Theresa verlor keine Sekunde. Sie raffte den Rocksaum hoch und eilte Hannah hinterher zu den schmalen Stegen am Ufer.
Der aufgeweichte Lehmhang gab unter ihren Schuhen nach, bröckelte weg und war so glitschig, dass jeder Schritt gefährlich wurde. Unten tobte der Fluss, als hätte der Sturm ihn schon seit Stunden gepeitscht.
„Ich kann ihn nicht erkennen!“, schrie Hannah gegen den Regen an. „Theresa, ich sehe das Boot nicht!“
Die beiden Frauen standen bis auf die Haut durchnässt am Wasser und starrten in den dichten grauen Vorhang aus Regen und Gischt.
Da löste sich plötzlich etwas Dunkles aus der trüben Wand.
Ein Boot.
Es trieb schräg heran, wurde von den Wellen herumgerissen und hatte keinerlei Halt mehr. Der Motor schwieg; kein Brummen, kein Stottern, nichts.
„Das ist er!“, rief Hannah, packte Theresa am Arm und zog sie näher ans Ufer.
Sebastian erreichte die Stege, doch von Anlegen konnte keine Rede sein. Die Strömung schleuderte das Boot mit voller Wucht gegen die nassen Bretter. Es krachte laut, irgendwo splitterte Holz, die Bordwand bekam einen Riss.
Sebastian fiel mehr aus dem Boot, als dass er ausstieg. Keuchend landete er auf den glitschigen Planken und wurde sofort von einem heftigen Husten geschüttelt.
Hannah und Theresa rannten zu ihm, fassten ihn von beiden Seiten unter den Armen und zerrten ihn mit letzter Kraft weg vom Wasser auf den sicheren Boden.
Dort sank Sebastian einfach in den nassen Lehm. Eine Weile rang er nur nach Luft. Erst nach mehreren Minuten brachte er abgehackte Worte hervor, jedes einzelne unterbrochen von schweren Atemzügen.
„Der Motor… ist ausgegangen. Ich dachte… jetzt war’s das. Gleich kippt es um. Ich hatte mich schon… verabschiedet. Aber… es ist gut gegangen. Gott hat mich… bewahrt.“
Dann hob er den Kopf. Sein Blick suchte Theresa, und seine Stirn legte sich in ernste Falten.
„Theresa“, fragte er langsam, „was hat dein Kater heute gemacht?“
„Er ist auf den Ofen geklettert.“
Sebastian nickte bedächtig.
Und er tat es mit einem Gesichtsausdruck, als habe er genau diese Antwort erwartet und als füge sich damit ein fehlendes Stück in ein längst begonnenes Bild.
Bis zum Abend hatte sich das Unwetter vollkommen verzogen. Über dem Fluss spannte sich ein breiter, leuchtender Regenbogen, so klar, als wolle der Himmel für den Schrecken des Tages um Verzeihung bitten. Moritz stieg endlich von seinem warmen Platz herunter, streckte sich ausgiebig, bog den Rücken und spazierte anschließend, völlig ungerührt, zu seinem Futternapf.
Theresa verwöhnte ihn an diesem Abend wie schon lange nicht mehr.
Von da an machte die Geschichte von Moritz, dem Kater, der schlechtes Wetter früher spürte als alle Menschen, schnell im ganzen Umkreis die Runde.
Nach und nach entstand unter den Einheimischen sogar eine Art unausgesprochene Regel.
Wer vorhatte, mit dem Boot hinauszufahren, schaute vorher möglichst bei Theresa vorbei. Manche blieben am Gartentor stehen, andere warfen nur einen Blick in den Hof und riefen:
„Theresa, wie ist Moritz heute drauf?“
Wenn der Kater gelassen durchs Haus schlenderte oder sich am Fensterbrett räkelte, lautete ihre Antwort meist:
„Alles ruhig. Du kannst fahren.“
Hockte der rot-weiße Wetterprophet jedoch wieder oben auf seinem angestammten Platz, sagte Theresa nur:
„Er sitzt auf dem Ofen. Heute würde ich lieber an Land bleiben.“
Und niemand widersprach mehr.
Eines Tages saß Theresa auf der Veranda und blickte zum Fluss hinüber. Moritz lag neben ihren Füßen, blinzelte träge in die Sonne und ließ sich vom Glitzern des Wassers nicht im Geringsten beeindrucken.
Da kam ein junger Mann die Straße entlang, der Enkel einer Nachbarin. Als er die Frau mit dem Kater entdeckte, blieb er stehen und lächelte.
„Meine Großmutter hat erzählt, bei Ihnen sagt der Kater das Wetter voraus.“
„Das tut er“, bestätigte Theresa ruhig und strich mit der Hand über Moritz’ rot-weißes Fell.
Der Kater öffnete ein Auge, musterte den Fremden aufmerksam, als wolle er sich persönlich ein Urteil über ihn bilden, und schloss es dann wieder. Kurz darauf döste er weiter.
An diesem Tag war der Himmel wolkenlos.
Der Fluss rauschte nur leise in kleinen, friedlichen Wellen.
Moritz blieb unten.
Also konnte man ohne Sorge zum Angeln hinausfahren.
