— Sabine! Sabine, wo steckst du?! — Thomas stürmte ins Schlafzimmer und hätte dabei beinahe den Neffen umgerannt, der ein tropfnasses Handtuch quer durchs ganze Haus schleifte. — Das hält doch kein Mensch mehr aus!
Sabine saß auf der Bettkante, das Gesicht in den Händen vergraben. Aus dem Nebenzimmer drang das Geschrei der Kinder ihrer Schwester, in der Küche brutzelte ihre Mutter irgendetwas in der Pfanne und füllte das Haus mit beißendem Qualm, während von der Veranda das betrunkene Gelächter einer Freundin ihrer Mutter und deren neuer Begleitung herüberwehte.
— Ich weiß, — murmelte Sabine kaum hörbar. — Glaub mir, ich weiß es.
— Zehn Jahre, Sabine! — Thomas ließ sich neben sie fallen, die Hände zu Fäusten geballt. — Zehn verdammte Jahre haben wir für dieses Haus gespart. Wir haben auf alles verzichtet. Und wofür bitte?
Draußen rauschte das Meer. Genau dieses Meer, wegen dem sie die enge, stickige Stadt hinter sich gelassen hatten. Genau dieses Meer, an dessen Strand sie seit fast drei Wochen nicht ein einziges Mal in Ruhe gekommen waren.

— Thomas, es ist doch Familie…
— Familie?! — Er sprang auf, als hätte ihn jemand gestochen. — Deine Schwester wollte „nur zwei Tage“ bleiben. Das war vor drei Wochen! Und sie kam mit drei Kindern, die inzwischen jede Wand im Haus vollgekritzelt haben!
— Ich rede mit ihr…
— Du redest mit ihr? So wie du mit deiner Mutter geredet hast, die plötzlich ohne Ankündigung vor der Tür stand? Oder mit deinem Neffen, der seine Freunde angeschleppt und hier eine Party veranstaltet hat?
Aus der Küche krachte es. Irgendetwas ging zu Bruch. Dann schrie die Schwiegermutter:
— Sabine! Wo habt ihr denn einen Lappen? Hier ist Öl ausgelaufen!
Sabine wollte sofort aufstehen, doch Thomas hielt sie am Arm zurück.
— Nein. Schluss jetzt. Du bleibst sitzen.
— Aber sie…
— Dann wischt sie es eben selbst weg. Das hier ist unser Haus, verdammt noch mal!
Im selben Moment flog die Tür auf. Ida, die jüngste Tochter von Sabines Schwester, platzte herein.
— Tante Sabine! Leon hat mich gehauen! Und eure Vase hat er auch kaputtgemacht!
Thomas schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn.
— Welche Vase?
— Die blaue. Die auf dem Regal stand.
Venezianisches Glas. Ihr Geschenk zum Hochzeitstag. Sie hatten sie aus Italien mitgebracht, damals, bei ihrem letzten richtigen Urlaub. Vier Jahre war das her.
— Das war’s, — sagte Thomas und richtete sich langsam auf. — Endgültig, Sabine. Ich habe genug.
Er verließ das Schlafzimmer. Sabine eilte ihm hinterher. Im Wohnzimmer bot sich ein Bild völliger Verwüstung. Die Kinder ihrer Schwester jagten zwischen den Sofas hindurch, auf dem Boden lagen die Scherben der Vase verstreut, und Jakob, der Neffe, lümmelte mit schmutzigen Turnschuhen in ihrem Lieblingssessel, den Blick starr auf sein Handy gerichtet.
— Aufmerksamkeit! — Thomas stellte sich mitten in den Raum. — Alle hören jetzt zu!
Niemand reagierte. Die Kinder rannten weiter, Jakob hob nicht einmal den Kopf.
— ICH HABE GESAGT: ZUHÖREN! — brüllte Thomas so laut, dass die Fensterscheiben bebten.
Schlagartig erstarrten alle. Sogar aus der Küche erschien die Schwiegermutter und trocknete sich die Hände an ihrem Küchentuch ab.
— Also. Jetzt passt ihr alle gut auf. Dieses Haus gehört Sabine und mir. UNS. Nicht euch, nicht der ganzen Familie, sondern uns. Und ich will, dass morgen früh niemand von euch mehr hier ist.
