„Für meinen geliebten Schwiegersohn Ben, lass es dir schmecken. Mias Mutter.“ Mila erstarrte am Marmeladenglas, Ben verstummte unter der Dusche

Erstaunlich rührend, zugleich beunruhigend und ungeheuer persönlich.
Geschichten

Er riss den Zettel an sich, schleuderte ihn mit einer groben Bewegung zur Seite, stieß den Stuhl so heftig zurück, dass die Beine kreischend über die Fliesen kratzten, und sprang auf.

„Was hast du denn erwartet?!“, brüllte er, während sein Atem stoßweise ging. An seinem Hals trat eine Ader hervor. „Warum starrst du mich an, als säßest du über mich zu Gericht? Ja, Mias Mutter! Ja, ich bin hingefahren und habe geholfen! Weil ich dort wenigstens ein Mann bin! Und was bin ich hier?“

Er riss die Arme hoch und deutete auf die Küche, als wäre sie der Beweis für all sein Elend.

„Was bin ich denn in dieser Wohnung, Mila? Ein Portemonnaie mit Beinen! Ein Geldautomat und Handlanger, dem man nicht einmal zuhört! Angeblich haben wir eine gemeinsame Kasse, aber entscheiden tust am Ende nur du! ‚Ben, kauf das nicht, die Rate ist fällig.‘ ‚Ben, fass die Rohre nicht an, ich rufe lieber jemanden von der Hausverwaltung, du machst es nur schlimmer.‘ Alles bestimmst du allein, alles musst du überwachen! Wenn ich nach Hause komme, fühlt es sich an, als würde ich in einer Kaserne vor dem Kommandanten antreten! Aber dort…“ Seine Stimme kippte für einen Moment. „Dort freuen sie sich auf mich. Dort hängen sie an meinen Lippen. Ich habe dort einen Wasserhahn repariert, und sie haben mich behandelt wie einen Helden. Wie einen richtigen Menschen!“

Mila hörte sich diesen Ausbruch an, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nur ihre Augen wurden dunkler.

„Ein Held?“, fragte sie leise und lachte kurz auf. Dieses Lachen traf Ben härter als eine Ohrfeige. „Ein echter Mann? Den Wasserhahn bei uns hast du drei Monate lang reparieren wollen. Seit März tropfte das Ding, der Zähler lief, und du lagst auf dem Sofa und hast gejammert, du seist nach der Arbeit zu erschöpft. Bis ich irgendwann genug hatte und für zwanzig Euro einen Klempner gerufen habe. Aber für die Mutter einer anderen springst du beim ersten Ruf ins Auto? Beete umgraben, Rohre festziehen, den Retter spielen?“

„Dort weiß man Hilfe eben zu schätzen!“, fuhr Ben sie an, doch seine Sicherheit bröckelte bereits. Unruhig lief er in der Küche hin und her. „Mia kann doch überhaupt nichts allein, ohne mich ist sie aufgeschmissen! Und ihre Mutter ist eine einfache Frau vom Land, gutgläubig, herzlich. Die sehen zu mir auf!“

„Eine gutgläubige Frau vom Land?“ Mila zog die Augenbrauen zusammen. „Und seit wann fährst du hin, um diese Gutgläubigkeit zu pflegen?“

„Seit einem halben Jahr! Na und?“ Ben blieb stehen, rang nach Luft und versuchte plötzlich, seinen Ton zu glätten. „Mila, hör mir zu… Das ist nichts Ernstes. Nur so eine kleine Geschichte. Mia ist jung, sie ist naiv. Ihre Mutter glaubt sogar, ich wäre ungebunden. Mia hatte Angst, ihr zu sagen, dass ich verheiratet bin, verstehst du? Dieser Zettel war ein Missverständnis. Die alte Frau hat die Gläser verwechselt oder einfach etwas Nettes geschrieben, ohne nachzudenken. Sie wusste es doch nicht!“

Mila sah ihn schweigend an. In ihrem Kopf fügten sich die Einzelteile in derselben Sekunde zusammen, während Ben, geblendet von seiner eingebildeten Wichtigkeit, nicht einmal begriff, wie offensichtlich alles war. Ein Versehen? Ein Streifen Klebeband, fest an die Innenseite des Deckels gedrückt?

Abrupt griff sie nach Bens Smartphone, das auf dem Tisch lag, und warf es ihm zu.

„Entsperr es.“

„Wozu? Mila, fang jetzt bitte nicht an mit diesem—“

„Entsperr das Telefon, Ben. Sonst fliegst du auf der Stelle samt deiner Marmelade vor die Tür.“

Mit zitternden Fingern legte Ben den Daumen auf den Sensor. Kaum war das Display hell, nahm Mila ihm das Gerät wieder ab. Sie scrollte rasch durch die Kontakte, fand einen Eintrag namens „Mia Logistik“ und tippte auf Anrufen. Dann stellte sie auf Lautsprecher und legte das Handy mitten auf den Tisch.

Das Freizeichen zog sich endlos. Ben stand daneben wie versteinert; feuchter Schweiß trat ihm auf die Stirn.

„Benni?“, flötete schließlich eine helle, zärtliche Mädchenstimme aus dem Lautsprecher. „Bist du schon daheim? Wie war die Fahrt?“

Mila ließ ihrem Mann keine Gelegenheit, auch nur ein Wort zu sagen.

„Guten Abend, Mia. Hier spricht Mila Zimmermann, Bens Ehefrau“, sagte sie mit eisiger Ruhe. „Wir haben die Marmelade geöffnet. Vielen Dank.“

Am anderen Ende brach eine Stille herein, so dicht, als hätte jemand den Ton abgedreht. Nur im Hintergrund klickte leise ein Fernseher von einem Sender zum nächsten.

„Äh… also… ich…“, stammelte Mia; ihre süße Vertraulichkeit war mit einem Schlag verschwunden. „Ich weiß nicht, was Sie meinen…“

„Geben Sie mir Ihre Mutter“, befahl Mila scharf. „Sofort.“

Es raschelte, jemand flüsterte hastig, Schritte entfernten sich und kamen wieder näher. Dann erklang aus dem Lautsprecher eine völlig andere Stimme: ruhig, fest, leicht heiser. Die Stimme einer erwachsenen Frau, die sehr genau wusste, was sie tat.

„Guten Abend, Mila“, sagte Mias angeblich naive Mutter. In ihrem Ton lag weder Überraschung noch Angst.

„Wenn ich das richtig verstehe, stammt die Nachricht von Ihnen?“, fragte Mila und verschränkte die Arme vor der Brust, ohne den Blick von dem kreidebleichen Ben zu lösen.

LebensKlüber