— Ist das bei allen angekommen?
Als Erste fand Paula, Sabines Schwester, ihre Stimme wieder.
— Thomas, spinnst du jetzt völlig? Wir sind doch Familie!
— Familie kommt, wenn sie eingeladen wird, und fährt wieder, wenn sie es angekündigt hat. Familie nistet sich nicht wochenlang ein.
— Ich habe Urlaub! Und die Kinder brauchen das Meer!
— Dann nehmt euch eine Ferienwohnung. Ein Hotelzimmer. Mir egal, irgendetwas. Aber nicht unser Haus.
Sabines Mutter riss empört die Arme hoch.
— Thomas! Wie kannst du nur so reden! Ich bin Sabines Mutter!
— Und daraus folgt was genau? Dass Sie ohne zu fragen bei uns wohnen dürfen?
— Ich helfe euch! Ich koche, ich mache sauber!
— Niemand hat Sie darum gebeten! Wir haben überhaupt niemanden gebeten, hierherzukommen!
In diesem Moment stolperte Nicole, die Freundin von Sabines Mutter, von der Veranda herein. Sie war angetrunken, der Lippenstift verschmiert, der Blick glasig.
— Was ist denn hier für ein Geschrei? Andere Leute wollen sich erholen!
— Ganz genau! — Thomas fuhr zu ihr herum. — Andere Leute wollen sich erholen! Sabine und ich nämlich! Und ihr alle habt uns diese Erholung kaputtgemacht!
— Thomas… — Sabine machte einen Schritt auf ihn zu, als wolle sie ihn bremsen.
— Nein, Sabine! Jetzt ist Schluss! Zehn Jahre lang haben wir von diesem Haus geträumt. Zehn Jahre lang haben wir jeden Euro zur Seite gelegt. Keine Reisen, keine neuen Möbel, Klamotten vom Secondhandladen. Und wofür? Damit unser Zuhause am Ende wie eine kostenlose Pension benutzt wird?
Jakob erhob sich träge aus dem Sessel und verzog das Gesicht.
— Onkel Thomas, reg dich nicht so auf. Wir bleiben doch nicht ewig.
— Ach nein? Wann fahrt ihr denn?
— Na ja… bald halt.
— Was heißt bald?
— Keine Ahnung. Vielleicht in einer Woche.
— Noch eine Woche?! — Thomas fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf. — Auf keinen Fall. Morgen. Ihr fahrt alle morgen.
— Sabine! — kreischte ihre Mutter. — Bring deinen Mann zur Vernunft!
Doch Sabine sagte nichts. Sie stand an die Wand gelehnt und starrte durch das Fenster hinaus. Auf das Meer. Auf ihr Meer, das sie seit drei Wochen nicht mehr richtig gesehen hatten, abgesehen von diesem Blick durch die Scheibe.
— Sabinchen, sag doch was! — Paula trat dicht an ihre Schwester heran. — Wir hatten das doch besprochen!
— Nein, — sagte Sabine leise.
— Was heißt nein?
— Wir hatten gar nichts besprochen. Du hast angerufen und erklärt, dass du kommst. Für zwei Tage. Das war vor drei Wochen.
— Aber die Kinder! Sie brauchen doch Ferien!
— Und wir? — Sabine wandte sich nun zu ihr um. — Brauchen wir keine Erholung? Wir schuften das ganze Jahr wie die Verrückten. Thomas nimmt Doppelschichten an. Ich arbeite abends noch nebenbei. Und wozu? Damit ihr hier auf unsere Kosten lebt?
— Wir gehören doch zur Familie!
— Familie bedeutet nicht, dass man sich durchfüttern lässt!
Das Wort schnitt durch den Raum und blieb schwer zwischen ihnen hängen. Paula wurde kreidebleich.
— Also sind wir für dich Schmarotzer?
— Was denn sonst? Hast du Lebensmittel bezahlt? Strom? Wasser? Die Reinigung, die ich jeden Tag mache? Die Bettwäsche, die ich wasche?
— Ich bin deine Schwester!
— Und deshalb darfst du auf meine Rechnung leben?
Sabines Mutter schnappte nach Luft.
— Sabine! Was redest du da! So habe ich dich nicht erzogen!
— Genau das ist der Punkt!
