„Das Fleisch ist zäh, Anna“ sagte Christian angewidert und stach mit der Neusilbergabel in die hervorquellende Granatapfelsauce, während Anna die Hände unter dem Tisch weiß zusammenpresste

Diese herzlose Verachtung zerstörte die sorgfältige Mühe.
Geschichten

dieser angeblich unerreichbar begabten Frieda Becker, an deren Maßstab Anna Lang seit Jahren scheitern sollte.

Langsam erhob sie sich vom Stuhl. Nichts an ihr erinnerte mehr an die gewohnte Hast, an das nervöse Bemühen, einen Streit zu entschärfen, an dieses automatische Beschwichtigen, das ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Ihre Bewegungen wirkten unheimlich ruhig, fast mechanisch, wie bei einem Raubtier, das nach langem Lauern endlich begriffen hatte, wohin es springen musste. Annas Gesicht, sonst weich, lebendig und voller Regungen, war plötzlich glatt und starr wie eine Maske aus Gips. Keine Wut, keine Tränen, kein Zittern. Nur Leere.

Gerade diese Leere ließ Christian Köhler für einen Herzschlag verstummen. Er hatte den Mund bereits geöffnet, um noch eine weitere spitze Bemerkung nachzulegen — irgendetwas darüber, wie talentfrei sie seine Zeit vergeude und wie sinnlos sie das gemeinsame Geld zum Fenster hinauswerfe. Doch der Satz blieb ihm im Hals stecken. Er hatte mit Tränen gerechnet. Mit hektischem Stammeln. Mit einem schuldbewussten Versprechen, sofort noch Rührei zu machen oder schnell eine Packung Fertigklöße aufzukochen. Aber mit dieser dichten, klingenden, beinahe körperlich spürbaren Stille hatte er nicht gerechnet.

Anna ging ohne Eile um den Tisch herum. Sie blieb direkt vor ihm stehen, so nah, dass er den Blick heben musste. Im Zimmer war es derart still geworden, dass man nur noch das leise Knacken der Dochte in den dekorativen Kerzen hörte. Christian presste sich unwillkürlich tiefer gegen die Stuhllehne. Sein selbstzufriedenes Grinsen rutschte ihm langsam aus dem Gesicht und wich einer echten, wenn auch noch schwachen Verunsicherung.

— Anna, was soll das denn jetzt? — murmelte er unsicher und starrte auf ihre Lippen, die nur noch eine schmale, harte Linie bildeten. — Ich habe doch bloß die Wahrheit gesagt. Du musst lernen, mit konstruktiver Kritik umzugehen, statt hier herumzustehen wie eine Statue. Das ist doch lächerlich.

Weiter kam er nicht. Mit einer schnellen, präzisen Bewegung griff Anna nach seinem Teller. Nach genau jenem Teller, auf dem noch Reste vom Kalbfleisch lagen, daneben klebrige Pfützen aus süßsaurem Granatapfelsud und die zerknüllte, bespuckte Serviette. Bevor Christians Verstand seinem Körper auch nur den Befehl geben konnte, sich zu schützen, rammte sie ihm das Porzellan mit aller Kraft gegen die Brust — mit der Wucht all der Demütigungen, die sich über Jahre in ihr angesammelt hatten.

Der Aufprall klang dumpf und schwer. Das Porzellan traf schmerzhaft auf sein Brustbein. Dickflüssige, dunkelrote Soße spritzte nach allen Seiten und sog sich sofort in den hellen Stoff seines teuren Markenhemdes, das er extra für den festlichen Abend angezogen hatte. Ein schweres Stück Fleisch glitt über die Knopfleiste, klatschte auf seine Knie und hinterließ einen fettigen, nassen Streifen auf der hellen Hose. Die zusammengeknüllte Serviette blieb an seiner Schulter hängen, rutschte langsam tiefer und zog dabei eine bordeauxrote Spur hinter sich her, die aussah wie geronnenes Blut.

Christian brachte ein seltsames, abgewürgtes Geräusch hervor — halb Röcheln, halb quiekender Aufschrei. Er zuckte zurück, der Stuhl unter ihm ächzte jämmerlich und kippte gefährlich nach hinten. Seine Hände fuchtelten sinnlos durch die Luft, als wüssten sie selbst nicht, ob sie Anna wegstoßen oder die hoffnungslos ruinierte Kleidung retten sollten.

— Sag mal, spinnst du völlig?! — kreischte er, und von seinem sonst so behäbigen, selbstsicheren Bariton blieb nichts übrig. Seine Stimme überschlug sich zu einem hysterischen Fistelton. — Bist du jetzt endgültig durchgedreht? Das ist italienische Baumwolle! Du hast mir ein Hemd für zweihundert Euro versaut, du Irre!

— Du spuckst mein Essen aus und behauptest, deine Mutter koche göttlich, während das hier Schweinefraß sein soll? — Annas Stimme schnitt scharf durch den Raum. — Drei Stunden habe ich am Herd gestanden! Glaubst du ernsthaft, ich schlucke deine Spucke weiter runter? Halt den Mund! Ich bin weder deine Köchin noch deine Dienstmagd! Pack deinen Kram und verschwinde zu deiner lieben Mama, wenn du ihre Pasteten fressen willst!

Er versuchte, die klebrige Masse von sich abzuschütteln, doch weil seine Hände zitterten, verteilte er die Soße nur noch stärker und rieb sie tiefer in die Fasern. Auf seinem Gesicht erschien blankes Entsetzen — das Entsetzen eines Menschen, dessen sorgfältig geordnete Welt soeben ohne jede Vorwarnung eingestürzt war.

Anna warf den leeren Teller angewidert zur Seite. Er schlug klirrend auf der Tischplatte auf, zerbrach wie durch ein Wunder nicht und fegte dabei ein Kristallglas zu Boden. Splitter sprangen über das Parkett, vermischten sich mit verschüttetem Rotwein. Doch Anna senkte nicht einmal den Blick. Ihre Augen blieben auf ihren Mann geheftet, und in ihnen brannte ein kaltes, unerbittliches Feuer.

Mit einer abrupten Drehung wandte sie sich zur Küchenzeile und machte zwei schnelle Schritte. Neben der Spüle lag ein großes Waffelhandtuch. Es war nass; kaum eine halbe Stunde zuvor hatte Anna damit Gemüse abgetrocknet und sich beim Kochen die Hände gewischt. Sie packte es an einem Zipfel. Der Stoff war schwer, dicht und vollgesogen mit kaltem Wasser. In ihren Händen verwandelte sich dieser harmlose Küchengegenstand innerhalb eines Augenblicks in ein vollkommenes Werkzeug der Vergeltung.

Christian schnaufte laut, fluchte vor sich hin und versuchte, vom Stuhl aufzustehen. Noch immer glaubte er in seiner grenzenlosen Selbstgewissheit, dies sei lediglich ein weiblicher Anfall, eine Szene, die man wie immer mit Gebrüll und Drohungen ersticken konnte.

— Ich packe jetzt meine Sachen und fahre zu meiner Mutter! — brüllte er, während Speichel aus seinem Mund spritzte und er wütend nach dem Stück Kalbfleisch trat, das auf den Boden gefallen war. — Lass dich behandeln, du kranke Närrin! Ich setze keinen Fuß mehr hier rein, bis du auf Knien angekrochen kommst und mich für diesen Zirkus um Verzeihung anbettelst!

Doch Anna ließ ihm keine Gelegenheit, sich ganz aufzurichten und jene bedrohliche Pose einzunehmen, mit der er sie so oft eingeschüchtert hatte. Sie wirbelte herum, fasste das Handtuch fester, holte aus und ließ es mit unglaublichem Schwung wie eine echte Peitsche auf seine Schulter niedersausen. Der Schlag hallte feucht, scharf und ohrenbetäubend durch die Küche, fast wie ein Pistolenschuss. Der nasse, schwere Stoff klatschte mit voller Wucht durch das dünne, bereits beschmutzte Hemd auf seine Haut.

Christian heulte auf — vor Überraschung und vor brennendem Schmerz. Reflexhaft riss er die Arme über den Kopf, zog sich zusammen und plumpste zurück auf die Sitzfläche.

— Au! Was machst du da?! Das tut weh, du Miststück! — Seine Augen wurden rund vor urtümlichem Schock. Er starrte von unten zu ihr hoch, als stünde nicht seine Frau vor ihm, deren Selbstwert er jahrelang mit Erfolg zertrampelt hatte, sondern eine gefährliche Wahnsinnige mit einem Messer in der Hand.

Anna sagte kein Wort. Wieder hob sie den Arm. Das nasse Handtuch zischte unheilvoll durch die Luft und traf seinen Rücken genau in dem Moment, als er sich unbeholfen zur Seite zu werfen versuchte. Der zweite Hieb war noch härter und genauer als der erste. Christian schrie gellend auf, sprang auf die Füße, riss dabei den Stuhl mit lautem Krachen zu Boden und begann panisch rückwärts Richtung Küchenausgang zu stolpern. In seinen ledernen Hausschuhen rutschte er über Weinpfützen und verstreute Essensreste.

— Hau ab! Komm mir nicht zu nahe, ich rufe die Polizei! — kreischte er und hielt die zitternden Hände vor sich, um sich gegen weitere Schläge zu schützen.

Doch Anna wich keinen Millimeter zurück. Unerbittlich setzte sie nach. Ihre Bewegungen waren rhythmisch, hart und gnadenlos, während sie den schweren, feuchten Stoff immer wieder auf seine Arme, Schultern und Seiten niedergehen ließ. Jeder Schwung endete mit einem scharfen, furchteinflößenden Klatschen, begleitet von seinen verzweifelten, schmerzerfüllten Aufschreien. Ohne ihm auch nur eine Sekunde zum Atemholen oder Begreifen zu lassen, trieb sie ihn aus der Küche in den Flur — so, wie man einen räudigen, unverschämten Hund vor die Tür jagt, der viel zu lange im Haus des Besitzers Dreck gemacht hat.

— Hör endlich auf, du Kranke! — brüllte Christian schrill, als er über den Teppichläufer stolperte, der sich im Flur zu hässlichen Falten zusammengeschoben hatte.

Lächerlich rudernd schlug er mit den Armen um sich, versuchte Gesicht und Kopf zu schützen, während Anna schwer, aber gleichmäßig atmend ihren unaufhaltsamen Vormarsch fortsetzte. In ihren weit geöffneten Augen lag kein Funken Mitleid, nicht der leiseste Schatten von Zweifel — nur die kalte, gebündelte Wut eines Menschen, der endlich die schweren Fesseln einer jahrelangen Unterwerfung von sich geworfen hatte.

LebensKlüber