— Gute Reise, — erwiderte Emma ruhig, beinahe gleichgültig.
Dann ging sie ins Bad, zog die Tür hinter sich zu und drehte den Wasserhahn auf.
Leicht fiel ihr das alles nicht. In ihr saß ein unangenehmer Druck, und ihre Finger zitterten noch ein wenig vor Anspannung. Doch unter dieser Schwere regte sich zugleich etwas Neues, etwas Unerwartetes: ein Gefühl von Freiheit.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Emma nicht versucht, den Streit zu entschärfen. Sie hatte Leons offenen Egoismus nicht beschönigt, ihm keine Ausrede gesucht und auch nicht krampfhaft nach irgendeiner vernünftigen Erklärung für sein Verhalten gegriffen.
Draußen polterte Leon durch die Wohnung. Er packte mit hörbarem Zorn seine Sachen zusammen, murmelte gereizt vor sich hin, knallte im Schlafzimmer Schranktüren zu und ließ den Schlüsselbund laut klirren.
Wenig später fiel die Wohnungstür mit solcher Wucht ins Schloss, dass es durch den Flur hallte.
Eineinhalb Wochen später saß Emma in der hellen Küche ihrer Mutter.
Auf dem Herd summte leise der Wasserkessel. Es roch nach frischem Gebäck und nach jener besonderen Wärme eines Zuhauses, die sofort Erinnerungen an die Kindheit wachrief.
Johanna hatte ihre Brille auf die Nasenspitze geschoben und führte mit sichtlicher Begeisterung den Rand eines bunten Stoffstücks durch die neue Overlockmaschine.
Das Gerät lief erstaunlich leise und gab nur ein gleichmäßiges, angenehmes Surren von sich.
— Sieh dir diese Naht an, Emma!
Bewundernd strich ihre Mutter mit der Hand über die sauber versäuberte Kante.
— Ich kann mich gar nicht sattsehen daran. Das sieht ja aus wie aus einer Schneiderei. Zuerst mache ich die neuen Gardinen für die Küche fertig, danach nehme ich mir die Bettwäsche vor. Die alten Baumwollstoffe wollte ich schon ewig umarbeiten.
— Benutz sie, so viel du möchtest, Mama.
Emma lächelte und nahm einen Schluck Tee.
— Du hast ein ordentliches Geschenk verdient. Nicht so ein peinliches Kräuterbündel mit Dill.
Johanna schwieg taktvoll.
Sie hatte sich nie in das Privatleben ihrer Tochter eingemischt und gab keine Ratschläge, solange niemand sie darum bat. Während der ganzen Woche hatte sie kein einziges Mal gefragt, weshalb Leon sich nicht meldete oder wohin er verschwunden war.
— Und Leon?
Diesmal konnte Johanna die Frage doch nicht ganz zurückhalten. Ohne den Blick von der Naht zu heben, erkundigte sie sich leise:
— Ist er gefahren, um seinen Rücken zu kurieren?
— Gefahren ist er, — sagte Emma mit einem trockenen Lächeln.
Allerdings war Leon keineswegs in das gemietete Haus mit Sauna aufgebrochen.
Daniel hatte sich geweigert, ihm eine größere Summe zu leihen. Er verwies auf laufende Zahlungen fürs Wohnen und eine anstehende Autoreparatur. Also blieb Leon nichts anderes übrig, als zur alten Laube seiner Eltern zu fahren und dort seinen gekränkten Stolz in Gesellschaft eines pensionierten Nachbarn zu ertränken.
Kartoffeln auszugraben, kam ihm selbstverständlich nicht in den Sinn.
Dafür hatte er sich den Rücken tatsächlich verrenkt, als er versuchte, ganz allein einen schweren, verrosteten Grill aus dem Schuppen zu zerren.
Am Vortag hatte Stefanie angerufen. Empört hatte sie Emma vorgeworfen, ihren Mann in der Laube zurückgelassen zu haben, wo er sich nun angeblich nur von Konserven ernähren müsse.
Emma hatte ihr lediglich höflich einen angenehmen Kuraufenthalt gewünscht und das Gespräch beendet.
— Er ist in der Laube, Mama.
Emma stellte ihre leere Tasse auf den Tisch.
— Atmet frische Luft und denkt über sein Leben nach.
— Dann soll er das ruhig tun.
Johanna legte den bearbeiteten Stoff beiseite und nahm die Brille ab.
— Nachdenken schadet grundsätzlich niemandem. Vielleicht kommt er ja irgendwann zu einem vernünftigen Schluss. Und wir trinken inzwischen noch Tee mit Apfelkuchen. Die Jungen kommen gleich aus der Schule zurück und sind bestimmt hungrig.
Emma nickte.
Es war ihr vollkommen gleichgültig, welche Erkenntnisse Leon dort draußen gewinnen würde.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit spürte sie echte Ruhe.
Und diese Ruhe war jeden einzelnen Euro wert, den sie für die Overlockmaschine ausgegeben hatte.
