„Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein!“ schrie Julia und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Chaos im Wohnzimmer

Diese schamlose Verwüstung zerstört alles Vertraute.
Geschichten

»Deine Schwester hat irgendwelche Kerle in unsere Wohnung geschleppt und hier eine Sauftour veranstaltet, während wir weg waren! Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat! Ich habe ihr die Schlüssel abgenommen und sie rausgeworfen. Soll sie sich für ihre Gelage gefälligst eine andere Bleibe suchen! Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein!«, schrie Julia und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Chaos im Wohnzimmer.

Daniel blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Den rechten Schuh hatte er noch nicht einmal ausgezogen. Seine schwere Ledertasche glitt langsam aus den kraftlos gewordenen Fingern und schlug dumpf auf den verschmutzten Fliesen im Flur auf. Sein Blick wanderte fassungslos durch den Raum, als müsste sein Verstand erst begreifen, welches Ausmaß diese Verwüstung angenommen hatte. Die Wohnung, die Julia sonst beinahe pedantisch sauber und ordentlich hielt, sah nun aus wie eine billige Bahnhofskaschemme nach einer Woche Dauerbesäufnis. In der Luft hing ein dicker, fast greifbarer Gestank aus saurem Bier, Alkoholfahne, kaltem Zigarettenrauch und ungewaschenen Körpern. Auf dem hellen Laminat breiteten sich klebrige Pfützen unbekannter Herkunft aus, großzügig bedeckt mit grauer Asche, zertretenen Kartoffelchips und Schalen von Sonnenblumenkernen.

Das teure helle Sofa, das sie erst vor wenigen Monaten gekauft hatten, war mit fettigen Flecken übersät. Überall lagen Zigarettenstummel, die die ungebetenen Gäste offenbar achtlos direkt auf den Armlehnen ausgedrückt hatten. Im Teppich klafften schwarze Brandlöcher. Neben dem Fernseher lag ein umgekippter Aschenbecher, dessen Inhalt sich wie eine schmutzige Staubschicht über die gesamte Elektronik verteilt hatte. Auf dem gläsernen Couchtisch türmten sich leere Flaschen, verschmierte Plastikbecher mit Resten von Tomatensaft und zerknüllte Servietten.

»Ich bin einen Tag früher von der Dienstreise zurückgekommen«, sagte Julia, und ihre Stimme schnitt kalt und metallisch durch die Wohnung. »Ich wollte nicht vorher anrufen. Ich dachte, das Mädchen sitzt über ihren Unterlagen und lernt für die Prüfungen, also störe ich sie lieber nicht. Ich komme hoch, und unsere Wohnungstür steht einfach einen Spalt offen. Jeder hätte hereinkommen können. Ich stoße die Tür auf, gehe rein und sehe diesen Zoo. Auf unserem Sofa schnarcht irgendein Schrank von Kerl, mit Turnschuhen voller Dreck. In der Küche stehen noch zwei Typen, trinken Schnaps direkt aus der Flasche, rauchen aus dem offenen Fenster und grölen herum. Und deine kostbare Schwester, die uns angefleht hat, hier wohnen zu dürfen, weil sie angeblich Ruhe für die Prüfungszeit braucht, hängt einem vierten Widerling um den Hals und bringt kaum noch ein verständliches Wort heraus. Sie konnte nicht einmal mehr richtig stehen. Sie hat mich nur mit glasigen Augen angegafft und dümmlich gekichert.«

Daniel verzog das Gesicht und riss sich aus seiner Erstarrung. Er zog den Mantel aus, warf ihn achtlos über die Aktentasche und streifte endlich den Schuh ab. Dann machte er einen unsicheren Schritt ins Zimmer. Die Sohle seines Strumpfs klebte mit einem widerlichen Schmatzen am Boden fest.

»Julia, Moment mal«, murmelte Daniel und runzelte die Stirn, während er angeekelt auf einen aufgeweichten Essensrest starrte, der an seinem Strumpf klebte. »Was für Männer? Was für ein Besäufnis? Emma hat doch für ihre Prüfungen gelernt. Sie hat mich gestern Abend selbst angerufen und gesagt, sie sitze bis über beide Ohren in Skripten. Vielleicht waren das Kommilitonen, die ihr beim Stoff helfen wollten?«

»Kommilitonen?« Julia stieß ein kurzes, hartes Lachen aus, in dem nicht die geringste Spur von Heiterkeit lag. »Deine sogenannten Kommilitonen sahen aus, als wären sie gerade aus dem Knast entlassen worden. Einer von denen war bestimmt Mitte dreißig, völlig versoffene Visage, und auf den Fingerknöcheln hatte er primitive Gefängnistätowierungen. Glaubst du ernsthaft, die haben hier technische Mechanik diskutiert? Ich sage dir noch etwas: Als ich in unser Schlafzimmer geschaut habe, lagen auf unserem Bett leere Bierflaschen, dreckige Socken und verstreuter Tabak. In zwei Tagen haben sie aus unserem Zuhause einen Schweinestall gemacht.«

Julia trat einen Schritt auf ihren Mann zu. Jede ihrer Bewegungen wirkte hart und kontrolliert; das Knirschen von Müll unter den Sohlen ihrer Schuhe schien sie nicht im Mindesten zu kümmern.

»Ich hatte nicht die Absicht, mit denen höfliche Gespräche zu führen oder herauszufinden, wer sie sind. Ich bin in die Küche gegangen, habe mir die schwere Metallpfanne genommen und ihnen gesagt, wenn diese Bagage nicht innerhalb einer Minute verschwunden ist, schlage ich ihnen ihre hohlen Schädel ein. Deine Schwester versuchte irgendetwas zu lallen, spielte sich auf und verlangte mit schwerer Zunge Respekt für ihre Gäste. Ich habe ihr meine Schlüssel aus der Tasche ihres Kapuzenpullovers gezogen, sie am Kragen gepackt und sie hinter ihren Saufkumpanen ins Treppenhaus befördert. In Socken und einem ausgeleierten T-Shirt. Ich habe sie nicht einmal ihre Schuhe anziehen lassen. Ich habe dieses betrunkene Stück Elend einfach vor die Tür geschoben, während sie noch versuchte, sich in ihre Jacke zu winden.«

Daniel wurde zuerst kreidebleich, dann stieg ihm die Röte mit erschreckender Geschwindigkeit ins Gesicht. Der zerstörte Hausrat, der mit Alkohol übergossene Boden und die verrauchten Wände schienen ihn kaum zu berühren. Seine ganze Reaktion, seine gesamte Wut, bündelte sich allein in Julias letztem Satz. Mit betonter Geste stieg er über eine leere Flasche hinweg und baute sich aggressiv vor ihr auf.

»Sie ist noch jung, sie hat einen Fehler gemacht!«, brüllte Daniel, wobei ihm Speichel aus dem Mund spritzte und seine Hände wild durch die Luft fuhren. »Ja, sie hat Mist gebaut. Ja, sie hat irgendwelche Leute mitgebracht und nicht nachgedacht. Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, meine leibliche Schwester auf die Treppe zu werfen! Du hattest kein Recht, sie mitten in der Nacht rauszusetzen! Du bist eine Egoistin, die nur an ihre sauberen Böden denkt und nicht an Menschen! Es ist Oktober, draußen ist es eiskalt! Wo soll sie denn nachts in einer fremden Stadt hin?«

»Wohin sie geht, ist mir vollkommen gleichgültig«, schnitt Julia ihm das Wort ab, ohne auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. »Zum Bahnhof, ins Studentenwohnheim, in irgendeinen Keller zu ihren asozialen Freunden. Das ist ganz allein ihr Problem. Ich habe sie nur dir zuliebe hereingelassen, weil du mir wochenlang die Ohren vollgejammert hast mit der armen Studentin, die wegen lauter Mitbewohnerinnen nicht lernen kann. Sie hat geschworen, von morgens bis abends über den Büchern zu sitzen. Und was ist daraus geworden? Eine Spelunke, vor der mir ekelt, sie überhaupt zu betreten.«

Daniel ballte die Fäuste. Sein Atem ging schwer und laut. Sein wütender Blick sprang zwischen seiner Frau und dem verwüsteten Zimmer hin und her, als suche er verzweifelt nach irgendeinem Argument, das seine Haltung retten könnte, während er das Ausmaß des angerichteten Schadens vollständig ausblendete.

»Begreifst du überhaupt, was du getan hast?«, zischte er und rückte weiter auf Julia zu. »Du hast ein Mädchen ohne Geld, ohne warme Kleidung, ohne Papiere vor die Tür gesetzt! Was, wenn ihr etwas passiert? Was, wenn diese Kerle sich im Treppenhaus an sie ranmachen? Hast du überhaupt mit dem Kopf gedacht, als du sie hinausgeworfen hast? Sie gehört zu meiner Familie!«

»Deine Familie steht vermutlich gerade unten im Hausflur und wartet darauf, dass du ihr wie üblich hinterherrennst und ihr die Nase putzt«, erwiderte Julia mit eisiger Ruhe und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sie ist kein Kind. Sie ist neunzehn. Sie weiß sehr genau, wie man Flaschen öffnet, wie man Männer in eine fremde Wohnung schleppt und wie man dem Bruder am Telefon Lügen über Lernunterlagen erzählt. Also erspar mir bitte Vorträge über das schwere Schicksal deiner Schwester. Wenn du sie verteidigen willst, bitte sehr: Die Tür ist offen, du kannst ihr direkt ins Treppenhaus folgen.«

»Bist du mit deinen Ultimaten jetzt völlig durchgedreht?«, knurrte Daniel. Er machte noch einen Schritt nach vorn und trat mit einem ekelhaften Schmatzen mitten in eine klebrige Alkohollache. »Wegen was veranstaltest du dieses Theater? Wegen ein bisschen Müll und ein paar Flecken auf dem Sofa? Wir rufen morgen früh eine Reinigungsfirma, die schrubben dir deine kostbare Wohnung wieder auf Hochglanz, und dann kannst du erneut mit deinem Wischmopp herumrennen und jedes Staubkorn anpusten. Aber einen Menschen auf kalten Beton zu jagen, das ist reine Niedertracht, Julia! Sie ist mein eigenes Blut, eine Studentin, und du benimmst dich wie eine seelenlose Putzmaschine, die nur auf Ordnung programmiert ist!«

»Ein bisschen Müll?« Julia lächelte giftig, ohne dass sich sonst ein Muskel in ihrem Gesicht bewegte. Sie schrie nicht zurück. Ihr Ton blieb tödlich leise und gleichmäßig, was Daniel nur noch mehr reizte. »Dann komm mit, Daniel. Da deine Sehkraft offenbar im Rausch brüderlicher Liebe plötzlich versagt hat, gebe ich dir jetzt eine private Führung durch diese Außenstelle der städtischen Müllkippe. Folge mir. Du kannst ruhig mit Schuhen weiterlaufen; schlimmer machen kannst du hier ohnehin nichts mehr.«

Abrupt wandte Julia sich um und ging zum Badezimmer, das zugleich als Toilette diente. Daniel stapfte ihr schwer atmend hinterher, schnaubte verärgert und murmelte Flüche vor sich hin. Unter seiner Sohle zerplatzte dabei ein leerer Plastikbecher. Kaum standen sie vor der offenen Badezimmertür, schlug ihnen ein konzentrierter, widerwärtiger Geruch entgegen: Magensäure, halb verdaute Speisereste und billiger Alkohol.

»Sieh genau hin«, sagte Julia und deutete angewidert mit ihrem perfekt manikürten Finger auf das Waschbecken. »Dein neunzehnjähriges Mädchen, das sich offenbar beim Lesen dicker Lehrbücher überanstrengt hat, hat uns das gesamte Waschbecken und den Spiegel vollgekotzt. Meine weißen Frotteehandtücher liegen jetzt auf den nassen Fliesen, und wenn man den braunen Schlieren glauben darf, hat jemand versucht, genau diesen Dreck damit wegzuwischen. Die Toilette ist vollständig mit Zigarettenstummeln und zerfetzten Papierfetzen verstopft.«

LebensKlüber