„Und wenn du jetzt auch nur versuchst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein!“ schrie Amelie Hermann und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das verwüstete Wohnzimmer

Diese rücksichtslose Verwüstung ist zutiefst empörend.
Geschichten

— Deine Schwester hat irgendwelche Kerle in unsere Wohnung geschleppt und hier eine Sauforgie veranstaltet, während wir weg waren! Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat! Ich habe ihr die Schlüssel abgenommen und sie rausgeworfen! Soll sie sich für ihre Trinkgelage gefälligst einen anderen Ort suchen! Und wenn du jetzt auch nur versuchst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein! — schrie Amelie Hermann und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das verwüstete Wohnzimmer.

Sebastian Otto blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Er hatte es nicht einmal geschafft, den rechten Schuh auszuziehen. Seine schwere Ledertasche rutschte langsam aus den kraftlos gewordenen Fingern und schlug dumpf auf den verschmutzten Fliesen im Flur auf. Sein Blick wanderte ziellos durch die Wohnung, als könne sein Verstand nicht begreifen, was seine Augen sahen. Die Wohnung, die Amelie Hermann sonst mit beinahe pedantischer Sorgfalt in perfekter Ordnung hielt, sah nun aus wie eine billige Bahnhofskneipe nach einer Woche Dauerrausch. In der Luft hing ein dichter, fast körperlich spürbarer Gestank aus abgestandenem Bier, Alkoholfahne, kaltem Zigarettenrauch und ungewaschenen Körpern. Über das helle Laminat zogen sich klebrige Pfützen unbekannter Herkunft, großzügig vermischt mit grauer Asche, zertretenen Kartoffelchips und Sonnenblumenkernschalen.

Das teure helle Sofa, das sie erst vor wenigen Monaten gekauft hatten, war mit fettigen Flecken übersät. Überall lagen Zigarettenstummel, die die ungebetenen Besucher offenbar ohne jede Hemmung direkt auf den Armlehnen ausgedrückt hatten. Im Teppich klafften schwarze Brandlöcher. Neben dem Fernseher lag ein umgekippter Aschenbecher, dessen Inhalt sich wie eine gleichmäßige Staubschicht über die gesamte Elektronik verteilt hatte. Auf dem gläsernen Couchtisch türmten sich leere Flaschen, schmutzige Plastikbecher mit Resten von Tomatensaft und zerknüllte Servietten zu einem widerlichen Haufen.

— Ich bin einen Tag früher von der Dienstreise zurückgekommen, — sagte Amelie Hermann, und ihre Stimme schnitt kalt und metallisch durch den Raum. — Ich wollte vorher nicht anrufen. Ich dachte, das Mädchen bereitet sich auf ihre Prüfungen vor, da störe ich sie lieber nicht. Ich komme die Treppe hoch, und unsere Wohnungstür steht einfach einen Spalt offen. Jeder hätte hereinkommen können. Ich stoße die Tür auf, gehe rein und lande mitten in diesem Tierpark. Auf unserem Sofa schnarcht irgendein Klotz von Mann in völlig verdreckten Turnschuhen. In der Küche sitzen noch zwei, trinken Schnaps direkt aus der Flasche, rauchen am offenen Fenster und grölen herum. Und deine kostbare Schwester, die uns angebettelt hat, hier während der Prüfungszeit wohnen zu dürfen, weil sie angeblich Ruhe zum Lernen braucht, hängt einem vierten Widerling am Hals und bekommt kaum noch ein verständliches Wort heraus. Sie konnte nicht einmal mehr gerade stehen. Sie hat mich nur mit glasigen Augen angeglotzt und dümmlich gekichert.

Sebastian Otto verzog das Gesicht und schüttelte die Starre ab, die ihn für einen Moment gelähmt hatte. Er zog den Mantel aus, warf ihn achtlos auf seine Aktentasche und streifte endlich den Schuh ab. Unsicher setzte er einen Schritt ins Zimmer. Sofort klebte die Sohle seines Strumpfs mit einem widerlichen schmatzenden Geräusch am Boden fest.

— Amelie, warte mal, — murmelte Sebastian Otto und runzelte die Stirn, während er angewidert auf ein aufgeweichtes Stück Essen starrte, das an seinem Strumpf klebte. — Was für Kerle? Was für ein Besäufnis? Lina Köhler wollte doch für die Prüfungen lernen. Sie hat mich gestern Abend selbst angerufen und gesagt, sie sitze bis über beide Ohren zwischen ihren Mitschriften. Vielleicht waren das Kommilitonen von ihr, die ihr beim Stoff helfen wollten?

— Kommilitonen? — Amelie Hermann stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus, in dem kein Funken Heiterkeit lag. — Deine „Kommilitonen“ sahen aus, als wären sie gerade aus dem Knast entlassen worden. Einer war bestimmt Mitte dreißig, mit einem Gesicht, dem man den Alkohol aus zehn Metern Entfernung ansah, und mit Tätowierungen auf den Fingerknöcheln, wie man sie nicht gerade im Lesesaal bekommt. Meinst du, die haben hier Technische Mechanik diskutiert? Ich kann dir noch mehr erzählen: Als ich in unser Schlafzimmer geschaut habe, lagen auf unserem Bett leere Bierflaschen aus Plastik, dreckige Socken und verstreuter Tabak. Innerhalb von zwei Tagen haben sie aus unserem Zuhause einen Schweinestall gemacht.

Amelie Hermann trat einen Schritt auf ihren Mann zu. Jede ihrer Bewegungen war hart und kontrolliert, und das Knirschen des Mülls unter ihren Schuhsohlen schien sie nicht im Geringsten zu kümmern.

— Ich hatte keine Lust, mit denen höfliche Gespräche zu führen oder herauszufinden, wer sie sind. Ich bin in die Küche gegangen, habe mir die schwere Metallpfanne genommen und ihnen gesagt, wenn dieses Pack nicht in einer Minute verschwunden ist, fange ich an, ihre hohlen Schädel einzuschlagen. Deine Schwester versuchte irgendetwas zu lallen, spielte sich auf und verlangte mit verwaschener Zunge Respekt für ihre Gäste. Ich habe ihr meine Schlüssel aus der Tasche ihres Kapuzenpullovers gerissen, sie am Kragen gepackt und sie hinter ihren Saufkumpanen ins Treppenhaus befördert. In Socken und einem ausgeleierten T-Shirt. Ich habe ihr nicht einmal Zeit gelassen, Schuhe anzuziehen. Ich habe dieses betrunkene Miststück einfach über die Schwelle geschoben, während sie noch versuchte, sich in ihre Jacke zu winden.

Sebastian Otto wurde im selben Augenblick kreidebleich. Dann stieg ihm rasch eine dunkle Röte ins Gesicht. Die zerstörten Möbel, der mit Alkohol übergossene Boden, die verqualmten Wände — all das schien ihn überhaupt nicht zu berühren. Seine ganze Reaktion, sein gesamter Zorn, heftete sich einzig und allein an den letzten Satz seiner Frau. Demonstrativ stieg er über eine leere Flasche hinweg und ging mit drohendem Schritt auf Amelie Hermann zu.

— Sie ist noch jung, sie hat einen Fehler gemacht! — brüllte Sebastian Otto, während ihm vor Wut Speichel auf die Lippen trat und er wild mit den Armen fuchtelte. — Ja, sie hat Mist gebaut. Ja, sie hat irgendwelche Leute mitgebracht und nicht nachgedacht. Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, meine leibliche Schwester ins Treppenhaus zu werfen! Du hattest kein Recht, meine Schwester mitten in der Nacht vor die Tür zu setzen! Du bist eine Egoistin, der ihre sauberen Böden wichtiger sind als Menschen! Es ist Oktober, draußen ist es verdammt kalt! Wohin soll sie denn nachts in einer fremden Stadt gehen?

— Es ist mir vollkommen gleichgültig, wohin sie geht, — schnitt Amelie Hermann ihm das Wort ab, ohne auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. — Zum Bahnhof, ins Studentenwohnheim, in irgendeinen Keller zu ihren asozialen Freunden. Das ist ganz allein ihr Problem. Ich habe sie nur dir zuliebe hier aufgenommen, weil du mir wochenlang in den Ohren gelegen hast mit Geschichten über die arme Studentin, die wegen lauter Mitbewohnerinnen nicht lernen kann. Sie hat geschworen, von morgens bis abends über ihren Büchern zu sitzen. Und was ist daraus geworden? Ein Saufloch, bei dessen Anblick mir schlecht wird.

Sebastian Otto ballte die Fäuste. Sein Atem ging schwer und laut. Mit rasendem Blick sah er von seiner Frau zu dem verwüsteten Zimmer, als suche er verzweifelt nach irgendeinem Argument, mit dem er seine Haltung verteidigen konnte. Das Ausmaß des angerichteten Schadens blendete er dabei vollkommen aus.

— Begreifst du überhaupt, was du getan hast? — zischte er und rückte noch näher an Amelie Hermann heran. — Du hast ein Mädchen ohne Geld, ohne warme Kleidung, ohne Papiere rausgesetzt! Was, wenn ihr etwas passiert? Was, wenn diese Typen ihr im Treppenhaus auflauern? Hast du auch nur eine Sekunde nachgedacht, bevor du sie vor die Tür geworfen hast? Sie ist meine Familie!

— Deine Familie steht vermutlich gerade im Treppenhaus und wartet darauf, dass du ihr wieder hinterherrennst und die Tränen abwischst, — erwiderte Amelie Hermann mit eisiger Ruhe und verschränkte die Arme vor der Brust. — Sie ist kein Kleinkind. Sie ist neunzehn. Sie weiß sehr gut, wie man Flaschen öffnet, fremde Männer in eine Wohnung bringt, die einem nicht gehört, und dem Bruder am Telefon Märchen über Mitschriften erzählt. Also erspar mir bitte die Predigt über das schwere Schicksal deiner Schwester. Wenn du sie verteidigen willst, nur zu. Die Tür steht offen. Dann geh ihr gleich hinterher ins Treppenhaus.

— Hast du jetzt völlig den Verstand verloren mit deinen Ultimaten? — knurrte Sebastian Otto. Er machte einen weiteren Schritt nach vorn und trat mit einem ekligen Schmatzen mitten in eine klebrige Lache verschütteten Alkohols. — Worum geht es hier überhaupt? Um ein bisschen Müll und ein paar Flecken auf dem Sofa? Morgen früh rufen wir eine Reinigungsfirma, die schrubbt deine kostbare Wohnung wieder auf Hochglanz, und du kannst erneut mit deinem Wischmopp herumrennen und jedem Staubkorn hinterherjagen. Aber einen Menschen auf den kalten Beton zu setzen, das ist reine Niedertracht, Amelie! Sie ist mein eigenes Blut, eine Studentin, und du benimmst dich wie eine seelenlose Maschine, die nur ans Putzen denkt!

— Ein bisschen Müll? — Amelie Hermann lächelte giftig, ohne dass sich sonst ein Muskel in ihrem Gesicht bewegte. Sie schrie nicht zurück. Ihre Stimme blieb tödlich ruhig und gleichmäßig, was Sebastian Otto sichtbar noch mehr reizte. — Komm mit, Sebastian. Da dir offenbar vor lauter krankhafter Geschwisterliebe die Augen ausgefallen sind, gebe ich dir jetzt eine persönliche Führung durch diese Außenstelle der städtischen Müllkippe. Folge mir. Du kannst ruhig mit deinen Schuhen weiterlaufen. Schlimmer machst du hier ohnehin nichts mehr.

Mit einer abrupten Drehung wandte sich Amelie Hermann ab und ging in Richtung des kleinen Badezimmers mit Toilette. Sebastian Otto stapfte ihr nach, schwer atmend, unzufrieden vor sich hin murmelnd, und zerdrückte unterwegs mit der Sohle einen leeren Plastikbecher. Kaum standen sie vor der offenstehenden Badezimmertür, schlug ihnen ein konzentrierter, ekelerregender Gestank entgegen: Magensäure, halbverdaute Speisereste und billiger Fusel mischten sich zu einer Wolke, die einem sofort den Atem nahm.

— Sieh genau hin, — sagte Amelie Hermann und deutete angeekelt mit einem perfekt manikürten Finger auf das Waschbecken. — Dein neunzehnjähriges Mädchen, das sich offenbar beim Lesen dicker Lehrbücher völlig überarbeitet hat, hat uns das ganze Waschbecken und den Spiegel vollgekotzt. Meine weißen Frotteehandtücher liegen jetzt auf den nassen Fliesen, und den braunen Schlieren nach zu urteilen, hat irgendjemand versucht, genau diese Kotze damit wegzuwischen. Die Toilette ist vollständig verstopft, zugemüllt mit Zigarettenstummeln und aufgeweichten Abfällen.

LebensKlüber