„Für meinen geliebten Schwiegersohn Ben, lass es dir schmecken. Mias Mutter.“ Mila erstarrte am Marmeladenglas, Ben verstummte unter der Dusche

Erstaunlich rührend, zugleich beunruhigend und ungeheuer persönlich.
Geschichten

— Mila, ich bin wieder da!

Bens Stimme klang aus dem Flur so beschwingt, als hätte das Wochenende bereits begonnen, dabei war es nur ein müder, zäher Dienstag. Mila fegte die letzten Gemüsestückchen vom Schneidebrett, rieb sich rasch die Hände am Küchentuch trocken und trat zur Tür. Ben kam von der Arbeit zurück, und zwar in einer Laune, die fast verdächtig gut war. Sein Gesicht, sonst nach einem Tag im Büro grau, abgespannt und von Stress gezeichnet, wirkte plötzlich erholt, beinahe heiter. In den Händen hielt er ein schweres Glas mit Marmelade.

— Sieh mal, was ich bekommen habe, — sagte er stolz und stellte das wuchtige Glas auf die Schuhkommode. Um Deckel und Hals war festes Packpapier gewickelt, darüber lag eine stramm gezogene grobe Kordel. — Von einem dankbaren Kunden aus dem Umland. Alles natürlich, direkt vom Hof! Das machen wir gleich zum Tee auf.

— Marmelade? — Mila kam ein Stück näher. — Nicht schlecht. Was war das denn für ein Kunde?

— Ach, so ein Typ. Ich habe ihm bei einem ziemlich verzwickten Vertrag geholfen. Egal, ich springe kurz unter die Dusche, dann esse ich. Ich habe einen Bärenhunger!

Er verschwand im Bad, und kurz darauf rauschte Wasser durch die Rohre. Mila nahm das Glas in die Hand. Es war tatsächlich schwer und kühl, als hätte man es eben erst aus einem Keller geholt. Sie stellte es auf die Arbeitsplatte, schob die Spitze der Schere unter den festen Knoten der Kordel und schnitt sie durch.

Das dicke Packpapier, das wie eine kleine Haube geformt war, löste sich ein wenig. Mila zog es nach oben vom Glas ab — und erstarrte.

Direkt auf dem goldfarbenen Blechdeckel klebte, mit mehreren Streifen durchsichtigem Klebeband befestigt, ein kleines weißes Papierquadrat. Es war ungleichmäßig aus einem karierten Notizblock gerissen worden. Mit blauem Kugelschreiber stand darauf in sorgfältiger, weiblicher Handschrift:

„Für meinen geliebten Schwiegersohn Ben, lass es dir schmecken. Mias Mutter.“

Im Bad verstummte das Wasser abrupt. Durch die Tür drang Bens gedämpfte Stimme; er summte fröhlich irgendeine Melodie vor sich hin.

Mila rührte sich nicht. Ihre Augen wanderten immer wieder über dieselben Worte. „Geliebten Schwiegersohn.“ „Ben.“ „Mias Mutter.“ Drei kurze Formulierungen genügten, um acht Jahre Ehe mit einem einzigen, krachenden Schlag zum Einsturz zu bringen.

Sie schrie nicht. Sie schleuderte das Glas nicht gegen die Wand und stürzte auch nicht ins Bad, um mit den Fäusten gegen die verriegelte Tür zu hämmern. Mit zitternden, aber erstaunlich sicheren Fingern zog sie den Zettel vom Deckel, faltete ihn einmal zusammen und steckte ihn wortlos in die Tasche ihres langen Hauscardigans. Danach nahm sie den Schwamm und wischte die ohnehin saubere Arbeitsplatte mechanisch, bis sie glänzte.

Als Ben schließlich, frisch geduscht, mit gerötetem Gesicht, sauberem T-Shirt und Jogginghose in die Küche kam, standen die Teller mit dem heißen Abendessen bereits auf dem Tisch. Neben seiner Tasse befand sich, als wäre nichts geschehen, das geöffnete Glas Himbeermarmelade.

— Oh, du hast es schon aufgemacht? — Ben rieb sich zufrieden die Hände und ließ sich auf seinen Platz fallen. — Der Duft ist ja der Wahnsinn. So etwas findest du in keinem Supermarkt.

Mit sichtbarem Appetit begann er zu essen. Mila setzte sich ihm gegenüber. Sie betrachtete den Mann, mit dem sie seit acht Jahren zusammenlebte. Beide waren Anfang bis Mitte dreißig: Mila war vierunddreißig, Ben sechsunddreißig. Eine gewöhnliche Ehe, ohne große Dramen, ohne besondere Romantik, festgefahren im Alltag. Bei ihnen gab es weder getrennte Konten noch irgendwelche modernen Abmachungen über persönliche Ausgaben. Es gab nur einen gemeinsamen Familientopf, in den beide Gehälter flossen und aus dem das Geld jedes Mal in beängstigender Geschwindigkeit wieder verschwand.

Die Kreditraten für die Zweizimmerwohnung am Stadtrand, die seit Jahren nicht endende Renovierung, die Kosten fürs Auto, Strom, Heizung, Lebensmittel — alles lag auf Milas innerer Liste. Ohne offiziellen Titel war sie die Finanzchefin und Organisationszentrale ihres gemeinsamen Lebens. Sie wusste, wann Rechnungen fällig waren, wann ein Handwerker bestellt werden musste und an welchem Datum Bens Autoversicherung auslief.

Ben hatte sich in diesem System längst auf die Rolle einer Funktion reduziert. Sein Gehalt versank irgendwo in den Tiefen der Haushaltsausgaben, und zu Hause erwartete man von ihm im Grunde nur, Mila nicht bei der Steuerung dieses Betriebs zu stören. Durch die sitzende Arbeit hatte er sich ein kleines Bäuchlein zugelegt, war bequem geworden und kam nur noch schwer in die Gänge.

LebensKlüber