„Welche Rücklagen?“ fragte Katharina beherrscht, nachdem Thomas angekündigt hatte, die Ersparnisse ihrem Sohn für ein Studio zu geben

Diese dreiste, herzlose Entscheidung wirkt zutiefst ungerecht.
Geschichten

„Im Grunde hat er sich seinen Anteil längst auszahlen lassen und ihn an seine Schwester weitergereicht“, fuhr Markus Bergmann fort. „Die Rechtsprechung spricht hier klar für uns. Damit weder er noch Ihre Schwägerin auf die Idee kommen, etwas eilig zu verkaufen oder umzuschreiben, stelle ich noch heute einen Antrag auf Sicherungsmaßnahmen gegen seine Konten und sein Vermögen. Und auch die Angelegenheit mit der Wohnung Ihrer Schwägerin bremsen wir aus: Das Grundbuchamt erhält von uns den Hinweis, dass die Herkunft der eingesetzten Mittel streitig ist.“

In den folgenden drei Tagen ließ sich Katharina Beck nichts anmerken. Sie deckte wie immer den Tisch, kochte Abendessen, erkundigte sich nach Thomas’ Aufträgen und bügelte sogar seine Hemden. Thomas wurde zusehends sorgloser. Offenbar glaubte er, seine Frau habe den Schlag geschluckt und werde sich fügen. Er begann sogar, laut über den Sommerurlaub nachzudenken, und erklärte, es werde Noah sicher guttun, endlich einmal selbstständig zu wohnen.

Der eigentliche Knall kam am Freitagabend. Andrea Winter tauchte bei ihnen auf, um sich mit Fotos der Schlüssel zu der neuen kleinen Wohnung zu brüsten. Sie saß auf dem Sofa, nippte an Jasmintee und malte sich mit übertriebener Begeisterung aus, welche Tapete wohl am besten in den Flur passen würde.

Katharina kam aus ihrem Arbeitszimmer. In der Hand hielt sie eine feste Mappe aus Karton. Ohne Eile ging sie zum Couchtisch und ließ die Unterlagen auf die glänzenden Zeitschriften fallen.

„Was soll das sein?“, fragte Thomas träge, ohne den Blick ganz vom Fernseher zu lösen.

„Eine Abschrift der Scheidungsklage und des Antrags auf Vermögensauseinandersetzung“, sagte Katharina mit einer Ruhe, die beinahe unheimlich wirkte. „Außerdem findest du darin den gerichtlichen Beschluss über die vorläufige Sicherung deiner Konten und über die schöne Wohnung, die ihr euch so clever organisiert habt, Thomas.“

Sein Gesicht verlor in einem Augenblick jede Farbe. Andrea erstarrte mit der Tasse in der Hand, wenige Zentimeter vor den Lippen.

„Welche Scheidung? Welches Gericht? Bist du vollkommen verrückt geworden?“ Thomas’ Stimme kippte, wurde schrill und brüchig. Er riss die Mappe an sich und begann, hektisch die Seiten zu überfliegen.

„Nein“, entgegnete Katharina kühl. „Ich bin bei klarem Verstand. Im Gegensatz zu euch beiden, falls ihr ernsthaft angenommen habt, man könne mein Geld einfach wegschaffen und das Ganze dann mit ein paar Reden über Familienpflicht erledigen.“

„Wegschaffen?“, kreischte Andrea und sprang vom Sofa auf. Der Tee schwappte über den Rand und landete auf dem hellen Teppich. Katharina zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Das ist das Geld meines Bruders! Er darf seiner Familie helfen! Du warst schon immer egoistisch. Immer nur deine Pläne, deine Häuser, deine Sicherheit! Wegen deiner Gier steht mein Junge jetzt auf der Straße!“

„Ihr Junge ist zweiundzwanzig“, erwiderte Katharina hart und verschränkte die Arme. „Er kann Pakete ausliefern, kellnern oder in einem Lager arbeiten. Und was die angeblichen Rechte betrifft: Markus Bergmann hat in der Klage sehr genau dargelegt, warum Thomas diese Überweisung nicht ohne meine Zustimmung tätigen durfte. Thomas, du hast über gemeinsames Vermögen verfügt, als gehöre es dir allein. Deshalb wird dein Anteil an dieser Wohnung um exakt diesen Betrag gekürzt. Anders gesagt: Diese Wohnung fällt vollständig mir zu.“

„Das kannst du nicht machen!“, brüllte Thomas und fuchtelte mit den Papieren. „Wir haben das gemeinsam entschieden! Wir sind eine Familie! Wir haben abgestimmt!“

Katharina lächelte bitter.

„Wie in einer absurden Komödie, Thomas. Ihr habt mit Mehrheit beschlossen, mich aus meinem eigenen Anteil herauszuwählen. Nur leider gehört die Garage in diesem Stück mir. Das Geld gehört mir. Und diese Wohnung ebenfalls.“

Danach wurde es hässlich. Andrea schluchzte, verfluchte Katharina, presste sich theatralisch die Hand aufs Herz und verlangte, man solle sofort einen Notarzt rufen. Thomas wechselte erst auf Mitleid, erinnerte an ihre Hochzeitsreise nach Prag, sprach von früheren Gefühlen und gemeinsamen Träumen. Als das nichts brachte, warf er Katharina vor, sie habe mit ihrer ständigen Arbeit sein Selbstwertgefühl zerstört. Schließlich verlor er jede Beherrschung und beschimpfte sie als kalte Buchhaltungsmaschine ohne Herz.

Katharina blieb am Fenster stehen und blickte hinaus auf die Lichter der Stadt. In ihr war weder Schmerz noch Enttäuschung. Da war nur eine erstaunliche Leichtigkeit, als hätte sich endlich ein Abszess geöffnet und das Gift begonnen, aus der Wunde zu weichen.

„Du hast genau zwei Stunden, um deine Sachen zu packen“, sagte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.

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