Paula, von Tanten und Onkeln: Empörung, Vorwürfe, Beschämung, die Forderung, endlich zur Vernunft zu kommen.
— Lass uns allen schreiben, — schlug Thomas vor.
