„Das Fleisch ist zäh, Anna“ sagte Christian angewidert und stach mit der Neusilbergabel in die hervorquellende Granatapfelsauce, während Anna die Hände unter dem Tisch weiß zusammenpresste

Diese herzlose Verachtung zerstörte die sorgfältige Mühe.
Geschichten

»Was für eine bemerkenswerte Konsistenz. Erinnert mich an eine alte Schuhsohle, die man erst in Motoröl ausgekocht und anschließend aus irgendeinem unerfindlichen Grund großzügig mit billigem Ketchup aus der Plastikflasche übergossen hat. Und dieser Geruch … Sag mal, hast du da Rosmarin hineingetan? Oder ist das Spülmittel nicht richtig vom Teller abgespült worden?«

Christian Köhler stocherte angewidert mit den Zinken seiner schweren Neusilbergabel in dem Stück gebratener Kalbslende herum. Nicht einmal den Versuch machte er, mit dem eigens geschärften Steakmesser eine Scheibe abzuschneiden. Stattdessen drückte er mit beinahe wissenschaftlicher Grausamkeit auf die Fleischfasern und beobachtete, wie darunter die dicke Granatapfelsauce hervorquoll — jene Sauce, für die Anna Lang fast vierzig Minuten am Herd gestanden hatte, über einem brodelnden Topf, in dem sie Rotwein mit Kräutern geduldig hatte einkochen lassen. Sein sonst so kontrolliertes, gepflegtes Gesicht zeigte nun eine Mischung aus tiefster kulinarischer Enttäuschung und offen zur Schau getragenem Spott über die Mühe eines anderen Menschen.

»Das Fleisch ist zäh, Anna. Ich habe dich doch ausdrücklich gebeten, auf die Temperatur im Ofen zu achten. Kalbfleisch verzeiht keine rohe Gewalt. Du hast es regelrecht hingerichtet. Zweimal sogar. Erst, indem du es ausgetrocknet hast, und dann noch einmal, als du versucht hast, dieses Desaster unter dieser albernen, klebrig-sauren Sauce zu verstecken.«

Anna saß ihm gegenüber. Unter der Tischplatte hatte sie die Finger so fest ineinander verschränkt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Sie trug ein elegantes dunkelblaues Kleid, das sie eigens für diesen Jahrestag gekauft hatte. Auf dem Tisch funkelten teure Kristallgläser im Licht der Kerzen, die einen feinen Duft nach Vanille und Sandelholz verströmten. Inmitten dieser sorgfältig arrangierten Festlichkeit stand das Gericht, für das sie drei lange Stunden in der Küche verbracht hatte, ohne sich auch nur einmal hinzusetzen. Sie selbst hatte das frische Stück Filet auf dem Wochenmarkt ausgesucht, mit dem Metzger diskutiert, jede Sehne sorgfältig entfernt und das Fleisch nach einem komplizierten Rezept mariniert. Sie hatte sich aufrichtig gewünscht, dass er wenigstens heute, an diesem einen Abend, einfach essen würde, ohne seine ätzenden, demütigenden Bemerkungen. Doch all diese Hoffnung zerbrach in dem Moment, in dem Christian Köhler seinen prüfenden Blick auf den Teller senkte.

»Sieh dir doch nur diesen Anschnitt an«, sagte er, hakte mit der Gabel ein abgerissenes Stück Fleisch auf und hob es auf Augenhöhe, als präsentiere er ein unumstößliches Beweisstück. »Völlig trocken. Der Saft ist weg. Unwiederbringlich. Du hast es mindestens eine halbe Stunde zu lange im Ofen gelassen. Ich begreife wirklich nicht, wie man ein so teures Stück derart talentfrei ruinieren kann. Meine Mutter nimmt auf dem Markt immer das schlichteste, günstigste Schweinefleisch, und trotzdem zerfällt es einem bei ihr auf der Zunge. Erinnerst du dich an letztes Wochenende bei ihr? Sie hatte Kasselerbraten mit Knoblauch und Senf gemacht. Die Kruste war knusprig, und innen war so viel heißer Fleischsaft, dass die ganze Kartoffelbeilage davon durchzogen war. Das nenne ich Können. Sie hat einfach ein angeborenes Gefühl für Fleisch. Aber das hier … das ist ein Verbrechen an Lebensmitteln.«

Mit einem Ausdruck des Ekels ließ er das Stück zurück auf den Porzellanteller fallen. Das feine Geschirr klirrte kläglich unter dem Aufprall der schweren Gabel, als wolle selbst der Teller den steigenden Druck im Raum hörbar machen. Christian Köhler seufzte demonstrativ und schwer, ganz so, als bereite er sich darauf vor, aus reiner Höflichkeit ein kaum zumutbares körperliches Opfer zu bringen. Dann griff er nach dem Messer mit der breiten Klinge, sägte vom äußersten Rand ein winziges, fast durchsichtiges Stückchen ab — dort, wo am wenigsten Granatapfelsauce haftete — und schob es sich langsam in den Mund, sichtbar auf alles gefasst.

Anna beobachtete, wie gleichmäßig sich seine Kiefer bewegten. In ihr zog sich etwas zusammen, hart und schwer wie eine gespannte Feder aus reinem Zorn. Die Abläufe seiner Essensinszenierungen kannte sie auswendig, bis in die kleinste Regung. Gleich würde er die Lippen verziehen. Danach würde er aufhören zu kauen. Anschließend würden seine Augenbrauen nach oben wandern, als litten seine Geschmacksknospen unter unaushaltbaren Qualen.

Christian Köhler kaute langsam, als zermahle er Kieselsteine. Mit jeder Bewegung seines Kiefers verzerrte sich sein Gesicht stärker vor Missfallen. Er schloss die Augen, spannte die Wangenmuskeln an, riss sie dann wieder auf und sah Anna an wie jemand, dem man soeben vorsätzlich Gift serviert hatte. Plötzlich erstarb jede Kaubewegung. Hastig griff er nach der schneeweißen Stoffserviette, die Anna extra gestärkt und in einer aufwendigen Form neben seinem Gedeck platziert hatte. Er führte sie zum Mund und spuckte das halb zerkaute Fleisch mit einem lauten, feuchten Schmatzen direkt in den makellosen Stoff.

»Tut mir leid, aber das ist körperlich schlicht nicht essbar«, murmelte er, knüllte die Serviette mit der ausgespuckten Speise achtlos zusammen und warf sie mitten auf seinen Teller, genau auf die Reste der Sauce, die Gemüsebeilage und das unberührte Fleisch. Der weiße Stoff begann augenblicklich, sich mit der dunkelroten Flüssigkeit vollzusaugen, und verwandelte sich in einen schmutzigen, widerwärtigen Abfallklumpen. »So etwas herunterzuschlucken, ist doch gefährlich für den Magen. Zäher Gummi mit dem Geschmack von verbranntem Brennholz und sauer gewordenem Kompott. Ich weiß wirklich nicht, warum du dich überhaupt an solche anspruchsvollen Rezepte wagst, wenn du nicht im Entferntesten ein Gefühl für das Produkt hast.«

Christian Köhler stützte beide Hände auf die Tischkante und schob den Teller mit angewiderter Kraft von sich weg, als ginge von ihm ein Gestank aus. Der Stiel seines Rotweinglases schlug mit einem hellen Klirren gegen den Tellerrand, der Wein schwappte gefährlich und verfehlte die helle Tischdecke nur knapp. Dann lehnte er sich lässig im Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete seine Frau mit kalter, unangreifbarer Überlegenheit.

»Ich rufe jetzt meine Mutter an. Bei ihr ist bestimmt noch etwas von dem Fleischkuchen mit Kohl von gestern übrig, oder ein paar hausgemachte Putenfrikadellen. Dann fahre ich hin und esse wenigstens anständig zu Abend, so wie ich es gewohnt bin. Und das hier …« Er nickte verächtlich in Richtung des verdorbenen Festtisches. »Das kannst du selbst aufessen, wenn dein Magen aus Blech ist und Nägel verdauen kann. Oder wirf es einfach weg. Wobei es mir, ganz ehrlich, wahnsinnig leid um das Geld ist, das für diese Zutaten draufgegangen ist. Du hast praktisch die Hälfte des Abendessenbudgets direkt in den Mülleimer befördert. Wenn du das nächste Mal unbedingt einen besonderen Abend veranstalten willst, bestell einfach fertiges Essen aus einem Restaurant. Oder ruf meine Mutter an und bitte sie, vorbeizukommen und etwas Vernünftiges auf den Tisch zu bringen. Sie würde niemals Nein sagen, das weißt du. Sie ist immer bereit zu helfen und deine kulinarischen Niederlagen auszubügeln.«

Anna blinzelte nicht. Sie senkte den Blick nicht, zog die Schultern nicht ein und gab keinen einzigen Laut von sich. In ihr war keine Kränkung mehr übrig, keine Bitterkeit und auch nicht dieses klebrige, vertraute Schuldgefühl, das Christian Köhler über Jahre hinweg bei jedem gemeinsamen Essen geduldig in ihr herangezüchtet hatte. Stattdessen riss in ihrem Inneren mit einem scharfen, glasklaren Knall das Stahlseil ihrer engelsgleichen Geduld. Sie starrte auf die zerknüllte Serviette, die von Granatapfelsauce und seinem Speichel durchtränkt war und direkt auf dem Fleisch lag, das sie mit so viel Mühe zubereitet hatte. In diesem Augenblick schrumpfte die ganze Welt um sie herum auf die Größe dieses ekelhaften Stoffballens zusammen. Diese beschmutzte Baumwolle wurde plötzlich zum greifbaren Sinnbild ihrer gesamten sechs Ehejahre: all der zahllosen Abende, an denen sie nach einem anstrengenden Arbeitstag erschöpft am heißen Herd gestanden hatte, bemüht, ihm zu gefallen, seine Laune zu erraten, ein Zuhause zu schaffen — und dafür nichts bekommen hatte außer hochmütigen Seufzern, eisiger Verachtung und endlosen, erniedrigenden Vergleichen mit seiner Mutter.

LebensKlüber