— Sebastian, der Stress scheint deinem Gedächtnis ernsthaft zugesetzt zu haben. Diese Wohnung habe ich gekauft, bevor wir überhaupt verheiratet waren. Drei Jahre lang habe ich die Finanzierung allein abbezahlt, ohne freie Wochenenden, ohne Urlaub, mit Überstunden bis spät in die Nacht. Die Möbel, die Geräte, selbst der kleinste Nagel in diesen Wänden — alles wurde von meinem Geld bezahlt. Du bist vor fünf Jahren hier eingezogen mit einem abgewetzten Koffer, in dem zwei ausgeleierte Pullover, ein Deo und deine Spielkonsole lagen. Und glaub mir: Genau mit diesem Besitz wirst du hier auch wieder hinausgehen.
— Komm mir bloß nicht mit deinen lächerlichen Papieren! — Sebastian Ottos Stimme überschlug sich verräterisch, und mit einem Mal war von seiner gespielten Überlegenheit nichts mehr übrig. Er richtete sich abrupt auf, während sein Gesicht wieder fleckig rot anlief. — Wir sind seit fünf Jahren offiziell verheiratet! Das hier ist eheliches Vermögen! Ich habe auch etwas beigetragen, ich habe bei der Renovierung geholfen! Die Hälfte davon gehört rechtlich mir!
— Dein Beitrag bestand also darin, hier herumzuwohnen und im Flur die Tapeten schief an die Wand zu kleben? — Amelie Hermann lachte kurz, trocken und bitter, während sie den strammen Reißverschluss ihrer Tasche zuzog und den Riemen über die Schulter warf. — Morgen früh wird sich mein Anwalt bei dir melden. Ich gebe dir genau vierundzwanzig Stunden. Bis morgen Abend bist du mit deiner „gebildeten“ Schwester aus meiner Wohnung verschwunden und hast deine Sachen mitgenommen. Und ich rate dir dringend, auf eigene Kosten eine professionelle Reinigungsfirma zu bestellen und hier alles wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen zu lassen. Sollte ich auch nur einen Kratzer an einem Gerät entdecken, ein Brandloch im Parkett finden oder noch irgendetwas von dem Gestank eurer kleinen Kneipe hier wahrnehmen, reiche ich eine zivilrechtliche Klage auf Schadenersatz ein. Und du darfst mir glauben: Ich werde jeden einzelnen Cent aus dir herausholen.
— Ach, fahr doch zur Hölle, du kalte Hexe! — brüllte Sebastian, wich in den Flur zurück und gab ihr den Weg frei. — Glaubst du etwa, ich würde dir hinterherlaufen? Wer braucht dich denn schon mit deinem sterilen Ordnungswahn, deinen ewigen Regeln und diesem Eisblock von Gesicht! Lina Köhler und ich kommen bestens ohne dich klar. Wir finden schon eine normale Wohnung, in der uns niemand ständig das Hirn zersägt!
— Dann lebt eben so, — erwiderte Amelie vollkommen ruhig.
Sie trat in die Diele und legte sich den leichten Kaschmirmantel um die Schultern. Lina, die es inzwischen geschafft hatte, sich mit schmutzigen Füßen auf das helle, bereits ruinierte und mit Bier getränkte Sofa im Wohnzimmer zu lümmeln, sah ihr mit einem frechen, triumphierenden Grinsen nach, als wäre sie soeben zur rechtmäßigen Herrin des Hauses geworden. Amelie schenkte ihr nicht einmal einen flüchtigen Seitenblick. Sie ging zu der kleinen Konsole neben der Eingangstür, holte aus ihrer Handtasche einen Ersatzschlüsselbund und warf ihn mit einem harten metallischen Klirren auf die Glasplatte.
— Genießt eure Familienidylle in diesem Schweinestall, — sagte sie über die Schulter hinweg.
Dann öffnete sie entschlossen die Tür und trat hinaus ins Treppenhaus.
Die schwere Metalltür fiel hinter ihr mit einem dumpfen, endgültigen Schlag ins Schloss. Dieses Geräusch schnitt sie ein für alle Mal von dem stinkenden Durcheinander und von dem Mann ab, der sie verraten hatte. Im Hausflur war es kühl. Es roch nach feuchtem Putz, Staub und altem Beton, doch Amelie kam dieser Geruch vor wie der schönste Duft der Welt. Sie atmete tief ein, zum ersten Mal seit Stunden wirklich frei, rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und drückte auf den Knopf des Aufzugs. Fast körperlich spürte sie, wie eine gewaltige, erstickende Betonlast von ihr abfiel.
In der verwüsteten Wohnung dagegen senkte sich eine schwere, zähe Stille herab. Nur das widerliche, gleichmäßige Ticken der Küchenuhr und das ferne Rauschen der Autos vor dem Fenster schnitten hindurch. Sebastian stand mitten im Flur wie vom Blitz getroffen und starrte dumpf auf die Schlüssel, die seine Frau zurückgelassen hatte. Im schwachen Licht der Lampe glänzten sie matt auf der Glasfläche.
Das Adrenalin, das ihm während der letzten halben Stunde durch die Adern geschossen war und ihn zu immer absurderen Ausbrüchen getrieben hatte, verflüchtigte sich nun mit erschreckender Geschwindigkeit. An seine Stelle trat eine saugende, eisige Leere, begleitet von einer klebrigen Angst vor dem, was jetzt kommen würde. Langsam ließ er den Blick durch den Flur schweifen: die verschmierten Spiegel, die zertretenen Kippen, die überall herumlagen, den dreckigen Boden, die achtlos hingeworfenen Jacken. Der widerliche Geruch von fremdem Erbrochenem und abgestandenem Alkohol schlug ihm mit neuer Wucht entgegen, so stark, dass ihm ein Würgen in die Kehle stieg.
— Sebastian, machst du mir vielleicht was zu essen? — drang plötzlich Linas quengelnde, noch immer lallende Stimme aus dem Wohnzimmer und zerriss die Stille. — Wir haben mit den Jungs nur Chips und Salzstangen gegessen, mir zieht sich vom Bier der ganze Magen zusammen. Und Zigaretten sind auch keine mehr da… Kannst du zum Kiosk an der Ecke gehen und irgendwas Vernünftiges kaufen?
Sebastian schloss langsam die Augen. Durch die Nase stieß er einen lauten Atemzug aus, während er die Hände zu Fäusten ballte, so fest, dass sich die kurzen Nägel schmerzhaft in seine Handflächen bohrten. Erst jetzt, inmitten dieser ekelhaften Ruinen seiner eigenen Wohnung, begann er in erschreckender Klarheit zu begreifen, was geschehen war. Weil er den betrunkenen, selbstsüchtigen Launen seiner verantwortungslosen Schwester nachgegeben hatte, hatte er gerade mit eigenen Händen sein normales Leben zerstört — endgültig, unwiderruflich, für immer.
Das Taxi rollte sanft an den hell erleuchteten Glasfronten eines Vier-Sterne-Hotels aus. Amelie bezahlte den Fahrer, nahm ihre Reisetasche an sich und betrat mit ruhigen, sicheren Schritten die großzügige Lobby. Gedämpfter Jazz lag in der Luft, dazu der feine Duft eines teuren Raumparfüms, in dem Sandelholz und Zitrusnoten mitschwingen. Dieser Geruch war das genaue Gegenteil des abscheulichen Gestanks, der sich in die Wände ihres früheren Ehelebens gefressen hatte.
Der Check-in dauerte kaum länger als ein paar Minuten. Nachdem sie die schwere Plastikkarte für ihr Zimmer erhalten hatte, fuhr Amelie in den siebten Stock hinauf und öffnete die Tür.
Im Zimmer herrschte eine makellose, beinahe klingende Sauberkeit. Das schneeweiße, gestärkte Bettzeug lag ohne eine einzige Falte auf dem breiten Bett. Im Bad funkelten die verchromten Armaturen. Dicke Vorhänge schirmten die Unruhe der nächtlichen Stadt ab. Amelie stellte die Tasche auf die Bank am Fußende des Bettes, streifte ihren Kaschmirmantel ab und ließ sich, ohne sich weiter auszuziehen, auf die Bettkante sinken.
Sie wartete darauf, dass die Hysterie über sie hereinbrechen würde. Sie rechnete damit, dass ihr die Kränkung wie ein bitterer Kloß in den Hals steigen und die Tränen losbrechen würden — Tränen um sich selbst, um die fünf Jahre, die sie in diese Ehe investiert hatte, um die Illusion eines gemeinsamen Lebens. Doch nichts davon geschah.
In ihrem Inneren war es still.
Dort, wo früher die ständige Sorge um Sebastian, um ihre Beziehung und um die Rettung eines längst nur noch eingebildeten Zuhauses gepocht hatte, breitete sich nun eine weite, glatte, eiskalte Fläche aus. Wie ein See im Winter, unbewegt und klar. Plötzlich verstand sie mit schmerzhafter Deutlichkeit, dass sie in den vergangenen Jahren nicht gelebt hatte. Sie hatte funktioniert. Sie war der unsichtbare Puffer gewesen zwischen dem kindischen Sebastian, seiner dreisten Verwandtschaft und der Wirklichkeit. Und diese Funktion, die alles abgefangen hatte, was auf sie einprasselte, war jetzt abgeschaltet.
Für immer.
Amelie zog sich aus, stellte sich unter die heißen, kräftigen Strahlen der Dusche und schrubbte ihre Haut lange und verbissen mit einem rauen Waschlappen. Es war, als wollte sie nicht nur den Geruch der verrauchten Wohnung von sich abwaschen, sondern jede Erinnerung an Sebastian gleich mit. Als sie schließlich in einem weichen weißen Bademantel aus dem Bad kam, bestellte sie sich ein leichtes Abendessen und ein Glas guten trockenen Wein aufs Zimmer.
Sie setzte sich in den tiefen Sessel am Panoramafenster und nahm einen kleinen Schluck. Der Wein brannte angenehm in ihrer Kehle. Morgen früh würde sie Matthias Ludwig anrufen, ihren Anwalt. Die Scheidung würde schnell gehen. Es gab nichts zu teilen. Der Ehevertrag, auf dem sie schon vor der Hochzeit bestanden hatte, schützte ihre Immobilie und ihre Konten zuverlässig.
Amelie betrachtete ihr Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe und lächelte.
Sie war frei.
Währenddessen entfaltete sich in der verwüsteten Wohnung am anderen Ende der Stadt eine regelrechte Außenstelle der Hölle.
— Sebastian, wie lange brauchst du denn noch? Mir wird gleich wieder schlecht! — jammerte Lina, gleichzeitig weinerlich und befehlend, während sie sich auf dem bierfleckigen Sofa herumwälzte. — Bring mir Mineralwasser, mein Mund schmeckt, als hätte eine Katze reingemacht! Und mach das Fenster auf, hier kann man ja nicht atmen!
Sebastian stand mitten im Badezimmer. In der einen Hand hielt er eine Rolle Küchenpapier, in der anderen eine Flasche mit beißendem Reinigungsmittel. Über seine Hände hatte er gelbe Gummihandschuhe gezogen, die noch von Amelie stammten. Er starrte auf die eingetrockneten Spuren von Erbrochenem, die Waschbecken und Spiegel überzogen, und spürte, wie sich sein eigener Magen in einem üblen Krampf zusammenzog.
Jede Bewegung kostete ihn ungeheure Anstrengung. Während er versuchte, den festgefressenen Schmutz wegzuschrubben, tauchten in seinem Kopf Bilder auf: Amelie, wie sie an jedem Wochenende beinahe lautlos durch diese Wohnung gegangen war, Staub wischte, räumte, putzte, sortierte und jenen perfekten Zustand aufrechterhielt, den er immer für selbstverständlich gehalten hatte.
— Halt den Mund, Lina! Einfach halt endlich den Mund! — brüllte Sebastian plötzlich, so heftig, dass er selbst zusammenzuckte.
Er schleuderte das verdreckte Papiertuch auf den nassen Boden, schoss aus dem Bad in den Flur und riss sich keuchend die verhassten Handschuhe von den Händen.
— Begreifst du überhaupt, was du angerichtet hast?
