„Hast du denn inzwischen eine Pflegekraft gefunden?“
„Nein.“
„Das ist ein Fehler“, sagte Sebastian nun deutlich ernster.
Ein Feuerzeug schnappte auf.
„Ich hatte dir doch die Nummer von dieser Agentur geschickt. Du zahlst jeden Monat einen ordentlichen Betrag, und damit ist die Sache geregelt. Dann kommt jemand, der sich auskennt: waschen, füttern, beim Umdrehen helfen, alles im Blick behalten. Und du kannst wieder arbeiten gehen. Dein Projekt hast du doch diesen jungen Leuten überlassen. Ohne dich stellen die dort am Ende sonst was an … So geht das nicht, Markus. Das Leben läuft weiter. Man kann es nicht einfach anhalten.“
Mir wurde, als sänke in mir plötzlich die Kälte bis in die Knochen.
Ich starrte auf meine Hände, die auf der Decke lagen.
Die Haut war trocken geworden, fast durchsichtig dünn.
Über den Handrücken zog sich ein feines Netz kleiner Altersfältchen.
Auch die Nägel hätten längst wieder ordentlich gemacht werden müssen.
Etwas in meiner Brust zog sich so schmerzhaft zusammen, dass ich nur kurz und flach Luft bekam.
Sebastian hatte ja recht.
Auf eine nüchterne, praktische Art.
Warum sollte Markus seine Gesundheit neben mir zugrunde richten?
Weshalb sollte er Monate seines Lebens für eine älter werdende Frau opfern, die nicht einmal allein aufstehen konnte?
Ich schloss die Augen.
Ich wartete darauf, dass mein Mann müde zustimmen würde.
In der Küche schwieg man eine ganze Weile.
Nur der Wasserkocher begann zu arbeiten. Erst war es kaum mehr als ein leises Zischen, dann wurde daraus ein immer kräftigeres Brummen.
Schließlich klickte es.
„Ich habe bei keiner Agentur angerufen“, sagte Markus nach einer langen Pause.
Etwas klirrte; wahrscheinlich räumte er gerade den Tisch ab.
„Und ich werde dort auch nicht anrufen.“
„Warum denn nicht? Geht es ums Geld? Wenn es daran liegt, helfe ich dir.“
„Sebastian, darum geht es doch überhaupt nicht“, stieß Markus schwer hervor.
Unter ihm knarrte der Hocker gedehnt.
„Kannst du dir vorstellen, was das mit ihr macht, wenn plötzlich eine fremde Person sie umdreht? Sie wäscht? Andrea ist stolz. Sie würde vor Scham vergehen, wenn jemand Außenstehendes sie in diesem Zustand sehen müsste.“
„Und vor dir schämt sie sich also nicht? Du bist doch auch ein Mann.“
„Eben. Ihr Mann. Ihr Ehemann.“
Danach verstummte Markus für einen Moment.
Als er weitersprach, war seine Stimme erheblich leiser.
Doch in der Wohnung war es so still, dass mir kein einziges Wort entging.
„Als ich sie damals in der Notaufnahme gesehen habe … Sebastian, da ist in mir etwas abgerissen. Weißt du, über all die Jahre war es für mich selbstverständlich: Andrea läuft durch die Wohnung, bügelt irgendetwas, kocht, räumt Sachen von einem Platz zum anderen. Sie hatte immer etwas zu tun. Als wäre sie ein Teil dieses Zuhauses. Wie der Schrank oder der Tisch. Immer da. Immer an ihrem Platz.“
„Na ja …“
„Und dann habe ich plötzlich begriffen: Wenn sie nicht mehr da ist, bin ich fertig. Dann ist die Wohnung leer. Dann gibt es keinen Ort mehr, zu dem ich wirklich zurückkehren kann. Ich sitze hier nicht als ihr Pfleger, Sebastian. Ich liebe sie. Mehr ist es nicht. So … und jetzt schenk noch mal ein. Hör auf, mich zu bearbeiten.“
Damit versandete das Gespräch.
Nur einmal stießen die Gläser noch leise aneinander.
Ich drehte den Kopf zur Wand und presste mein Gesicht in den harten Kissenbezug.
Die Tränen liefen von selbst über den Nasenrücken und verschwanden im Stoff.
Ich weinte nicht laut.
Kein Schluchzen kam aus mir heraus.
Ich atmete nur schnell, während meine Finger den Rand des Bettbezugs verkrampft zusammendrückten.
Und genau in diesem Augenblick begriff ich etwas so Einfaches, dass es mir beinahe wehtat.
Man musste nicht jeden Morgen um Viertel vor sieben aufstehen.
Man musste nicht als Erstes die dunklen Schatten unter den Augen mit Make-up überdecken.
Man musste nicht ein ganzes Leben lang bequem, ordentlich, unauffällig und beherrscht sein, nur damit man eines Tages nicht verlassen wurde.
Ungefähr eine halbe Stunde später fiel im Flur die Wohnungstür ins Schloss.
Der Schlüssel drehte sich.
Dann näherten sich über den Gang die vertrauten, schweren Schritte.
Markus kam ins Schlafzimmer.
Er trat ans Bett und sah sofort meine nassen Wangen.
Erschrocken blieb er stehen.
„Was ist denn?“ fragte er und beugte sich sofort zu mir hinunter. „Tut das Bein weh? Ist es eingeschlafen?“
Ich schüttelte den Kopf und streckte die Hand nach ihm aus.
Für einen Moment wirkte er unsicher, dann setzte er sich neben mich.
Die Matratze ächzte unter seinem Gewicht.
Behutsam legte Markus seine Hand über meine.
Seine Finger waren rau, fest und warm.
Mit der Kuppe meines Daumens ertastete ich an seinem Finger die alte, leicht erhabene Narbe, die er noch aus der Studienzeit hatte.
„Alles gut, Markus“, brachte ich mühsam hervor. „Rück mir bitte nur das Kissen zurecht.“
Er fragte nicht weiter.
Er nickte bloß, legte vorsichtig einen Arm um meine Schultern und hob mich mit einer Behutsamkeit an, als könnte ich zerbrechen.
Ich drückte das Gesicht in sein altes Flanellhemd.
Es roch vertraut.
Nicht nach Tabak.
Nicht nach Medikamenten.
Nicht nach Krankenhaus.
Es roch nach Zuhause.
Nach unserem Zuhause.
