„Und wenn du jetzt auch nur anfängst, sie in Schutz zu nehmen, reiche ich die Scheidung ein!“ schrie Julia und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf das Chaos im Wohnzimmer

Diese schamlose Verwüstung zerstört alles Vertraute.
Geschichten

Dazu kamen aufgeweichte Reste von Toilettenpapier. Und dort drüben, neben dem Wäschekorb, liegt eine leere Kondompackung. Wirklich vorbildliche Prüfungsvorbereitung, findest du nicht? Vermutlich waren das praktische Anatomieübungen mit besonders intensiver Vertiefung ins Fachgebiet.«

Daniel wurde bei dem widerlichen Gestank kreidebleich und wich unwillkürlich zurück in den Flur. Er bemühte sich, nicht länger auf die beschmutzte Sanitärkeramik zu starren. Doch anstatt die offensichtliche Verwüstung durch seine Verwandte auch nur einen Moment lang einzugestehen, ging er sofort wieder zum Angriff über.

»Was haben denn jetzt Kondome damit zu tun? Junge Leute feiern eben, sie hat sich mit dem Alkohol verschätzt und zu viel erwischt!«, fuhr er sie an, während er den Blick vom Bad abwandte. »Tu nicht so, als wärst du während des Studiums eine Heilige gewesen und hättest dich nie auf irgendeiner Party betrunken! Sie steht gerade unter enormem Druck, ihre erste Prüfungsphase an der Uni, die Dozenten machen sie fertig, ihre Nerven liegen blank. Da ist sie eben ausgerastet, wollte mal abschalten. Und diese Typen … wer sagt denn, dass das überhaupt von ihr ausging? Vielleicht haben die sich selbst eingeladen, den Alkohol angeschleppt, und sie konnte ihnen einfach nicht absagen. Sie ist nun mal sanft, zurückhaltend, sie kann schlecht Nein sagen!«

»Zurückhaltend?« Julia verzog die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln und sah ihren Mann an, als habe er endgültig den Verstand verloren. »Deine schüchterne Schwester hat mich vor einer Viertelstunde mit Ausdrücken beschimpft, für die andere Leute rot werden würden. Und diese Männer hat sie höchstpersönlich hereingelassen. In unsere Wohnung, Daniel. In ein Zuhause, das wir renoviert und eingerichtet haben — mit meinem verdienten Geld. Aber wir sind mit der Besichtigung noch nicht fertig. Komm weiter.«

Sie wandte sich ab und ging den Flur entlang in Richtung Schlafzimmer. Daniel trottete widerwillig hinterher und spürte dabei, wie seine Schuhe beinahe am ruinierten Laminat kleben blieben. Im Schlafzimmer bot sich ihnen kein besserer Anblick.

»Das ist unser Bett«, sagte Julia langsam und scharf, jedes Wort wie mit einem Messer abgetrennt, während sie auf die zerwühlte Bettwäsche zeigte. Auf dem hellen Laken prangten große dunkle Bierflecken, Tabakkrümel waren darüber verstreut, und fettige Spuren schmutziger Hände zogen sich über den Stoff. »Darauf haben fremde, ungewaschene Männer gelegen. Ich will mir nicht einmal vorstellen, was genau sie hier mit deiner minderjährigen kleinen Verwandten getrieben haben, während wir gearbeitet haben oder auf Dienstreise waren. Im Schrank stinkt es, als hätte jemand drei Tage lang darin geraucht, ohne ein einziges Mal zu lüften. Du kannst dich gern sofort auf diese Matratze werfen und den Geruch von fremdem Schweiß genießen. Ich fasse diesen Dreck jedenfalls nicht einmal mit der Fingerspitze an.«

Daniels Gesicht verzerrte sich vor Wut. Die beschädigten Sachen interessierten ihn überhaupt nicht; er sah nur, dass seine Frau es gewagt hatte, etwas Unantastbares anzugreifen: seine Familie. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass an seinen Wangen die Muskeln zuckten.

»Du hast sie schon immer gehasst!«, brüllte er und zeigte mit zitterndem Finger auf Julia. »Vom ersten Tag an hast du nach einem Vorwand gesucht, um sie fertigzumachen! Menschen sind dir doch vollkommen egal. Hauptsache, deine verdammten Sofakissen liegen gerade! Emma steht da draußen in Socken im Treppenhaus und friert, und du hältst mir Vorträge über Flecken auf der Matratze und Erbrochenes im Waschbecken. Ich hole sie jetzt zurück, und du, Julia, wirst dich bei ihr entschuldigen — dafür, dass du handgreiflich geworden bist und sie wie einen streunenden Hund vor die Tür gesetzt hast!«

»Wenn du jetzt die Wohnungstür öffnest und sie wieder hereinlässt«, sagte Julia, und ihre Stimme wurde so kalt und undurchdringlich wie Glas, »dann schrubbst du jeden einzelnen Quadratzentimeter dieses Saustalls mit deinen eigenen Händen. Ohne Reinigungsfirma und ohne meine Hilfe. Ich nehme mir dann einfach ein Zimmer in einem anständigen Hotel. Und ihr beide könnt hier zusammen wohnen — zwischen Dreck, Flaschen und Zigarettenstummeln.«

»Ich habe gesagt, sie schläft hier! Das ist auch meine Wohnung!«, knurrte Daniel, drehte sich abrupt um und marschierte in den Eingangsbereich zur Tür. Im Schloss klickte trocken das Metall, dann schwang die Tür mit leisem Quietschen auf und ließ kühle Luft aus dem Treppenhaus in den verqualmten Flur strömen.

Draußen auf dem Betonabsatz stand Emma. Sie lehnte an der Wand, die Arme fest um ihre Schultern geschlungen. Ihre eben noch so mutigen Trinkgefährten hatten sich offenbar beim ersten Anzeichen von Gefahr klugerweise die Treppe hinunter verzogen und ihre Kampfgenossin ihrem Schicksal überlassen. Die Studentin sah zugleich bemitleidenswert und abstoßend aus: Billige Wimperntusche war in schmutzigen schwarzen Schlieren über ihre Wangen verlaufen, ein ausgeleiertes Männer-T-Shirt, offensichtlich nicht ihres, bedeckte kaum ihre Oberschenkel, und ihre dünnen Nylonsöckchen waren an den Fußsohlen schwarz vom Staub des Treppenhauses; eines davon war am großen Zeh aufgerissen. Sobald Emma ihren Bruder erblickte, verwandelte sie sich. Die gekrümmte, armselige Haltung verschwand wie weggeblasen, ihr Rücken richtete sich auf, und in den vom Alkohol trüben Augen blitzte ein frecher, triumphierender Ausdruck auf. Sie hatte begriffen, dass sie wieder unter Schutz stand — und nun gefahrlos zum Gegenangriff übergehen konnte.

»Komm rein, Emmchen, hab keine Angst«, sagte Daniel fürsorglich, legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie zurück in den verrauchten Flur. Dabei warf er Julia demonstrativ hasserfüllte, vernichtende Blicke zu. »Niemand fasst dich mehr an, und niemand wirft dich wieder raus. Geh ins Zimmer, setz dich aufs Sofa, ich bringe dir gleich warme Sachen. Und diese Hysterikerin kann hingehen, wohin sie will, wenn ihr ein Stück Schaumstoff in einem Möbel und saubere Böden wichtiger sind als ein lebender Mensch.«

»Daniel, sie ist doch völlig verrückt, sie hätte mich fast die Treppe hinuntergestoßen!«, jammerte Emma in einem weinerlichen Singsang, schniefte theatralisch und verschmierte die Reste ihrer billigen Schminke noch weiter über ihr Gesicht, wo sie sich in schwarzen Streifen in die Haut gefressen hatte. »Ich habe mit den Jungs nur Wirtschaftsskripte besprochen. Wir haben jeder eine Dose Bier getrunken, nur um ein bisschen runterzukommen, damit der Kopf sich von den Zahlen erholt. Und dann stürmt sie plötzlich wie eine Furie in die Wohnung, schreit herum, flucht, fuchtelt mit einer Pfanne! Meine Freunde waren völlig geschockt, das sind anständige Leute, aus guten, gebildeten Familien! Und sie packt mich an den Haaren und wirft mich in die Kälte, nicht einmal meine Jacke durfte ich anziehen! Ich wäre da draußen beinahe erfroren!«

Julia sagte kein einziges Wort. Sie stand im Flur, den Rücken an die Wand gelehnt, und beobachtete stumm diese billige, widerliche Theateraufführung. In ihr war in diesem Moment weder Zorn noch Kränkung, nicht einmal mehr der Wunsch zu schreien. Dort, wo vor einer Stunde noch Liebe zu ihrem Mann und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft gewesen waren, breitete sich nun mit erschreckender Geschwindigkeit eine eisige Leere aus, die jede Regung ausbrannte. All die Jahre hatte sie versucht, über seine offensichtliche Unreife hinwegzusehen, über dieses krankhafte Bedürfnis, für seine zahlreichen, dreisten Verwandten immer der gute, richtige Kerl zu sein. Sie hatte ihre unangekündigten Besuche ertragen, ihnen Geld geliehen, das nie zurückkam, und anschließend schweigend das Geschirr weggeräumt. Doch an diesem Tag zerbrachen ihre letzten Illusionen endgültig — zersplittert auf dem klebrigen Boden, an den nach Zigaretten stinkenden Wänden und an diesem offenen, zynischen Verrat.

Ohne ein Wort drehte sie sich um und ging mit festem, sicherem Schritt ins Schlafzimmer. Wieder schlug ihr der saure Geruch von Alkoholatem und schmutziger Wäsche entgegen, doch jetzt nahm Julia ihn kaum noch wahr. Vom oberen Fach des Einbauschranks holte sie eine kleine Reisetasche aus festem Stoff, wischte anhaftende Asche davon, warf sie auf die Kante der verdorbenen Matratze und begann, systematisch ihre Sachen einzupacken — ohne Hast, ohne Tränen, ohne eine überflüssige Bewegung. Ausweise, eine Mappe mit Arbeitsverträgen, Laptop, Ladekabel, ein kleines Kästchen mit Schmuckstücken, die sie sich alle selbst gekauft hatte, ein Grundset Kosmetik aus dem Bad und zwei Garnituren sauberer Bürokleidung.

Als Daniel das harte Kratzen des metallenen Reißverschlusses hörte, tauchte er in der Schlafzimmertür auf. Seine Wut, der Julias gewohnter Widerstand plötzlich fehlte, begann rasch in leichte Unsicherheit umzuschlagen. Doch sein aufgeblasenes Ego, falscher Stolz und die Anwesenheit seiner Schwester als Zuschauerin im Nebenzimmer erlaubten ihm nicht, zurückzurudern oder auch nur den Versuch zu machen, vernünftig mit seiner Frau zu sprechen.

»Was soll denn diese billige Zirkusnummer jetzt werden?«, fragte er mit unverhohlenem Spott, lehnte sich breitbeinig mit der Schulter an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Willst du die beleidigte Unschuld spielen und zu Mami unter die Fittiche flüchten? Na los, pack deinen Kram, verschwinde. Aber merk dir eins: Wenn du jetzt über diese Schwelle gehst und uns im Stich lässt, brauchst du nicht wiederzukommen. In meinem Zuhause dulde ich keine Frau, die die Hand gegen meine kleine Schwester erhebt und sie auf die Straße setzt.«

»In deinem Zuhause?« Julia hielt für einen Augenblick inne, während sie eine Seidenbluse sorgfältig über die Dokumente legte. Dann hob sie langsam den Kopf und richtete einen vollkommen eiskalten, gleichgültigen Blick auf ihren Mann.

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