»Daniel, der Stress scheint deinem Gedächtnis ernsthaft zugesetzt zu haben«, sagte Julia leise. Ihre Stimme war so ruhig, dass sie härter wirkte als jeder Schrei. »Diese Wohnung habe ich gekauft, bevor wir überhaupt verheiratet waren. Drei Jahre lang habe ich den Kredit allein abbezahlt, ohne freie Wochenenden, ohne Urlaub, mit Überstunden bis spät in die Nacht. Die Möbel, die Geräte, jeder einzelne Dübel in diesen Wänden — alles wurde von meinem Geld bezahlt. Du bist vor fünf Jahren hier eingezogen mit einem alten Koffer, in dem zwei abgetragene Pullover, ein Deo und deine Spielkonsole lagen. Und ich versichere dir: Genau mit diesem Gepäck wirst du hier auch wieder hinausgehen.«
»Komm mir bloß nicht mit deinen Papieren!«, fuhr Daniel sie an. Seine Stimme überschlug sich peinlich, und mit einem Ruck richtete er sich auf, als hätte ihn jemand gestochen. Von seiner eben noch gespielten Lässigkeit blieb nichts übrig. Wieder breiteten sich rote Flecken über sein Gesicht aus. »Wir sind seit fünf Jahren verheiratet! Das ist eheliches Vermögen! Ich habe hier auch etwas beigetragen! Beim Renovieren habe ich geholfen! Nach dem Gesetz gehört mir die Hälfte!«
»Du meinst, du hast dich eingebracht, indem du hier gewohnt hast? Oder durch die Tapeten im Flur, die du schief an die Wand geklebt hast?« Julia lachte kurz auf, trocken und bitter. Währenddessen zog sie den widerspenstigen Reißverschluss ihrer Tasche zu und warf sich den Riemen über die Schulter. »Morgen früh meldet sich mein Anwalt bei dir. Du hast exakt vierundzwanzig Stunden. Bis morgen Abend verschwinden du und deine so überaus kultivierte Schwester aus meiner Wohnung. Eure Sachen nehmt ihr mit. Und ich rate dir sehr dringend, eine professionelle Reinigungsfirma zu beauftragen und alles auf eigene Kosten wieder in einen einwandfreien Zustand zu bringen. Wenn ich auch nur einen Kratzer an einem Gerät finde, ein Brandloch im Parkett oder wenn dieser widerliche Geruch eurer Saufhöhle hier noch in den Wänden hängt, reiche ich eine Zivilklage wegen Sachbeschädigung ein. Und glaub mir: Ich werde jeden einzelnen Euro aus dir herausklagen.«
»Fahr zur Hölle, du Miststück!«, brüllte Daniel und wich in den Flur zurück, um ihr den Weg freizugeben. »Denkst du etwa, ich krieche dir hinterher? Wer braucht dich denn mit deinem sterilen Ordnungswahn, deinen ewigen Vorschriften und dieser eiskalten Visage? Emma und ich kommen auch ohne dich bestens klar. Wir finden schon eine normale Wohnung, in der uns niemand ständig den Kopf vollquatscht!«
»Dann lebt dort«, erwiderte Julia vollkommen gelassen.
Sie trat in die Diele und zog ihren leichten Kaschmirmantel über. Emma hatte es inzwischen geschafft, sich mit schmutzigen Füßen auf das helle Sofa im Wohnzimmer zu lümmeln, das bereits von Bierflecken ruiniert war. Mit einer frechen, triumphierenden Grimasse sah sie Julia hinterher, als sei sie die rechtmäßige Herrscherin über dieses verwüstete Reich. Julia schenkte ihr nicht einmal einen flüchtigen Blick. Sie ging zur kleinen Konsole neben der Eingangstür, nahm aus ihrer Handtasche den Ersatzschlüsselbund und ließ ihn mit einem harten metallischen Klirren auf die Glasplatte fallen.
»Viel Vergnügen mit eurer Familienidylle in diesem Schweinestall«, sagte sie über die Schulter hinweg.
Dann öffnete sie entschlossen die Tür und trat hinaus ins Treppenhaus.
Die schwere Metalltür fiel hinter ihr mit einem dumpfen, endgültigen Schlag ins Schloss. Dieses Geräusch trennte sie von dem stinkenden Chaos und von dem Menschen, der sie verraten hatte, als würde eine unsichtbare Klinge sauber durch ihr altes Leben schneiden. Im Hausflur war es kühl. Es roch nach feuchtem Putz, Staub und Beton. Doch für Julia war dieser Geruch in diesem Moment kostbarer als jedes Parfum. Sie atmete tief ein, frei und ungehindert, rückte die Tasche auf ihrer Schulter zurecht und drückte auf den Knopf des Aufzugs. Fast körperlich spürte sie, wie eine riesige, erstickende Last von ihr abfiel, als hätte jemand einen Betonblock von ihrem Brustkorb gehoben.
In der zerstörten Wohnung dagegen breitete sich eine schwere, klebrige Stille aus. Nur das widerliche, gleichmäßige Ticken der Küchenuhr und das gedämpfte Rauschen der Autos auf der Straße drangen hindurch. Daniel stand mitten im Flur wie vom Blitz getroffen. Regungslos starrte er auf die Schlüssel, die seine Frau zurückgelassen hatte und die im schwachen Licht der Deckenlampe matt glänzten. Das Adrenalin, das in der letzten halben Stunde durch seine Adern geschossen war und ihn zu immer wilderen Worten getrieben hatte, verflüchtigte sich mit erschreckender Geschwindigkeit. An seine Stelle trat eine saugende, eiskalte Leere, und darunter kroch eine zähe Angst hervor, die sich an seinem Magen festklammerte.
Langsam ließ er den Blick durch die Diele wandern. Über die verschmierten Spiegel. Über die überall verstreuten Zigarettenstummel. Über den zertretenen Boden, auf dem klebrige Spuren glänzten. Der Gestank traf ihn nun mit neuer Wucht: fremdes Erbrochenes, abgestandener Alkohol, kalter Rauch und etwas Säuerliches, das ihm sofort die Kehle zuschnürte. Ihm wurde übel.
»Daniel? Machst du mir vielleicht was zu essen?«, drang plötzlich Emmas quengelnde, noch immer lallende Stimme aus dem Wohnzimmer und zerriss die Stille. »Wir haben mit den Jungs nur Chips und Salzstangen gegessen, und von dem ganzen Bier krampft mir der Magen. Zigaretten sind auch keine mehr da … Kannst du zum Kiosk an der Ecke gehen und irgendwas Anständiges kaufen?«
Daniel schloss langsam die Augen. Er atmete geräuschvoll durch die Nase aus und ballte die Fäuste so fest, dass sich seine kurzen Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Erst jetzt, mitten in diesem ekelhaften Trümmerfeld, wurde ihm mit schneidender Klarheit bewusst, was geschehen war. Um den betrunkenen, selbstsüchtigen Launen seiner haltlosen Schwester nachzugeben, hatte er gerade mit eigenen Händen sein geordnetes Leben zerbrochen. Nicht beschädigt. Nicht vorübergehend erschüttert. Zerbrochen — endgültig und unwiderruflich.
Das Taxi hielt einige Zeit später sanft vor der hell erleuchteten Glasfassade eines Vier-Sterne-Hotels. Julia bezahlte den Fahrer, nahm ihre Reisetasche und trat ohne Zögern in die weitläufige Lobby. Leise Jazzmusik lag in der Luft, gedämpft und elegant, vermischt mit einem feinen Duft nach teurem Raumparfum, Sandelholz und Zitrusnoten. Dieser Geruch war das genaue Gegenteil der widerwärtigen Ausdünstungen, die sich in den Wänden ihres ehemaligen Familienlebens festgefressen hatten.
Der Check-in dauerte nur wenige Minuten. Julia unterschrieb, nahm die schwere Schlüsselkarte entgegen und fuhr in den siebten Stock. Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, empfing sie eine beinahe klingende Sauberkeit. Das weiße Bettzeug war makellos glatt und gestärkt. Im Bad glänzten Chromarmaturen. Die dichten Vorhänge hielten das Flimmern und die Unruhe der nächtlichen Stadt fern. Julia stellte ihre Tasche auf die Bank am Fußende des Bettes, streifte den Kaschmirmantel ab und setzte sich, ohne sich weiter auszuziehen, auf die Kante der breiten Matratze.
Sie wartete darauf, dass die Hysterie kam. Darauf, dass ihr ein bitterer Kloß der Kränkung in den Hals stieg, dass Tränen aus ihr herausbrachen — Tränen um sich selbst, um fünf verlorene Ehejahre, um die Mühe, mit der sie versucht hatte, etwas zu retten, das vielleicht nie wirklich existiert hatte. Doch nichts dergleichen geschah.
In ihr war es still.
Dort, wo früher Sorge um Daniel gepocht hatte, Angst um ihre Ehe, um dieses brüchige Bild eines gemeinsamen Zuhauses, lag nun eine weite, unbewegliche Fläche. Kalt, klar und ruhig wie ein See im Winter. Auf einmal begriff sie mit unerbittlicher Deutlichkeit, dass sie in den letzten Jahren nicht gelebt hatte. Sie hatte funktioniert. Sie war der unsichtbare Puffer gewesen zwischen einem infantilen Mann, seiner grenzenlosen Verwandtschaft und der Wirklichkeit. Sie hatte Schläge abgefangen, Konflikte geglättet, Rechnungen bezahlt, Ausreden erfunden und Ordnung geschaffen, wo andere nur Chaos hinterließen. Diese Funktion war nun abgeschaltet.
Für immer.
Julia zog sich aus, trat unter die heißen, kräftigen Strahlen der Dusche und rieb ihre Haut lange mit einem rauen Waschlappen, fast wütend, als wollte sie nicht nur den Geruch der verrauchten Wohnung loswerden, sondern jede Erinnerung an Daniel von sich abwaschen. Als sie später in einem flauschigen weißen Bademantel aus dem Bad kam, bestellte sie sich ein leichtes Abendessen und ein Glas guten trockenen Wein aufs Zimmer.
Sie setzte sich in den tiefen Sessel am Panoramafenster und nahm einen kleinen Schluck. Der Wein brannte angenehm in ihrer Kehle. Morgen früh würde sie Stefan anrufen, ihren Anwalt. Die Scheidung würde schnell gehen. Zu teilen gab es nichts. Der Ehevertrag, auf dem sie noch vor der Hochzeit bestanden hatte, schützte ihre Wohnung und ihre Konten zuverlässig. Julia betrachtete ihr Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe und lächelte.
Sie war frei.
Zur selben Zeit entwickelte sich in der verwüsteten Wohnung am anderen Ende der Stadt ein regelrechter Ableger der Hölle.
»Daniel, wie lange brauchst du denn noch? Mir wird gleich schon wieder schlecht!«, jammerte Emma aus dem Wohnzimmer, gleichzeitig weinerlich und befehlend. Sie drehte sich auf dem mit Bier vollgesogenen Sofa herum. »Bring mir Mineralwasser! Mein Mund fühlt sich an, als hätte eine Katze reingemacht. Und mach das Fenster auf, hier kann man ja nicht atmen!«
Daniel stand im Badezimmer. In den Händen hielt er eine Rolle Küchenpapier und eine Flasche beißendes Reinigungsmittel. Über seine Hände hatte er gelbe Gummihandschuhe gezogen, die Julia zurückgelassen hatte. Er starrte auf das angetrocknete Erbrochene, das Waschbecken, Armatur und Spiegel besprenkelt hatte, und spürte, wie sich sein eigener Magen in einem ekelhaften Krampf zusammenzog. Jede Bewegung kostete ihn Überwindung. Während er versuchte, den festgefressenen Schmutz wegzuschrubben, tauchte vor seinem inneren Auge immer wieder Julia auf, wie sie an den Wochenenden durch die Wohnung gegangen war, still, flink, beinahe schwerelos, und jenen perfekten Zustand hergestellt hatte, den er nie als Arbeit begriffen hatte. Für ihn war Sauberkeit einfach da gewesen. Wie Strom aus der Steckdose. Wie warmes Wasser aus dem Hahn.
»Halt den Mund, Emma! Einfach einmal den Mund halten!«, schrie Daniel plötzlich, so heftig, dass er selbst vor seiner Stimme erschrak. Er schleuderte das schmutzige Küchenpapier auf den nassen Boden, stürmte aus dem Bad in den Flur und riss sich im Gehen die verhassten Handschuhe von den Händen. Sein Atem ging schwer, seine Brust hob und senkte sich stoßweise. »Begreifst du überhaupt, was du angerichtet hast?«
