„Welche Rücklagen?“ fragte Katharina beherrscht, nachdem Thomas angekündigt hatte, die Ersparnisse ihrem Sohn für ein Studio zu geben

Diese dreiste, herzlose Entscheidung wirkt zutiefst ungerecht.
Geschichten

Er sammelte ausgesuchte Weine, ließ Hemden nach Maß anfertigen und tat so, als sei all das ein selbstverständlicher Teil seines Alltags. Katharina Beck schluckte es hinunter. Sie redete sich ein, Thomas Meier stecke eben in einer schwierigen Phase, ein kreativer Mensch brauche Raum, um sich zu entfalten, und in einer Ehe zählten vor allem Rückhalt, Geduld und Verständnis.

Der Gedanke, ein kleines Haus außerhalb der Stadt zu kaufen, war von ihr gekommen. Katharina sehnte sich nach einem eigenen Garten, nach stillen Abenden auf einer Terrasse, nach einem Ort, an dem man dem Lärm der Straßen und dem Geruch von heißem Asphalt entkommen konnte. Drei Jahre lang hatte sie alles zurückgelegt, was irgendwie übrig blieb. Das Geld landete schließlich auf einem Sparkonto von Thomas, weil seine alte Gehaltskundenvereinbarung bei der Bank angeblich bessere Zinsen für Premiumkunden vorsah. Katharina, die ihrem Mann vertraute, kam nicht einmal auf die Idee, darin eine Gefahr zu sehen.

Am Tisch breitete sich ein unangenehmes Schweigen aus. Nur das leise Klirren der Gabeln auf dem Porzellan war zu hören.

„Also habt ihr euch beraten und das beschlossen“, sagte Katharina langsam und sah Thomas unverwandt an.

„Ja, im Grunde schon“, erwiderte er und bemühte sich um einen lockeren Ton. Doch sein ausweichender Blick verriet, wie angespannt er war. „Jetzt mach doch bitte nicht den Abend kaputt. Ich zeige dir später alle Berechnungen. Andrea Winter zahlt das nach und nach zurück, sobald Noah Hartmann wieder festen Boden unter den Füßen hat. Schenkst du mir noch etwas Wein ein?“

Katharina stand wortlos auf, nahm die leere Flasche und ging in die Küche. Keine Szene. Kein Geschrei. Keine Tränen. Sie war es gewohnt, sich an Zahlen, Belege und Tatsachen zu halten.

Am nächsten Tag fuhr Thomas zu einem weiteren dieser sinnlosen Networking-Treffen, von denen er immer behauptete, sie seien beruflich entscheidend. Kaum war er aus der Wohnung, klappte Katharina seinen Laptop auf. Passwörter hatte er nie eingerichtet. Er war überzeugt, seine genialen Notizen und Nachrichten interessierten niemanden. Außerdem hielt er seine Frau für viel zu sehr mit ihrer Buchhaltung beschäftigt, als dass sie sich je um seine Angelegenheiten kümmern würde.

Katharina öffnete die Webversion der Bankanwendung. Das Passwort war im Browser gespeichert. Was sie auf dem Bildschirm sah, ließ sie hart schlucken. Das Sparkonto war bereits vor zwei Wochen aufgelöst worden. Der gesamte Betrag – 46.000 Euro – war auf Andrea Winters Konto überwiesen worden. Als Verwendungszweck stand dort: „Finanzielle Unterstützung für Familienangehörige“.

Sie druckte sämtliche Kontoauszüge aus. Danach durchsuchte sie Thomas’ E-Mail-Postfach und fand den Schriftwechsel mit einem Immobilienmakler. Daraus ging hervor, dass die Einzimmerwohnung in einem Neubau längst ausgesucht war. Andrea sollte schon am nächsten Tag den endgültigen Kaufvertrag unterschreiben und den vollen Kaufpreis von ihrem Konto begleichen.

Der Verrat traf Katharina nicht nur seelisch, sondern beinahe körperlich. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand von hinten die Luft aus dem Körper geschlagen. Sie ging in die Küche, füllte ein Glas mit kaltem Wasser und trank es in einem Zug leer. All die Jahre hatte sie diesen unreifen Mann mitgeschleppt, seine Trägheit entschuldigt, seine Launen bezahlt, seine Wünsche finanziert. Und nun hatte er einfach das Ergebnis ihrer jahrelangen Schufterei genommen und seiner Schwester geschenkt. Kein Respekt. Keine Dankbarkeit. Für ihn war sie offenbar nur ein bequemer Geldautomat gewesen, der plötzlich nicht mehr ordnungsgemäß funktionierte.

Noch am selben Tag vereinbarte Katharina einen Termin bei einem Anwalt. Markus Bergmann, früher bei der Staatsanwaltschaft tätig und inzwischen ein gefragter Fachanwalt für Familienrecht, dessen Kanzlei Katharina seit fünf Jahren buchhalterisch betreute, hörte ihr aufmerksam zu und ging die ausgedruckten Unterlagen Blatt für Blatt durch.

„Die Sache ist widerlich, aber keineswegs aussichtslos“, stellte Bergmann schließlich fest und tippte mit einem teuren Füller gegen die Tischplatte. „Vermögen, das während der Ehe erworben wurde, gilt grundsätzlich als gemeinschaftliches Vermögen. Eine Überweisung in dieser Höhe ohne Ihre Zustimmung lässt sich anfechten. Aber ich würde strategisch anders vorgehen. Die Wohnung, in der Sie beide derzeit leben, wurde ebenfalls während der Ehe gekauft?“

„Ja“, antwortete Katharina. „Aber die Kreditraten habe ausschließlich ich von meinem Geschäftskonto als Selbstständige gezahlt. Thomas hat in all den Jahren keinen einzigen Euro beigesteuert.“

„Sehr gut“, sagte der Anwalt. „Dann reichen wir die Scheidung ein und beantragen zugleich die Vermögensaufteilung. In diesem Verfahren führen wir an, dass Ihr Mann gemeinschaftliche Mittel in Höhe von etwa 45.000 Euro pflichtwidrig verwendet hat. Wir werden verlangen, dass dieser Betrag auf seinen Anteil an Ihrer jetzigen Wohnung angerechnet wird.“

LebensKlüber