„Und wenn du jetzt auch nur versuchst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein!“ schrie Amelie Hermann und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das verwüstete Wohnzimmer

Diese rücksichtslose Verwüstung ist zutiefst empörend.
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und Fetzen von Toilettenpapier. Und dort drüben, neben dem Wäschekorb, liegt eine leere Kondompackung. Eine wirklich vorbildliche Prüfungsvorbereitung, findest du nicht? Offenbar hatten die Anatomieübungen einen besonders praxisnahen Charakter.

Sebastian Otto wurde bei dem beißenden Gestank kreidebleich und wich unwillkürlich ein Stück in den Flur zurück, bemüht, den Blick nicht länger auf die verdreckten Armaturen zu richten. Doch anstatt das Offensichtliche einzugestehen — dass seine Verwandte sich benommen hatte wie eine verwilderte Göre —, ging er sofort wieder zum Angriff über.

— Was sollen denn jetzt die Kondome damit zu tun haben? Junge Leute feiern eben, sie hat mit dem Alkohol nicht aufgepasst, mehr nicht! — fuhr er sie an und wandte sich demonstrativ vom Bad ab. — Als wärst du in deiner Studienzeit eine Heilige gewesen und hättest dich auf Partys nie betrunken! Sie steht unter massivem Druck, ihre erste Prüfungsphase an der Uni, die Dozenten machen sie fertig, die Nerven liegen blank. Da ist sie eben ausgerastet und wollte abschalten. Und diese Kerle… wer sagt denn, dass das überhaupt von ihr ausging? Vielleicht haben die sich selbst eingeladen, den Alkohol mitgebracht, und sie konnte einfach nicht Nein sagen. Sie ist nun mal sanft, schüchtern, viel zu nachgiebig!

— Schüchtern? — Amelie Hermann verzog verächtlich den Mund und sah ihren Mann an, als habe er endgültig den Verstand verloren. — Deine schüchterne Schwester hat mich vor einer Viertelstunde mit Ausdrücken beschimpft, für die man ein eigenes Wörterbuch bräuchte. Und diese Männer hat sie eigenhändig hereingelassen. In unsere Wohnung, Sebastian. In die Wohnung, die mit meinem Geld renoviert und eingerichtet wurde. Aber wir sind mit der Besichtigung noch nicht fertig. Komm weiter.

Sie wandte sich ab und ging den Flur entlang in Richtung Schlafzimmer. Sebastian folgte ihr widerwillig, während er spürte, wie seine Sohlen am ruinierten Laminat kleben blieben. Im Schlafzimmer bot sich ein Anblick, der keineswegs besser war.

— Das hier ist unser Bett, — sagte Amelie langsam und betonte jedes einzelne Wort, während sie auf die zerwühlte Bettwäsche deutete. Auf dem hellen Laken breiteten sich große dunkle Bierflecken aus, dazwischen lagen Tabakkrümel, und fettige Abdrücke schmutziger Hände zogen sich über den Stoff. — Darauf haben fremde, ungewaschene Männer gelegen. Ich möchte mir nicht einmal vorstellen, was sie hier mit deiner minderjährigen Verwandten getrieben haben, während wir bei der Arbeit oder auf Dienstreisen waren. Aus dem Schrank stinkt es, als hätte dort jemand drei Tage lang geraucht, ohne ein einziges Mal das Fenster zu öffnen. Du kannst dich gern sofort auf diese Matratze werfen und den Duft fremden Schweißes genießen. Ich jedenfalls rühre diesen Dreck nicht einmal mit der Fingerspitze an.

Sebastians Gesicht verzerrte sich vor Wut. Die beschädigten Möbel, die verschmutzte Wohnung, die zerstörten Dinge — all das interessierte ihn nicht im Geringsten. Er sah nur, dass seine Frau es gewagt hatte, das Unantastbare infrage zu stellen: seine Familie. Seine Kiefer pressten sich so fest aufeinander, dass die Muskeln an seinen Wangen hart hervortraten.

— Du hast sie doch immer gehasst! — brüllte er und stach mit zitterndem Finger in Amelies Richtung. — Vom ersten Tag an hast du nur auf einen Grund gewartet, um dich an ihr festzubeißen! Menschen sind dir völlig egal, Hauptsache, deine verdammten Zierkissen liegen gerade! Lina friert da draußen im Treppenhaus in Socken, und du hältst mir hier Vorträge über Flecken auf der Matratze und Erbrochenes im Waschbecken. Ich hole sie jetzt sofort zurück. Sie kommt wieder rein, und du, Amelie, wirst dich bei ihr entschuldigen — dafür, dass du handgreiflich geworden bist und sie wie einen streunenden Hund vor die Tür gesetzt hast!

— Wenn du jetzt die Wohnungstür öffnest und sie wieder hereinlässt, — Amelies Stimme wurde so kalt und glatt wie Glas, — dann putzt du jeden einzelnen Quadratzentimeter dieses Saustalls mit deinen eigenen Händen. Ohne Reinigungsfirma. Ohne meine Hilfe. Ich nehme mir dann einfach ein Zimmer in einem ordentlichen Hotel. Und ihr beide könnt hier zusammen wohnen — zwischen Flaschen, Kippen und Schmutz.

— Ich habe gesagt, sie schläft hier! Das ist auch meine Wohnung! — knurrte Sebastian, machte auf dem Absatz kehrt und stapfte mit schnellen Schritten zur Eingangstür. Im Schloss klickte trocken das Metall, dann schwang die Tür mit einem leisen Quietschen auf, und kühle Treppenhausluft strömte in den verqualmten Flur.

Draußen auf dem Betonabsatz stand Lina Köhler, an die Wand gelehnt, die Arme fest um ihre Schultern geschlungen. Ihre Trinkkumpane hatten sich offenbar beim ersten Anzeichen von Gefahr klugerweise die Treppe hinunter verdrückt und ihre Kampfgefährtin ihrem Schicksal überlassen. Die Studentin sah zugleich bemitleidenswert und widerwärtig aus: Billige Wimperntusche war ihr in schwarzen Schlieren über die Wangen gelaufen, ein ausgeleiertes Männer-T-Shirt, offenbar von irgendeinem fremden Körper gezogen, bedeckte kaum ihre Oberschenkel, und an ihren Füßen klebten dünne Nylonsöckchen, dunkel vor eingetretenem Treppenhausstaub; eines davon war am großen Zeh aufgerissen.

Kaum erblickte Lina ihren Bruder, veränderte sie sich schlagartig. Die gekrümmte, jämmerliche Haltung verschwand, ihr Rücken wurde gerade, und in ihren vom Alkohol trüben Augen flackerte ein frecher, triumphierender Ausdruck auf. Sie hatte begriffen, dass ihr Schutz garantiert war. Nun konnte sie gefahrlos in die Offensive gehen.

— Komm rein, Linchen, hab keine Angst, — sagte Sebastian mit fürsorglicher Stimme, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie zurück in den verqualmten Flur. Dabei warf er seiner Frau bewusst hasserfüllte, vernichtende Blicke zu. — Niemand fasst dich mehr an, und niemand jagt dich wieder auf die Straße. Geh ins Wohnzimmer, setz dich auf das Sofa, ich bringe dir gleich warme Sachen. Und diese Hysterikerin kann verschwinden, wohin sie will, wenn ihr ein Stück Schaumstoff im Sofa und saubere Böden wichtiger sind als ein lebender Mensch.

— Sebastian, sie ist doch komplett durchgedreht, sie hätte mich fast die Treppe runtergestoßen! — jammerte Lina sofort, schniefte theatralisch und verwischte mit den Fingern die Reste ihrer billigen Schminke noch weiter über das Gesicht, bis die schwarzen Streifen sich regelrecht in die Haut fraßen. — Ich habe mit den Jungs nur Zusammenfassungen für Wirtschaft besprochen. Wir haben jeder eine Dose Bier getrunken, einfach um den Kopf von den ganzen Zahlen freizubekommen. Und dann stürmt sie hier rein wie eine Furie, schreit herum, beschimpft alle und fuchtelt mit einer Pfanne! Meine Freunde waren völlig geschockt, das sind anständige Leute aus gebildeten Familien! Und sie hat mich an den Haaren gepackt und in die Kälte geschmissen, nicht mal meine Jacke durfte ich anziehen! Ich wäre da draußen beinahe erfroren!

Amelie sagte kein einziges Wort. Sie stand im Flur, den Rücken an die Wand gelehnt, und betrachtete schweigend diese billige, abstoßende Vorstellung. In ihr war in diesem Moment weder Zorn noch Kränkung noch der Wunsch zu schreien. Dort, wo noch vor einer Stunde Liebe zu ihrem Mann und Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft gewesen waren, breitete sich nun eine eisige Leere aus, die alles in ihr ausbrannte.

All die Jahre hatte sie versucht, über Sebastians offensichtliche Unreife hinwegzusehen, über sein krankhaftes Bedürfnis, für seine zahlreichen, dreisten Verwandten immer der gute, korrekte Kerl zu sein. Sie hatte ihre unangekündigten Besuche ertragen, ihnen Geld geliehen, das nie zurückkam, und schweigend hinter ihnen Geschirr und Schmutz weggeräumt. Doch an diesem Abend zerbrach die letzte Illusion endgültig — zersplitternd auf klebrigem Boden, an nach Rauch stinkenden Wänden und an diesem offenen, zynischen Verrat.

Ohne ein Wort drehte sie sich um und ging mit festen, ruhigen Schritten ins Schlafzimmer. Der säuerliche Geruch nach abgestandenem Alkohol und schmutziger Wäsche schlug ihr erneut entgegen, doch diesmal nahm Amelie ihn kaum noch wahr. Sie griff auf die obere Ablage des Einbauschranks, zog eine kleine Reisetasche aus festem Stoff hervor, wischte den daran haftenden Aschestaub ab und legte sie auf den Rand der verdorbenen Matratze. Dann begann sie, systematisch und völlig gefasst ihre Sachen einzupacken.

Dokumente. Die Mappe mit Arbeitsverträgen. Laptop. Ladegerät. Eine kleine Schatulle mit Schmuckstücken, die sie sich selbst gekauft hatte. Ein Grundsortiment Kosmetik aus dem Badezimmer. Zwei saubere Büro-Outfits. Jede Bewegung war präzise, nüchtern, beinahe geschäftsmäßig. Kein Zittern, kein hektisches Suchen, keine Tränen.

Als Sebastian das scharfe Ratschen des Metallreißverschlusses hörte, erschien er in der Schlafzimmertür. Seine Aggressivität, die ohne Amelies gewohnte Gegenwehr plötzlich ins Leere lief, begann rasch einer leichten Verunsicherung zu weichen. Doch sein aufgeblasenes Ego, sein falscher Stolz und die Tatsache, dass seine Schwester im Nebenraum als Zuschauerin bereitstand, ließen ihm keine Möglichkeit, zurückzurudern und endlich vernünftig zu sprechen.

— Was soll diese billige Show jetzt werden? — fragte er mit unverhohlenem Spott, lehnte sich lässig mit der Schulter gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. — Spielst du jetzt die gekränkte Unschuld und rennst zu Mami unter den Rock? Nur zu, pack dein Zeug, hau ab. Aber merk dir eins: Wenn du jetzt über diese Schwelle gehst und uns im Stich lässt, brauchst du nicht wiederzukommen. In meinem Haus dulde ich keine Frau, die die Hand gegen meine kleine Schwester erhebt und sie auf die Straße setzt.

— In deinem Haus? — Amelie hielt einen Moment inne, während sie gerade eine seidene Bluse sorgfältig über die Unterlagen legte, und hob dann den Blick zu ihrem Mann, vollkommen kalt und undurchdringlich.

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