— Hallo, Hannah, hier ist Laura. Wir haben ein Problem.
— Was ist los? Wurde die Reise abgesagt?
— Schlimmer. Meine Schwiegermutter hat sich unseren Urlaub unter den Nagel gerissen.
— Das ist nicht dein Ernst. Du hast ihn wirklich abgegeben?
— Ich hatte keine Wahl. Herzinfarkt-Theater, Krankenwagen, Lukas völlig außer sich… Hör mir zu, Hannah. Julia wird gleich bei dir auftauchen, wegen der Umschreibung. Tu so, als wäre alles ganz normal. Aber die Unterlagen… gib ihr andere.
— Andere? Wie meinst du das?
— Stornier unsere Buchung. Das Geld überweist du bitte unauffällig zurück auf meine Karte. Und für die beiden machst du eine neue Reservierung. Irgendein billigstes Restplatzangebot. So etwas wie „Fortuna zwei Sterne“.
Am anderen Ende blieb es kurz still.
— Laura, das wird eine Bruchbude.
— Genau das ist mir herzlich egal. Hauptsache: billig, weit weg vom Strand und ohne Verpflegung.
— Und was soll auf dem Voucher stehen?
— Schreib fünf Sterne drauf. Bastel es notfalls am Computer zurecht. Sag, das System habe den Hotelnamen falsch übernommen. Julia glaubt so etwas sofort. Und setz „All inclusive“ dazu. Sie sollen ruhig voller Vorfreude losfahren.
— Laura… das ist ziemlich heftig.
— Heftig ist, wenn man mir meinen Urlaub stiehlt. Das hier ist nur Ausgleich. Mach es bitte. Ich bezahle auch ihre Absteige, keine Sorge.
Gegen zehn stand Julia vor der Tür.
Sie trug bereits einen riesigen Sonnenhut, dazu eine Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckte. Emma kaute gelangweilt auf einem Kaugummi herum und starrte ohne aufzusehen auf ihr Handy.
— Sind die Papiere fertig? — fragte Julia, ohne ein Wort der Begrüßung. — Der Wagen wartet unten.
Laura reichte ihr schweigend einen Umschlag.
Darin lagen Fahrkarten und Hotelgutscheine, ausgedruckt auf Hannahs buntem Bürodrucker. Der Name klang nach Palmen, Luxus und Meer: „Sun Beach Garden Hotel“. In Wirklichkeit handelte es sich um eine abgelegene Pension im Hinterland, rund fünfzig Kilometer von Sellin entfernt, in die nur jene Urlauber gerieten, die beim Buchen wirklich Pech gehabt hatten.
Julia riss den Umschlag auf, überflog die Blätter nur halb und nickte zufrieden.
— Und das Geld? — fragte sie dann. — Mama hat gesagt, du gibst uns noch tausend Euro mit.
Laura öffnete ihre Geldbörse, nahm einen Fünfzig-Euro-Schein heraus und legte ihn ihr hin.
— Mehr ist nicht da. Für Kühlschrankmagnete wird es reichen.
Julia verzog den Mund.
— Geizhälse… Komm, Emma, nimm die Koffer.
Dann waren sie weg.
Laura schloss hinter ihnen die Tür, blieb mit dem Rücken dagegen stehen und presste die Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlug so heftig, als hätte sie selbst gerade etwas Verbotenes getan.
„Bitte“, dachte sie, „fahrt einfach los. Schaut nicht genauer hin. Bitte prüft nichts.“
Doch eigentlich wusste sie, dass genau das nicht passieren würde. Julia kontrollierte nie etwas. Sie war daran gewöhnt, dass ihr alles zustand — und zwar immer in der bequemsten und teuersten Variante.
Später würde Julia brüllen: „Du Miststück! Wohin hast du uns gebracht?!“ Und Lukas würde Laura dabei ansehen, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Laura aber würde ganz ruhig den Anruf annehmen und nur einen einzigen Satz sagen, der ihn sprachlos machen sollte.
Der restliche Tag verlief beinahe unheimlich friedlich.
Lukas kam mit schuldbewusstem Gesicht von der Arbeit zurück und hielt eine Torte in den Händen.
— Laura… Wie geht es dir? Hast du dich ein bisschen beruhigt?
— Ich bin vollkommen ruhig, — sagte Laura und schnitt weiter den Salat. — Setz dich und iss.
— Sie sind unterwegs, — murmelte Lukas, während er auf sein Handy sah. — Mama hat angerufen. Der Zug ist schon abgefahren. Sie klang sehr glücklich.
— Na, Gott sei Dank.
— Laura, es tut mir leid… Nächstes Jahr machen wir das anders. Ich schwöre dir…
— Iss, Lukas.
Fünf Stunden später klingelte das Telefon.
Auf dem Display stand: „Julia“.
Laura wischte über den Bildschirm und stellte den Lautsprecher an.
— HAAALLOOO!!! — kreischte Julia so laut, dass die Katze, die auf der Fensterbank geschlafen hatte, erschrocken auf den Boden plumpste. — LAURA!!! DU MISTSTÜCK!!! WOHIN HAST DU UNS GESCHICKT?!
Lukas verschluckte sich an seinem Tee.
— Julia? Was ist denn los? — stammelte er. — Was ist passiert?
— DAS IST EIN STALL! — brüllte Julia. — Im Hof laufen Hühner herum, es gibt keinen Pool! Nur ein leeres Loch voller Müll! Das Zimmer hat Eisenbetten wie in einer Klinik! Keine Klimaanlage, kein richtiges Wasser!
Im Hintergrund heulte Emma:
— Mama! Ich will nach Hause! Hier stinkt es!
— Und Essen bekommen wir auch nicht! — fuhr Julia schrill fort. — Ich bin zur Rezeption gegangen und habe gefragt, wo das Abendessen bleibt. Schließlich haben wir Ultra-all-inclusive gebucht!
