Es war David, der in einem teuren Sakko als Erster hereinkam. Direkt hinter ihm folgte seine Frau Julia, deren Frisur aussah, als wäre sie gerade eben erst in einem noblen Salon vollendet worden. Danach traten Lukas’ Cousine und ihr Mann über die Schwelle.
Im Flur wurde es augenblicklich eng und laut. Stimmen überschlugen sich, Parfüm hing schwer in der Luft, und überall raschelten Geschenktüten.
Lukas kam seinen Verwandten entgegen, inzwischen in einem tadellos gebügelten hellen Hemd. Er richtete sich auf, zog die Schultern zurück und sprach mit einer Stimme, die absichtlich eine Spur zu laut klang, während er die Mitbringsel entgegennahm.
„Kommt rein, meine Lieben! Macht es euch gemütlich, ganz wie zu Hause!“
Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er auf die frisch renovierte Wohnung.
„Schaut euch nur an, was wir hier alles gemacht haben! Ich habe wirklich jedes Detail im Blick gehabt. Jede einzelne Fliese habe ich selbst ausgesucht, und mit dem Bauleiter habe ich mich dauernd herumgestritten!“
Sophie stand am Durchgang zur Küche und verzog kaum merklich den Mund.
Die Fliesen hatte Lukas tatsächlich ausgesucht. Ganze fünfzehn Minuten lang im Baumarkt.
Bezahlt hatte die Rechnungen der Handwerker allerdings Sophie. Und sie war es auch gewesen, die sich mit den Arbeitern auseinandersetzen musste, als die Wände schief verputzt worden waren.
Doch vor den Gästen wollte sie keine Diskussion anfangen.
In der folgenden Stunde kam Sophie praktisch nicht zum Sitzen. Mal brachte sie Schüsseln mit Salaten herein, mal räumte sie leere Platten ab, dann stellte sie wieder frische Teller auf den Tisch. Niemand aus der Runde kam auch nur auf den Gedanken zu fragen, ob sie Unterstützung gebrauchen könnte.
Währenddessen unterhielten sich die Gäste angeregt über Immobilienpreise in den neueren Stadtvierteln.
„Wir überlegen ja, unsere Dreizimmerwohnung zu vermieten“, erzählte Julia und strich Kaviar auf eine dünne Scheibe Baguette. „Wir selbst ziehen wahrscheinlich raus ins Grüne. In so einer Wohnung ist es auf Dauer einfach beengt und stickig. David hat versprochen, dass das Haus bis zum Sommer fertig wird.“
„Völlig richtig“, pflichtete David ihr bei. „Warum soll man ständig zwischen Betonwänden hocken? Lukas, wann wollt ihr euch eigentlich etwas Größeres zulegen? Falls Kinder kommen, wird euch diese Zweizimmerwohnung schnell zu klein.“
Lukas wurde sichtlich unruhig und rückte auf seinem Stuhl herum.
„Wir haben doch gerade erst die Renovierung abgeschlossen.“
Er bemühte sich, möglichst souverän zu klingen.
„Im Moment stecke ich lieber mehr ins Geschäft. Geld muss arbeiten und Gewinn bringen, nicht bloß in Wänden verschwinden.“
Etwa eine Stunde später war Lukas bereits deutlich in Fahrt geraten.
Er saß am Kopfende der festlich gedeckten Tafel, fuchtelte lebhaft mit der Gabel herum und erklärte seinem Bruder mit großem Ernst seine Vorstellungen vom Familienleben.
„Ich sehe das als Mann und Ernährer so: Ein Ehemann hat dafür zu sorgen, dass es seiner Familie an nichts fehlt. Wenn meine Frau roten Fisch möchte, dann gibt es roten Fisch. Wenn sie gute Käsesorten will, dann organisiere ich das. An Feiertagen spare ich nicht. Man muss sich manchmal erlauben, schön zu leben.“
Sophie, die neben dem Kücheneingang stehen geblieben war, erstarrte für einige Sekunden.
Sie wusste ganz genau, von wessen Karte der Fisch, der Käse und auch die Ente bezahlt worden waren.
David lächelte nachsichtig und ließ gemächlich den Wein in seinem Glas kreisen.
„Nicht schlecht, Lukas“, sagte der ältere Bruder gedehnt. „Ein Hausherr, das muss man dir lassen. Nur das warme Essen lässt bei euch irgendwie auf sich warten. Julia hätte um diese Zeit normalerweise längst den Hauptgang aufgetragen. Sonst fangen die Gäste irgendwann an, sich zu langweilen.“
Lukas’ Gesicht spannte sich sofort an.
Die Bemerkung seines Bruders traf genau die Stelle, die er mit all seinen Erzählungen über den eigenen Erfolg so eifrig zu verdecken versucht hatte.
Abrupt drehte er sich zur Küche um.
„Sophie!“
Seine Stimme hallte durch die ganze Wohnung.
„Bist du da drinnen eingeschlafen oder was? Wo bleibt die Ente? Wir sitzen hier alle hungrig herum!“
Sophie kam rasch aus der Küche. Die Hitze am Backofen hatte ihr Gesicht gerötet.
„Noch ungefähr fünf Minuten, Lukas“, sagte sie beschwichtigend und hob die Hände. „Der Ofen läuft über den Timer. Die Soße muss nur noch kurz durchziehen, dann bringe ich alles sofort.“
„Bei einer ordentlichen Hausfrau steht so etwas rechtzeitig bereit“, bemerkte Sabine unverzüglich.
Die Schwiegermutter tupfte sich vorsichtig mit einer Papierserviette die Lippen ab.
„Der Appetit kommt schließlich am Tisch. Aber wenn man auf den Hauptgang ewig warten muss, was ist das dann für ein Fest? Von Salaten allein kann man ja nicht den ganzen Abend leben.“
Julia musterte Sophie von oben bis unten. Für einen Augenblick blieb ihr Blick an der Schürze hängen, auf der der dunkle Fleck der Kirschsoße prangte.
Lukas’ Cousine senkte sofort den Kopf über ihren Teller, als hätten die Vorspeisen plötzlich ihre ganze Aufmerksamkeit verdient.
„Ganz genau!“, rief Lukas, spürbar ermutigt durch die Unterstützung seiner Mutter. „Alle sitzen hier und warten auf wer weiß was. Wenn man dich schickt, kann man gleich den Tod hinterherschicken.“
Sophie trat näher an den Tisch heran.
Als Erstes sah sie nicht Lukas an, sondern zum Timer des Backofens.
