Mila Zimmermann sagte kein Wort. Sie sah nur zu, wie Ben ein Stück von dem frischen Weißbrot abriss und eine dicke, glänzende Schicht rubinroter Marmelade darauf verteilte.
„Wahnsinnig gut“, murmelte er mit vollem Mund. „Da muss ich mich wirklich noch bei ihm bedanken.“
„Bei wem genau?“ Milas Stimme klang ruhig, beinahe teilnahmslos. Sie stützte das Kinn in die Hand und betrachtete ihren Mann aufmerksam. „Was ist das für ein Kunde? Wie heißt er?“
„Paul Möller“, log Ben, ohne auch nur zu blinzeln. Er griff nach seiner Teetasse. „Hat irgendwo draußen bei Erfurt so einen kleinen Betrieb. Landwirtschaft, ein bisschen eigene Produktion. Er hatte Ärger mit ein paar Dienstleistern, und ich habe ihm ein paar juristische Schlupflöcher gezeigt, ihm mit den Unterlagen geholfen. Ein anständiger Kerl, noch von der alten Schule.“
„Tatsächlich?“ Mila neigte den Kopf ein wenig. „Und wo genau ist dieser Hof? Weit weg?“
„In der Nähe von Erfurt“, erklärte Ben mit erstaunlicher Überzeugung und sah ihr direkt in die Augen. Offenbar gefiel ihm seine eigene Geschichte. Er fühlte sich sicher, während er sie im selben Moment erfand. „Der hat dort sogar eigene Bienenstöcke und baut Beeren an. Er meinte: ‚Ben, du hast mich gerettet, das vergesse ich dir nie.‘ Heute hat er das Glas einfach mit ins Büro gebracht.“
Mila lauschte dieser frei zusammengeschusterten Erzählung, und in ihr stieg etwas Kaltes, Dunkles auf. Hinter seiner zufriedenen Miene erkannte sie plötzlich sehr genau, was wirklich dahintersteckte.
Während sie den Alltag, die Raten für die Wohnung und die gesamte Organisation ihres Lebens allein auf den Schultern trug, hatte Ben sich offenbar einen Ort gesucht, an dem er sich groß fühlen konnte. Dort gab es vermutlich die junge Mia Friedrich — wahrscheinlich genau jene schmale, hübsche Barista aus dem Café im Erdgeschoss seines Bürogebäudes, von der er ein-, zweimal beiläufig gesprochen hatte. Mia, die mit langen Wimpern klimperte und zu Ben aufsah. Mia, die beim Geräusch einer Bohrmaschine erschrak und nicht wusste, wie man eine Rechnung richtig überweist. Und Ben, der es satt hatte, nur ein kleines Rädchen in Milas perfekt laufendem System zu sein, hatte dort endlich wieder die Schultern gestrafft.
Er fuhr also zur Datsche von „Mias Mutter“. Mila sah die Szene beinahe bildlich vor sich: Ben, keuchend und wichtig, reparierte einen alten Wasserhahn, setzte Pfosten für ein kleines Gewächshaus oder schleppte schwere Kisten mit Setzlingen. Um ihn herum zwei Frauen, die ihm Tee oder Kaffee brachten, seine „goldenen Hände“ bewunderten und ihn einen richtigen Mann nannten. Dort war er nicht der Büroangestellte mit Bauchansatz und Kreditverpflichtungen, sondern der Retter, der starke Beschützer, der zukünftige Herr im Haus. Ein gewaltiger Schub für sein angeschlagenes Ego.
„Dieser Paul Möller scheint ja ein bemerkenswerter Mensch zu sein“, sagte Mila und ließ langsam die Hand in die Tasche ihrer Strickjacke gleiten. „Sehr aufmerksam.“
„Und wie!“ Ben trank seinen Tee aus, lehnte sich zurück und strich sich selbstzufrieden über den Bauch. „Ein richtig herzlicher Typ.“
Mila zog ein einmal gefaltetes, kariertes Papierstück aus der Tasche. Sie klappte es auseinander, strich es mit den Fingern auf der Tischplatte glatt und schob es schweigend über den ganzen Tisch, direkt neben Bens leere Tasse.
„Und eine erstaunlich ordentliche Handschrift hat dein Paul Möller auch. Fast weiblich, würde ich sagen.“
Bens Blick sank widerwillig auf das Papier. Er las die Zeilen. Einen Moment lang geschah gar nichts; sein Verstand weigerte sich offenbar, die Information aufzunehmen. Dann schoss ihm die Röte ins Gesicht. Er schluckte krampfhaft, als wäre ihm der Rest Marmelade im Hals stecken geblieben, und begann zu husten.
Seine Augen huschten durch die Küche. Er riss den Zettel an sich, drehte ihn um, als könne auf der Rückseite ein Freispruch stehen, und warf einen Blick auf den Deckel, der abseits auf dem Tisch lag.
„Mila, das ist …“ Seine Stimme kippte, brach und wurde heiser. „Das ist irgendein blöder Scherz. Ein idiotischer, dämlicher Scherz! Die Kollegen im Büro haben sich einen Spaß erlaubt, ganz sicher! Nico aus dem Vertrieb macht ständig so einen Mist und …“
„Benchen“, unterbrach Mila ihn leise. Doch in dieser leisen Stimme lag so viel Stahl, dass Ben sofort verstummte. „Hör auf. Du machst dich gerade nur noch erbärmlicher. Also Paul Möller, ja? Landwirtschaftsbetrieb bei Erfurt?“
Eine schwere, stickige Stille legte sich über die Küche. Ben begriff, dass er in die Enge getrieben worden war. Und wie es bei feigen Menschen oft geschieht, wenn man sie auf frischer Tat ertappt, verwandelte sich seine Angst im nächsten Augenblick in Wut. Es war die klassische Verteidigung durch Angriff.
