Lukas gab nur ein undeutliches Brummen von sich, etwas zwischen Husten und Zustimmung, und verschwand wieder in der Küche.
Am Abend meldete sich, wie erwartet, seine Mutter. Hannah hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass dieser Anruf kommen würde. Sandra war nicht der Mensch, der eine Niederlage still schluckte.
„Hannah, sag mal, was machst du denn da?“, begann Christina ohne jede Begrüßung. „Es geht doch um ein Kind. Gib ihr irgendeine Ecke, ein kleines Zimmer, irgendetwas. Sie wird sonst keine Ruhe geben. Der Junge tut einem leid. Familie bleibt Familie.“
„Wessen Familie, Christina?“, fragte Hannah ruhig.
„Na, wessen denn? Lukas’ natürlich!“
„Eben. Lukas’. Nicht meine und auch nicht die meiner Wohnung. Die Wohnung gehört mir, Christina. Sie war schon vor der Ehe mein Eigentum. Lukas wohnt hier mit, mehr nicht.“
„Immer nur diese Wohnung!“, fuhr Christina auf. „Ich rede davon, menschlich zu bleiben!“
„Menschlich ist, Unterhalt zu zahlen und sich um sein Kind zu kümmern. Lukas zahlt, und er sieht Elias regelmäßig. Daran ist nichts unmenschlich.“
Christina seufzte erst lange in den Hörer, dann versuchte sie es von einer anderen Seite. Hannah habe ja selbst keine Kinder, sagte sie, sie könne gar nicht begreifen, wie ein Mutterherz leide und wie schwer Sandra es habe. Der Satz traf genau dorthin, wo er treffen sollte. Das wussten beide.
Hannah nahm das Telefon kurz vom Ohr, stellte ihre Tasse behutsam auf den Tisch und führte den Hörer wieder zurück.
„Das mag sein“, sagte sie schließlich. „Dafür kann ich Verträge lesen. Gute Nacht, Christina.“
Dann beendete sie das Gespräch.
Drei Wochen vergingen.
Lea, die Nachbarin aus dem vierten Stock, mit der Hannah sich hin und wieder am Aufzug unterhielt, erzählte ihr eines Tages, im Haus sei eine nervöse Frau in einem glänzenden Mantel herumgelaufen. Sie habe bei mehreren Bewohnern nach einem guten, möglichst günstigen Anwalt für Wohnungsrecht gefragt. Jemand habe ihr wohl eine Adresse genannt. Dort sei sie auch gewesen, aber der Anwalt habe angeblich nur die Schultern gehoben: Da gebe es nichts, woran man ansetzen könne.
„Manchmal gibt es eben keinen Ansatzpunkt“, sagte Hannah nur.
Auch über Elias hörte sie später etwas, wieder auf Umwegen über Lea, deren Schwiegertochter an derselben Schule arbeitete. Der Junge war schließlich doch nicht an der Schule geblieben, wegen der das ganze Theater überhaupt begonnen hatte. Man meldete ihn am tatsächlichen Wohnort seiner Mutter an. Wie sich herausstellte, lag direkt gegenüber von Sandras Wohnung ebenfalls eine ordentliche Schule; vorher hatte sich nur niemand ernsthaft darum gekümmert. Die ganze Schlacht um eine fremde Wohnung war also weniger wegen Elias geführt worden als wegen einer angeblichen Vertragsklausel, die nie existiert hatte.
Lukas sprach nach jenem Abend nicht mehr über seine Exfrau. Nur einmal erwähnte er beiläufig, Sandra habe angerufen und sich beschwert. Er sei nicht rangegangen. Hannah nickte und fragte nicht weiter nach.
Die Mappe mit den Unterlagen räumte sie aus dem Flur weg. Beim Grundbuchamt beantragte sie vorsorglich noch einen frischen Auszug, mit aktuellem Datum.
Nur für den Fall.
