Das Geld ist nicht mehr da.
Leon stürzte in den Flur zu der kleinen Kommode, in deren Schublade sie sonst etwas Bargeld für alltägliche Ausgaben aufbewahrten. Mit einem Ruck zog er das Fach heraus.
Leer.
Dann fuhr er herum und griff nach der Schatulle auf dem Regal.
Auch dort fand er nichts.
— Was hast du damit gemacht?!
Jetzt schrie er. Die letzte Spur von Beherrschung war aus seinem Gesicht verschwunden.
— Das war mein Urlaubsgeld!
In genau diesem Augenblick klingelte das Handy in seiner Hosentasche. Leon riss es heraus, als hätte es ihn verbrannt. Auf dem Display leuchtete Daniels grinsendes Gesicht auf, aufgenommen irgendwo neben einem Grill.
— Ja, Mann!
Er bellte die Worte ins Telefon und warf Emma dabei einen misstrauischen Seitenblick zu.
Die Lautstärke war beinahe voll aufgedreht, deshalb verstand Emma jedes Wort. Daniels gut gelaunte, leicht heisere Stimme füllte den ganzen Raum.
— Leon, alter Freund, grüß dich!
Er sprach so laut, als müsse er gegen Sturm anbrüllen.
— Hast du das Fleisch fürs Grillen eingelegt, wie besprochen? Ich steh gerade im Supermarkt vor der Kühltheke und überlege, ob ich dieses fertige Zeug in den Plastikeimern nehmen soll oder ob du es doch selbst gemacht hast. Und vergiss das Geld nicht! Für die Sauna müssen wir vor Ort auch noch ordentlich was drauflegen.
Leon beendete den Anruf hastig, ohne auch nur eine Antwort zu geben.
Für einige Sekunden lag eine bleierne Stille im Zimmer.
— Gehört die Sauna auch zu deinem Gesundheitsprogramm? — fragte Emma mit schneidender Ironie. — Wirklich ein hervorragendes Kurhotel. Bestimmt gibt es dort auch besonders heilende Schlammpackungen. Pass nur auf, dass du dir nicht den Rücken ruinierst, wenn du die Getränkekisten schleppst.
— Hör auf, mich lächerlich zu machen! — fuhr Leon sie an. — Du hast endgültig den Verstand verloren! Du hattest kein Recht, in meinen Sachen herumzuschnüffeln und das Ticket zurückzugeben! Wo ist das Geld?
— Ich habe meine eigenen Ersparnisse dazugelegt.
Emma sprach ruhig, langsam und so deutlich, als diktiere sie einen wichtigen Satz.
— Ich habe sie mit dem Betrag zusammengerechnet, den ich für das stornierte Ticket bekommen habe, und meiner Mutter zum Jubiläum ein anständiges Geschenk gekauft.
Leon erstarrte.
Es dauerte einen Moment, bis der Sinn dieser Worte wirklich bei ihm ankam.
— Was hast du getan?
— Ich habe ihr eine gute Overlockmaschine gekauft.
Emma senkte den Blick nicht.
— Genau die, von der sie seit fünf Jahren spricht und die sie sich nie gegönnt hat, weil ihr das Geld für sich selbst immer zu schade war. Eine zuverlässige, solide Maschine, mit sauberer Naht. Du magst doch große Gesten, nicht wahr? Also habe ich beschlossen, diesmal ebenfalls nicht kleinlich zu sein. Du hast am Ende genau das bekommen, worauf du selbst alles zugesteuert hast.
Leon ließ sich schwer auf den Hocker fallen.
Sein perfektes Wochenende mit Angeln, Alkohol und Sauna zerbröselte vor seinen Augen in nichts.
— Begreifst du überhaupt, was du da angerichtet hast? — presste er mühsam hervor. — Das Geld war für meinen wohlverdienten Urlaub gedacht!
— Das waren gemeinsame Rücklagen, — schnitt Emma ihm das Wort ab. — Und du verfügst darüber, als müsste ich nicht einmal gefragt werden. Erst bezahlst du Stefanies Reise mit Geld, das wir beide angespart haben. Dann planst du mit Daniel eine Sauftour in einem gemieteten Haus. Und meiner Mutter bringst du getrocknete Kräuter aus dem Billigladen mit.
Sie wandte sich ab und ging Richtung Flur.
— Schluss damit, Leon. Der freie Zugriff auf unser gemeinsames Geld ist vorbei. Für deine Vergnügungen wirst du künftig selbst sorgen müssen.
Leon sprang auf und trat wütend gegen ein Tischbein.
— Dann leck mich doch!
Er spuckte die Worte beinahe aus.
— Ich fahre trotzdem! Ich leihe mir was von den Jungs, nehme eben Schulden auf, aber ich fahre! Und du kannst hierbleiben, mit deiner Mutter und ihrer Nähmaschine!
