— Du hast eine fremde Wohnung verwüstet! Wegen deiner besoffenen Party ist meine Frau gegangen! Und du liegst hier herum und verlangst Sprudelwasser? Steh auf und mach den Dreck weg, den du angerichtet hast!
— Was brüllst du mich eigentlich so an?! — Lina Köhler verlor mit einem Schlag ihren weinerlichen Ton. Sie fuhr auf dem Sofa hoch, und ihr Gesicht verzog sich vor Wut. Auf einmal kam genau jene grobe, freche Seite an ihr zum Vorschein, die Amelie Hermann vom ersten Tag an gespürt hatte. — Ich bin immerhin deine Schwester! Du hast doch selbst gesagt, diese Zicke sei nichts für dich, sie hätte einen Putzfimmel und drehe wegen ihrer Lappen durch! Und jetzt willst du mir alles in die Schuhe schieben? Vergiss es, Brüderchen! Morgen rufe ich Mama an und erzähle ihr, wie du mich hier behandelst!
Sebastian Otto blieb reglos stehen. Die nackte Dreistigkeit, mit der sie ihm das entgegenschleuderte, traf ihn härter als jeder Vorwurf. In diesem Augenblick riss der Schleier, den er sich aus familiärer Nachsicht jahrelang vor die Augen gezogen hatte. Vor ihm saß nicht länger das „arme Studentenmädchen“, das Stress hatte, überfordert war und angeblich nur ein bisschen Unterstützung brauchte. Da hockte eine verwöhnte, selbstsüchtige junge Frau, der Amelie ebenso gleichgültig war wie er selbst. Sie hatte ihn benutzt: als Schutzschild, als bequemen Dienstleister, als kostenlosen Ausweg aus jeder Schwierigkeit. Und für sie hatte er seine Ehe zugrunde gerichtet.
Mit fahrigen Bewegungen zog er das Handy aus der Hosentasche. Seine Finger zitterten, als er in der Kontaktliste nach Amelies Nummer suchte. Dann drückte er auf Anrufen. Das lange, gleichförmige Freizeichen füllte die verwüstete Wohnung wie ein hohles Echo. Jeder Ton schien sich endlos zu dehnen, schneidend und unerbittlich, schlimmer als jedes Geschrei.
Im makellos stillen Hotelzimmer vibrierte auf dem Nachttisch kurz ein Telefon. Kaltes Displaylicht schnitt durch die Dämmerung. Amelie Hermann wandte den Blick von den flimmernden Lichtern der nächtlichen Stadt ab und sah auf den Bildschirm. Dort stand ein einziges, vertrautes Wort: „Ehemann“.
Noch am Vortag hätte sich bei diesem Namen ihr Magen zusammengezogen. Sofort wäre die alte Unruhe da gewesen: Was hatte er vergessen? Mit wem hatte er sich diesmal angelegt? Welcher Verwandte musste plötzlich gerettet, aufgenommen, bewirtet oder getröstet werden? Doch nun regte sich nichts in ihr. Kein Triumph. Keine Sehnsucht. Nicht einmal das Bedürfnis, ihm all die angestauten Kränkungen ins Gesicht zu schleudern. Da war nur eine glatte, kühle, beinahe heilsame Leere.
Langsam griff sie nach dem Telefon. Zwei sichere Berührungen auf dem Display genügten, und Sebastians Nummer verschwand auf der Sperrliste. Danach stellte sie das Gerät in den Flugmodus. Keine nächtlichen Zusammenbrüche mehr. Keine verspäteten Entschuldigungen. Keine leeren Schwüre, dass jetzt alles anders werde. Diese Vorstellung war endgültig vorbei.
— Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht… — Die emotionslose Stimme aus dem Lautsprecher klang für Sebastian wie der dumpfe Schlag eines Richterhammers.
Er ließ den Arm sinken. Das Handy rutschte aus seinen feuchten, kraftlosen Fingern und fiel mit einem dumpfen Laut auf das vom Bier klebrige Parkett. Lina saß noch immer auf dem ruinierten Sofa, die Arme vor der Brust verschränkt, in einem viel zu großen T-Shirt. Doch in ihrem trüben Blick begann sich etwas zu verändern. Langsam, widerwillig, begriff auch sie, dass das altvertraute Familienspiel, bei dem am Ende immer jemand anderes aufräumte, diesmal nicht funktionierte.
— Ruf Mama an, Lina, — sagte Sebastian leise. Seine Stimme klang tot, fremd, als käme sie nicht aus seiner Brust. Er sah nicht sie an, sondern durch sie hindurch. — Nimm dein Telefon und beschwer dich sofort, wie schrecklich man dich hier behandelt. Vergiss nur nicht, eine winzige Kleinigkeit zu erwähnen: Wenn wir bis morgen Abend nicht fertig sind, stehen wir beide mit unseren Taschen auf der Straße.
— Was heißt denn auf der Straße? — Lina blinzelte unsicher. Die arrogante Fassade bekam einen sichtbaren Riss. — Du hast doch immer behauptet, das sei eure gemeinsame Wohnung! Du hättest hier renoviert, alles gehöre euch beiden, alles sei fifty-fifty!
Sebastian lachte auf. Es war kein richtiges Lachen, eher ein heiseres, bitteres Geräusch, das sein Gesicht verzerrte und ihn in einer Sekunde um Jahre altern ließ.
— Ich habe das gebrüllt, weil ich selbst daran glauben wollte. Weil ich vor deinen ach so gebildeten Trinkkumpanen nicht wie ein kompletter Versager dastehen wollte. — Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. — Diese Wohnung gehört ihr. Vollständig. Bis zum letzten Nagel in der Wand und bis zur letzten Fußleiste. Wir haben einen wasserdichten Ehevertrag. Den habe ich damals vor der Hochzeit höchstpersönlich unterschrieben, stolz wie ein edler, uneigennütziger Ritter. Und wenn wir hier bis morgen Abend nicht alles wieder in den Zustand versetzen, in dem es vorher war, wird sie uns wegen Sachbeschädigung zerlegen. Sie hat genug Geld für die besten Anwälte der Stadt. Darauf kannst du dich verlassen.
— Sie blufft doch nur! Die will sich wichtigmachen! — kreischte Lina, aber in ihrer kippenden Stimme vibrierte bereits echte Angst.
— Nein, Lina. Geblufft habe ich. Mein ganzes armseliges Leben lang. — Sebastian bückte sich schwerfällig, hob die gelben Gummihandschuhe auf, die Amelie zurückgelassen hatte, und schleuderte sie seiner Schwester entgegen. Nass klatschten sie ihr auf die Knie. — Sie dagegen tut immer genau das, was sie ankündigt. Also beweg dich. Nimm Eimer und Bürste und schrubb deine Kotze von den Fliesen. Ich suche währenddessen nach der billigsten Mietbude am Stadtrand, die man mit dem Rest bezahlen kann, der noch auf meiner Gehaltskarte liegt. Und bete, dass es wenigstens für die Kaution reicht.
Der nächste Morgen kam klar und schneidend kalt. Amelie erwachte Punkt sieben, ohne dass ein Wecker sie aus dem Schlaf reißen musste. Zum ersten Mal seit vielen Jahren dröhnte ihr nicht der Kopf von abgestandener, nach Zigarettenrauch riechender Luft. Auch diese zähe, klebrige Erschöpfung, die sie sonst nach dem Aufwachen begleitet hatte, blieb aus.
Sie duschte lange und genüsslich, bestellte sich ein warmes Frühstück aufs Zimmer und setzte sich in einem schneeweißen Bademantel in den Sessel am Fenster. Während sie starken, aromatischen Kaffee trank, beobachtete sie, wie die ersten Sonnenstrahlen über die Glasfassaden der Hochhäuser glitten. Um Punkt neun klappte sie ihren Laptop auf und wählte die Nummer ihres Anwalts.
— Guten Morgen, Herr Ludwig, — sagte sie. Ihre Stimme war klar, ruhig und sachlich. — Ja, es geht um eine private Angelegenheit. Ich möchte unverzüglich das Scheidungsverfahren einleiten. Genau, so schnell wie möglich. Vermögensstreitigkeiten wird es nicht geben, unser Ehevertrag ist vollständig wirksam. Außerdem brauche ich heute noch ein zuverlässiges Sicherheitsunternehmen. In meiner Wohnung müssen nach neunzehn Uhr sämtliche Schlösser ausgetauscht werden. Die Adresse schicke ich Ihnen gleich über den Messenger.
Zur selben Zeit herrschte in der Wohnung am anderen Ende der Stadt eine beklemmende Mischung aus Schweiß, Putzmitteln und Verzweiflung. Sebastian kniete mit rot entzündeten Augen und aufgeschürften Fingerknöcheln auf dem Boden. Schlaf hatte er kaum gefunden. Verbissen rieb er mit einem beißenden Fleckenentferner über die helle Holzfläche, in die sich ein dunkler Rotweinfleck gefressen hatte.
Im Nebenzimmer schrubbte Lina die Fußleisten. Wütende Tränen liefen ihr über das blasse Gesicht und vermischten sich mit Seifenschaum. Ihre Bewegungen waren hektisch, beinahe hysterisch. In der Luft hing ein schwerer, stechender Geruch nach Chlor, billigem Tannenduftspray und endgültiger Ausweglosigkeit.
Neben der Wohnungstür standen zwei riesige karierte Reisetaschen und ein alter, abgewetzter Koffer dicht aneinander, als schämten sie sich. Mehr blieb Sebastian nach fünf Jahren Ehe nicht: ein paar zusammengeworfene Sachen, zerknitterte Hemden, Dokumente, Ladegeräte und der klägliche Rest eines Lebens, das er selbst aus der Hand gegeben hatte.
Er stemmte sich hoch. Seine Beine zitterten vor Müdigkeit. Im Flur blieb sein Blick an der Wand hängen. Dort hatte bis gestern noch ihr einziges Hochzeitsfoto in einem silbernen Rahmen gehangen. Amelie hatte es am Abend mitgenommen. Zurückgeblieben waren nur ein nackter Metallnagel und ein kaum sichtbares helleres Rechteck auf der Tapete.
Und genau beim Anblick dieser leeren Stelle begriff Sebastian es endlich. Nicht als Gedanken, nicht als Ärger, nicht als verletzten Stolz — sondern mit einer Schärfe, die ihm körperlich in die Brust schnitt. Er hatte nicht bloß eine komfortable Wohnung verloren. Nicht nur warme Abendessen, saubere Hemden, Ordnung, Ruhe und ein funktionierendes Zuhause. Er hatte mit eigenen Händen die Frau zertreten, die ihn trotz allem geliebt hatte. Eine Frau, die jeden Tag dafür gesorgt hatte, dass er sich wie ein Mensch fühlen konnte und nicht wie das erbärmliche Nichts, zu dem er in diesem Augenblick geworden war.
Am Abend stieg Amelie vor dem hell erleuchteten Bürogebäude aus dem Taxi, in dem sich ihre Firma befand. Sie trug einen tadellos geschnittenen Anzug in einem warmen Kaffeeton. Dezentes Make-up ließ die Spuren des gestrigen Schocks verschwinden, und in ihren Augen lag eine ruhige, unerschütterliche Gewissheit, dass sie ab jetzt auf sich selbst zählen konnte.
In ihrer Handtasche gab das Smartphone einen leisen Ton von sich. Eine kurze Nachricht von Matthias Ludwig war eingegangen. Der Anwalt teilte knapp mit, die Schlüssel seien einem verlässlichen Kurier übergeben worden, die neuen Schlösser seien eingebaut, und die Wohnung sei vollständig von fremden Personen geräumt.
Amelie blieb einen Moment stehen. Sie atmete die kühle Abendluft tief ein, bis sie ihre Lungen füllte. Dann lächelte sie — leicht, ehrlich und ohne Bitterkeit. Sie rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und ging mit schnellen, sicheren Schritten auf die Drehtür des Bürogebäudes zu.
Ihr Leben war an jenem verhängnisvollen Abend nicht zerbrochen. Im Gegenteil. Es begann gerade erst. Klar, frei und endlich nur ihr allein gehörend.
