Das nasse Waffeltuch, das in Annas Hand zu einer strafenden Peitsche geworden war, sauste erneut durch die Luft und klatschte mit einem widerlich schmatzenden Laut auf seinen unteren Rücken.
Sein teures Markenhemd aus hauchdünner italienischer Baumwolle, vor wenigen Minuten noch makellos weiß und glatt gebügelt, bot inzwischen einen erbärmlichen Anblick. Klebrige, dunkelrote Flecken der Granatapfelsauce verliefen mit schmutzigen, feuchten Schlieren, die der nasse Stoff hinterlassen hatte. Christian Köhler, dieser polierte, selbstgefällige Ästhet des häuslichen Terrors, der sie jahrelang mit seinen Feinschmeckerlaunen zermürbt hatte, sah nun aus wie ein geprügelter Straßenköter, der in Küchenabfällen gewälzt worden war. Krampfhaft klammerte er sich mit beiden Händen an den verchromten Griff der Wohnungstür, doch seine zitternden Finger, glitschig von Fett und Sauce, fanden keinen Halt am schwergängigen Schloss.
„Mach diese verdammte Tür auf!“, kreischte er und presste sich panisch mit dem Rücken gegen das kalte Metall. „Ich verklage dich! Wegen Körperverletzung kommst du dran, du geisteskranke Psychopathin!“
Anna blieb dicht vor ihm stehen, nur einen Schritt entfernt. Ihr Atem ging stoßweise, die Brust hob und senkte sich schnell unter dem eleganten dunkelblauen Kleid, dessen Saum ebenfalls ein paar Weinspritzer abbekommen hatte. Wortlos betrachtete sie ihren Mann, diesen sonst so furchteinflößenden, unfehlbaren Richter über jeden Handgriff, der jetzt jämmerlich winselte und vor einem simplen Küchentuch zusammenzuckte wie ein verängstigtes Tier. Und genau in diesem Augenblick begriff sie mit einer Klarheit, die ihr beinahe körperlich wehtat: Er war immer ein Feigling gewesen. Seine ganze zur Schau getragene Stärke, seine aufgeblasene Wichtigkeit, seine Arroganz — all das hatte nur deshalb funktioniert, weil sie sich gebeugt hatte. Weil sie jahrelang Angst gehabt hatte, etwas falsch zu machen, nicht zu genügen, seinen erfundenen Maßstäben nicht zu entsprechen.
„Geh“, sagte sie.
Ihre Stimme war leise, fast nur ein Hauch. Doch in dieser Stille lag ein so harter, metallischer Klang, dass Christian zusammenfuhr, als hätte sie erneut ausgeholt.
Endlich bekam er das widerspenstige Schloss auf. Mit einem lauten Knacken gab die schwere Tür nach und flog auf. Christian stürzte hinaus ins Treppenhaus, ohne daran zu denken, dass draußen ein kühler Abend wartete und er nichts trug als Hausschuhe aus Leder und seine ruinierte, am Körper klebende Kleidung. Erst als er jenseits der Wohnungsschwelle war, in scheinbarer Sicherheit, versuchte er, die letzten kläglichen Reste seiner zu Staub zermahlenen Würde zusammenzukratzen. Ruckartig drehte er sich um, rang keuchend nach Luft und schüttelte eine bebende Faust.
„Das wirst du noch bitter bereuen!“, brüllte er so laut, dass das schrille Echo durch das ganze Treppenhaus fuhr. „Morgen reiche ich die Scheidung ein! Und wag es ja nicht, mich anzurufen, wenn du heulend auf Knien angekrochen kommst und mich anflehst zurückzukehren!“
Anna hielt es nicht einmal für nötig, ihm zu antworten. Sie trat nur vor und schlug ihm die Stahltür mit voller Wucht vor dem roten, von Hass und Furcht verzerrten Gesicht zu. Metall krachte dumpf gegen Metall — ein schwerer, endgültiger Laut, der ihr altes Leben von ihr abschnitt. Langsam und sorgfältig drehte sie den Schlüssel zweimal im Schloss. Danach schob sie mit entschlossener Bewegung den oberen Riegel vor. Von draußen drangen noch ein paar unverständliche, gedämpfte Flüche herein, dann hastiges, schlurfendes Klatschen von Hausschuhen auf Betonstufen. Christian floh feige nach unten, zu seiner vergötterten Mutter, zu ihren perfekten Frikadellen und ihrem grenzenlosen, immer verzeihenden Mitgefühl.
In der Wohnung breitete sich augenblicklich eine dichte, betäubende Stille aus. Anna lehnte die heiße Stirn gegen die kühle Türfläche und schloss die Augen. Ihr Herz hämmerte irgendwo hoch in der Kehle, und ihre Handflächen brannten davon, wie fest sie den groben Stoff umklammert hatte. Langsam löste sie die verkrampften, weiß gewordenen Finger. Das nasse Küchentuch fiel mit einem dumpfen, feuchten Klatschen auf den Boden. Das Adrenalin begann nachzulassen und hinterließ in ihrem ganzen Körper ein leichtes, beinahe angenehmes Zittern.
Unbewusst wartete sie darauf, dass nun der Zusammenbruch kommen würde. Sie stellte sich vor, wie sie an der Wand hinunterrutschte, die Knie umschlang und laut über die Trümmer ihrer sechsjährigen Ehe weinte. Doch Tränen kamen nicht. Stattdessen breitete sich in ihrer Brust ein seltsames, längst vergessenes Gefühl aus — eine reine, unverstellte Leichtigkeit. Freiheit. Als hätte sie seit Jahren einen schweren Rucksack getragen, vollgestopft mit nassen Steinen, der ihre Schultern nach unten gezerrt hatte, und als hätte sie ihn nun mit einem einzigen Ruck in eine tiefe Schlucht geworfen. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit konnte sie den Rücken aufrichten.
Anna stieß sich von der Tür ab und ging langsam zurück in die Küche, vorsichtig, als müsste sie den Boden unter ihren Füßen neu kennenlernen. Was sie dort sah, glich einem Schlachtfeld nach einem erbitterten Gefecht. Ein umgekippter Stuhl lag verlassen auf der Seite. Auf dem hellen Parkett funkelten scharfkantige Splitter des zerbrochenen Kristallglases in einer Pfütze teuren Rotweins, der im Licht fast wie frisches Blut wirkte. Auf dem Tisch herrschte urtümliches Chaos: die verrutschte Tischdecke, dunkelrote Sprenkel der Granatapfelsauce, achtlos verstreutes Silberbesteck.
Behutsam stieg sie über die Weinlache hinweg, trat an den Tisch und stellte den umgestürzten Stuhl mit ruhiger Hand wieder auf. Dann setzte sie sich an ihren gewohnten Platz. Ihr Blick fiel auf das unberührte Stück Fleisch auf ihrem Teller. Anna nahm eine saubere Gabel und das scharfe Steakmesser. Sie schnitt ein kleines Stück ab; die Klinge glitt durch das heiße Fleisch, als wäre es weiche Butter. Innen war es zartrosa, die Fasern glänzten appetitlich von klarem Fleischsaft, der sich mit der tiefen, aromatischen Granatapfelmarinade verband.
Sie führte die Gabel zum Mund und kaute langsam, aufmerksam, fast prüfend. Das Fleisch war vollkommen. Es zerging auf der Zunge und entfaltete dabei einen vielschichtigen, erstaunlich reichen Geschmack: die leichte Herbheit des eingekochten Weins, die feine Würze von Rosmarin, die angenehme süßsäuerliche Frische des Granatapfels und darunter den vollen, tiefen Geschmack eines richtig gegarten, hochwertigen Kalbsbratens. Nichts daran war trocken. Nichts zäh. Kein bisschen „Gummi“. Es war ein großartiges Gericht auf Restaurantniveau, zubereitet mit Liebe, Geduld und unbestreitbarem Können.
Christian hatte gelogen. Er hatte immer gelogen, Tag für Tag, planmäßig und bewusst. Er hatte alles, was sie für ihn tat, schamlos entwertet — nur um sich selbst größer zu fühlen, nur um sie in diesem klebrigen Dauerzustand aus Anspannung, Schuldgefühl und Minderwertigkeit gefangen zu halten.
Anna lachte leise auf. Es war kein bitteres, gebrochenes Lachen, sondern ein echtes, helles Lächeln einer Frau, die gerade begriffen hatte, dass sie frei war. Sie griff nach dem unversehrten Kristallglas, schenkte sich ohne Eile Wein ein, bis der dunkle Spiegel fast den Rand berührte, und hob es hoch. Mit einer anmutigen kleinen Geste prostete sie der leeren Wohnung zu, die plötzlich nicht mehr leer wirkte, sondern weit, atmend und voller Raum.
„Alles Gute zum Jahrestag, Anna“, sagte sie laut.
Ihre Stimme klang klar, fest und hell.
Sie nahm einen großen, gierigen Schluck von dem herben Wein und spürte, wie sich wohlige Wärme in ihrem Körper ausbreitete. Morgen würde sie lange das Parkett schrubben müssen, die Glasscherben aufsammeln und seine Designerstücke gleichgültig in schwarze Müllsäcke stopfen. Morgen würden die hysterischen Anrufe seiner Mutter beginnen, absurde Drohungen, Anwaltsschreiben, Gerichte und die ermüdende Aufteilung des gemeinsamen Besitzes. Morgen würde ein langer, schwieriger Tag werden. Aber heute Abend hatte sie endlich das vollkommenste, köstlichste Abendessen seit Jahren — in der besten Gesellschaft, die sie sich wünschen konnte: allein mit sich selbst.
Der Morgen begann mit einer ungewohnten, sanften Stille. Anna öffnete die Augen und blieb lange reglos liegen.
