Hannah brach in Gelächter aus.
„Na, das ist ja mal was Neues! Seit wann bestimmt denn ein Kater, ob du vor die Tür gehst oder brav daheimbleibst? Bei dir wohnt ja kein Haustier, sondern ein Wetterdienst mit Schnurrhaaren. Eine ganze Katzen-Wetterstation!“
„Lach nur“, gab Theresa trocken zurück.
„Ich mach mich doch nicht lustig“, sagte Hannah und kniff die Augen zusammen. „Aber überleg doch selbst, Theresa. Der Himmel ist blank wie geputztes Glas, kein Windhauch, kein Geräusch weit und breit — und du bleibst wegen Moritz in der Stube. Mein Sebastian sitzt seit vier Uhr morgens draußen auf dem Wasser.“
Theresa wandte den Blick zum Fluss hinüber. Von Sebastians Boot war inzwischen nichts mehr zu erkennen. Wahrscheinlich war er weit hinausgerudert, bis hinter die Biegung des Ufers.
Hannah erhob sich vom Tisch und trat zum Ofen. Moritz lag noch immer an derselben Stelle, eng zusammengerollt wie ein Wollknäuel. Kein Muskel regte sich. Nur die äußerste Spitze seines Schwanzes zuckte hin und wieder kaum sichtbar.
„Er bewegt sich wirklich nicht“, murmelte Hannah beinahe flüsternd. „Vielleicht schläft er doch nur?“
„Er schläft nicht.“
„Oder er wird alt? Christians Katze hat im Alter auch sonderbare Sachen gemacht. Die setzte sich vor die Wand und miaute sie stundenlang an.“
„Moritz ist nicht alt“, widersprach Theresa sofort. „Er ist erst acht.“
„Na ja, acht Jahre sind für einen Kater schon fast kurz vor der Rente“, scherzte Hannah und lachte gleich selbst über ihren Einfall.
Theresa ging nicht darauf ein. Sie holte Kartoffeln hervor und begann, sie für den Rote-Bete-Eintopf zu schälen. Hannah blieb noch eine gute Viertelstunde sitzen, erzählte von den Nachbarn, von diesem und jenem, und machte sich schließlich wieder auf den Heimweg.
Doch kaum eine Stunde später quietschte erneut das Gartentor.
„Theresa, hast du vielleicht noch etwas Salz? Meins ist restlos aufgebraucht.“
Ohne ein Wort zu verlieren, öffnete Theresa den Schrank, nahm eine Packung heraus und reichte sie der Nachbarin.
Hannah nahm das Salz entgegen, dachte aber gar nicht daran, sofort zu gehen. Seitlich schob sie sich näher an den Ofen heran und warf wieder einen Blick auf Moritz.
„Liegt er immer noch so da?“, fragte sie leise.
„Du siehst es ja.“
„Hm.“
Nachdenklich hob Hannah die Schultern. Erst dann wandte sie sich zur Tür.
Theresa kehrte zum Herd zurück, rührte den Eintopf um und trat anschließend auf die Veranda hinaus. Es musste inzwischen gegen elf Uhr vormittags sein. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel. Von Sebastians Boot war auf dem Fluss weiterhin keine Spur zu entdecken.
Der Himmel wirkte noch immer nahezu wolkenlos.
Nur ganz weit draußen, dicht über dem Horizont, zeigte sich ein schmaler grauer Strich, so fein, als hätte jemand mit einem Bleistift den Rand des Himmels nachgezogen.
Theresa blieb stehen und beobachtete ihn.
Der Strich wurde langsam breiter.
Dann kam der Wind.
Völlig ohne Vorwarnung fuhr er über den Hof. Die Weide am Zaun bog sich ruckartig zur Seite, die Wäsche auf der Leine schlug knallend um sich, Staub wirbelte in kleinen Spiralen über den Boden.
Gleich darauf rollte in der Ferne ein dumpfer, schwerer Donner.
Die ersten dicken Tropfen klatschten auf die Erde.
Nur wenige Augenblicke später brach ein Regen los, so dicht und heftig, dass man kaum noch bis zur anderen Hofseite sehen konnte. Wasser hing wie eine feste, graue Wand vor den Augen.
Auch der Fluss, der eben noch träge und glatt dagelegen hatte, verwandelte sich binnen Minuten. Kurze, böse Wellen jagten über die Oberfläche, ihre weißen Kämme sprangen auf wie Schaum. Solche Wellen erwartete man eher im späten Herbst, nicht mitten im Juli.
In diesem Moment huschte hinter dem Zaun Hannahs Gestalt vorbei.
Sie rannte zum Fluss hinunter und rief etwas, doch Wind und Regen verschluckten ihre Stimme.
Endlich verstand Theresa die Worte: „Sebastian! Sebastian ist noch draußen auf dem Wasser!“
